Der europäische Unglücksfall Königin Astrid von Belgien

Aus dem Buchband «Blaues Blut. Royale Geschichten aus der Schweiz» von Michael van Orsouw. Erschienen im Verlag Hier und Jetzt.

Vorwort von Beat Gugger und Bruno Meier 

Es ist Donnerstag, der 29. August 1935, der Himmel ist blau, nur einzelne Wolken sind an diesem letzten Ferientag zu sehen. Ideal für eine gemütliche Autofahrt um den Vierwaldstättersee. Um 9.19 Uhr schnurren die acht Zylinder des neuen Packard-Cabriolets mit edlen Weisswandreifen und belgischem Kennzeichen auf der Seestrasse zwischen Merlischachen und Küssnacht. Die Beifahrerin hat die Strassenkarte auf ihrem Schoss und zeigt mit ausgestrecktem Arm auf die imposanten Flanken der Rigi. 

Da passiert es: Der Lenker ist kurz abgelenkt, er macht eine unkontrollierte Bewegung, der Wagen touchiert den etwa zwanzig Zentimeter hohen Bordstein. Um ein Unglück zu verhindern, tritt der Mann am Steuer aufs Gaspedal, was die Situation verschlimmert, denn der Packard donnert seitwärts gegen einen Birnbaum. Die Beifahrerin will aus dem Auto springen, doch da prallt es gegen einen zweiten Baum, die Frau und schliesslich auch der Fahrer werden herausgeschleudert. Erst im Schilfgürtel am Seeufer kommt der Wagen zum Stehen. 

Die schlimmen Folgen des Unfalls: Ein lebloser Frauenkörper liegt auf der Wiese, der Fahrer des Wagens – selbst an Gesicht und Arm verletzt – rennt zu ihr, nimmt sie in den Arm. Er küsst sie, redet auf sie ein, küsst sie wieder und wieder. Der andere, als Chauffeur gekleidete Mann auf dem Rücksitz, hat schwere Beinverletzungen erlitten und wird aus dem Unfallwagen getragen. 

Gut zu wissen

  • Wer: Astrid, Königin von Belgien. Geboren als Prinzessin Astrid Sofia Lovisa Thyra von Schweden.
  • Wann: Geboren am 17. November 1905 in Stockholm, gestorben am 29. August 1935 in Küssnacht am Rigi.
  • Was: Ihr Mann Leopold III. war ab 1934 König von Belgien.
  • Wie: Das Königspaar Leopold und Astrid von Belgien war sehr beliebt. Es wusste sich geschickt zu inszenieren, was die damals aufkommende Boulevardpresse dankbar aufnahm.
  • Bezug zur Schweiz: Königin Astrid stirbt bei einem tragischen Autounfall 1935 in der Schweiz. König Leopold III. lebt mit seiner zweiten Frau von 1945 bis 1950 im Exil am Genfersee.

Das Unglück zieht viele Schaulustige an. Sie beobachten, wie der Mann in Fahreruniform zum Polizisten Adalbert Kälin sagt: Nein, er sei nicht gefahren, «sondern mein Herr». Der noble Herr verweigert die Auskunft. Die Polizei findet bei der Durchsuchung des Wracks zwei belgische Diplomatenpässe, lautend auf Louis Lambert und Gattin, Industrieller aus Brüssel, zudem eine Mitgliedskarte des Schweizer Alpen-Clubs, Sektion Pilatus, ausgestellt auf «Comte de Réty». 

Nach ersten Erkundigungen erfährt die Polizei, dass weder Lambert noch Réty am Unfall beteiligt waren: Der Mann ist Leopold III., König von Belgien. Und bei der leblosen Frau handelt es sich um Astrid, Königin von Belgien. Er kommt mit Schürfungen, Schnittwunden und einer Gehirnerschütterung davon; sie aber stirbt an einem Schädelbruch und schweren Kopfverletzungen.

Königin Astrid von Belgien mit König Leopold von Belgien
© Svenska Dagbladets Årsbok 1926, Gemeinfrei

Die Lady Di der 1930er-Jahre

Der Verkehrsunfall ist eine Tragödie, die rasend schnell in ganz Europa bekannt wird.  Sie, die junge, ungekünstelte Schönheit aus dem Norden, ist tot. Sie, die «Königin der Herzen», wie sie genannt wird. Die sich als liebevolle Mutter der drei kleinen Kinder Charlotte, Baudouin und Albert inszenierte. Die ihre Zuneigung zu ihrem Gatten ungeniert und öffentlich zeigte. Sie war ein grosses Thema für die Gazetten in ganz Europa. Und sie brachte ein geteiltes Land wie Belgien zum Jubeln.

Wie später bei Lady Diana trauern ein ganzes Land und die vereinigte Boulevardpresse über den Tod – Astrid war nicht einmal dreissigjährig und eine Ikone, weil sie in einer Liebesheirat den belgischen Thronfolger geehelicht hatte. Das war eine Story, die man sich privat gerne erzählte, und die auch die Medien gerne weiterverbreiteten. 

Astrids Unfalltod fällt in eine Zeit, als vermehrt Bilder den Weg in die Zeitungen finden. Auf der ganzen Welt verkünden gedruckte Medien auf Seite eins den tragischen Tod der jungen Königin. Stellvertretend sei die Schweizer Illustrierte zitiert: «Urplötzlich reisst das Schicksal einen Faden entzwei und verwandelt selige Freude in bitteres Leid. Eine tote Königin, ein seelisch gebrochener Gemahl kehrt nach Luzern zurück.» Auch Belgiens Premierminister Paul van Zeeland nimmt die multimediale Emotionalität auf und sagt am Radio: «Gibt es ein Haus in Belgien, in dem keine Tränen, keine richtigen Tränen, die in den Augen brennen, um sie vergossen worden sind?» Bilder der verunglückten Königin finden reissenden Absatz, die Briefmarke mit schwarzem Trauerrand aus dem Kleinstaat Belgien mit 8 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern erreicht eine Auflage von fast 22 Millionen Stück.

Innerhalb von wenigen Stunden wird Küssnacht am Rigi von Schaulustigen überrannt. Sogar Reisebusse fahren zum Unfallort: Tausende finden sich auf der Uferstrasse ein, um die Unglücksstelle zu besichtigen. Souvenirjäger treten das Gras platt, reissen Grasbüschel mit Blutspritzern aus, suchen nach abgerissenen Teilen des Unfallwagens und schaben die Rinde vom Birnbaum. Der Abhang am Vierwaldstättersee verwandelt sich mit den Kränzen und Kondolenzbouquets in einen Blumenhügel. 

Auch bei den Einheimischen ist die Betroffenheit gross. Schweizer Prominente, denen man nicht auf Anhieb eine monarchische Fankultur attestieren würde, trauern vor Ort und hinterlassen ihre Visitenkarten, beispielsweise der Kunstmaler Cuno Amiet, der St. Galler Privatbankier Hermann Wegelin oder der spätere General Henri Guisan, aber auch der Schweizer Aussenminister Giuseppe Motta. Auf einem Band um einen Gladiolenstrauss heisst es: «Der lieben belgischen Königsmutter von einer einfacher Schweizer Mutter.» An der Stelle, wo Königin Astrid ihr Leben liess, hat jemand ein kleines Holzkreuz in den Boden gesteckt. 

Der Sarg der Königin ist bereits in die Villa Haslihorn in St. Niklausen überführt worden, wo die königliche Familie ihre Ferien verbrachte. Abends verlässt ein Sonderzug nach Brüssel mit den sterblichen Überresten den Güterbahnhof Luzern. An die Lokomotive ist ein Schlafwagen gehängt, dann folgt ein schlichter, schwarz ausgeschlagener Gepäckwagen mit dem blumenbekränzten Sarg – nur zwei oder drei Bahnlaternen werfen ein schwaches Licht. Hohe Schweizer Militärs, Diplomaten und belgische Honoratioren reisen mit. Um 22.15 Uhr verlässt der merkwürdige Sonderzug die Stadt Luzern. 

Das erinnert alles an die ebenso grossen Inszenierungen in Genf nach dem gewaltsamen Tod von Kaiserin Elisabeth im Jahr 1898. Auch jetzt stehen die Fahnen beim Bundeshaus und entlang der Bahnlinie auf Halbmast, an den Bahnhöfen versammeln sich Tausende Schweizerinnen und Schweizer, die den Sonderzug sehen und von Astrid Abschied nehmen wollen. 

Von dieser Königin Astrid, die als Astrid Sofia Lovisa Thyra und Tochter von Prinzessin Ingeborg und Prinz Karl, dem Bruder des schwedischen Königs, geboren worden war. Im Alter von 19 Jahren heiratet sie den belgischen Thronfolger Leopold III. 1934 werden die beiden zum jüngsten Königspaar Europas, manche sagen auch zum schönsten – nicht zuletzt dank einer geschickten Inszenierung mit retuschierten Fotografien. Astrid wird innerhalb von kürzester Zeit zum europäischen Mythos und zum Verkaufsrenner der damals aufkommenden Boulevardpresse, der nur mit dem heutigen Kult um das britische Königshaus vergleichbar ist.

Der Paparazzo auf dem Fahrrad

Dass der Unfalltod so grosses Aufsehen erregt, hat mit dem weiteren Geschehen am Unglücksort zu tun. Einer der Schaulustigen an der Unfallstelle ist Willy Rogg, ein 25-jähriger Student der Zahnmedizin. Sein Vater arbeitet als Amtsschreiber des Bezirks in Küssnacht und hat von einem Unfall «mit hochgestellten Leuten» gehört. Er ruft seinen Sohn an und schickt ihn mit dem Fotoapparat an die Unfallstelle. Willy radelt unverzüglich dorthin und sieht die leblose Frau. Er – ganz der angehende Mediziner – fühlt ihr den Puls, doch das Herz hat bereits aufgehört zu schlagen. Dann erinnert er sich – ganz der Amateurpaparazzo – an den väterlichen Auftrag und erstellt sechs Fotoaufnahmen: Sie zeigen das zerstörte Auto, die Unfallstelle und den Moment, als die Leiche der Königin eingesargt wird.

Rogg pedalt eilig nach Weggis, um die Fotos entwickeln zu lassen. Er übergibt die Bilder einem Reporter der Schweizer Fotoagentur Photopress. Doch dieser erreicht seinen Chef nicht und kann sich selbst nicht zur Übernahme der Bilder entschliessen. Als sich ein Journalist der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) bei Rogg meldet, wittert dieser das grosse Geschäft. Er verkauft seine Exklusivbilder für je hundert Franken, setzt sich auf Spesenrechnung von AP in Luzern in ein Taxi und fährt auf schnellstem Weg zum Flughafen Dübendorf. 

Nachdem ihm die Bildagentur Associated Press in London die Abnahme der Fotos garantiert hat, wird für 5000 Franken ein Flugzeug gemietet. Nur – es ist bereits dunkle Nacht. Soll die Swissair für die Paparazzo-Bilder den ersten Nachtflug ihrer Geschichte wagen? Weil die Piloten ihre Flugzeuge zu dieser Zeit vor allem auf Sicht fliegen, kommen solche Flüge nicht infrage. 

Doch einer wagt es: Am Steuerknüppel sitzt nicht irgendein Pilot, sondern der ebenso legendäre wie populäre Walter Mittelholzer (1894–1937), technischer Direktor der 1931 gegründeten Swissair. 

Solche Promi-Bilder wie die von Astrids Unfall sind ganz nach dem Geschmack Mittelholzers, der auch ein gewiefter und erfolgreicher Medienunternehmer ist. Er trifft sich gerne mit Prominenten aus Wirtschaft, Politik und Showbusiness. Weil er inzwischen mehr Manager und Bildervermarkter als Pilot ist, scheint ihm der Nachtflug trotz seiner Alpen- und Afrikaflüge nicht ganz geheuer. Deshalb bittet er fünf Minuten vor dem Start den erfahrenen Piloten Robert Gsell (1889–1946) an Bord. Gsell, wahrscheinlich der bessere Pilot als Mittelholzer, ist Weltrekordhalter im Dauerfliegen, Oberexperte und ETH-Dozent für Flugwesen. Dieser findet es zwar ein wenig merkwürdig, für ein paar Bilder in der Nacht eine Douglas DC-2 zu starten – eine Maschine mit 14 Plätzen! Dennoch heben Mittelholzer und Gsell mit dem Douglas-Schnellflugzeug um 21.35 Uhr in Zürich-Dübendorf ab.

Eisstücke prasseln auf den Rumpf

Während die Lichter von Zürich noch «feenhaft» zu sehen sind, wie Gsell notiert, blinken bereits die Lichter von Basel und Belfort. Die beiden Piloten berechnen mit einem kreisförmigen Rechenschieber den richtigen Flugwinkel, von Zeit zu Zeit donnern sie durch ein Wolkenloch. Sie wissen nicht mehr, wie weit sie schon geflogen sind, denn aufgrund der Wolken ist vom Boden nichts mehr zu sehen. Trotz der Sommernacht ist es bitterkalt, auf der Flughöhe von 4500 Metern hat sich Eis an den Luftschrauben gebildet, die Kabinenfenster sind zugefroren. Plötzlich prasselt Eisregen auf den Flugzeugrumpf, so laut, als würde es Kieselsteine aus dem Himmel schütten.

Gsell erhöht die Drehzahl der Propeller, damit das Eis abgeschleudert wird. Via Kopfhörer rumort es wie in den Kindertagen des Rundfunks; der Flug ist alles andere als angenehm. Doch zur Erleichterung der Piloten geht der Niederschlag in Regen über. Allmählich weichen die Wolken, und der Blick in die Tiefe zeigt den Ärmelkanal und dahinter die Leuchtfeuer der Schifffahrt. Die Beruhigung ist gross, als die drehenden Lichtfinger des Flugplatzes von London zu sehen sind.

«Gegenüber dem Dunkel grosser Teile Frankreichs habe ich das Gefühl, im helllichten Tage zu fliegen», schreibt Mittelholzer später. Auch die Funkverbindung kommt zustande, sodass die Piloten den Sinkflug einleiten können. Das Rollfeld ist erleuchtet, die Maschine setzt nach drei Stunden und zwanzig Minuten nachts um 0.55 Uhr weich auf und kommt zum Stehen. Schon Sekunden später entreisst ein Bote den Piloten die wertvollen Fotos und braust auf einem Motorrad davon. 

Der erste Nachtflug der Swissair ist gelungen – und er führt dazu, dass die Unfallbilder aus Küssnacht auf der ganzen Welt Verbreitung finden. Denn die Nachrichtenagentur Associated Press in London setzt die neue Methode des Bildrundfunks ein. Dabei werden die Bilder in Töne umgewandelt und drahtlos übertragen. So kommt es, dass die Fotos der toten jungen Königin noch in der Nacht auf die Redaktionen in der ganzen Welt gelangen und bereits zum «Early Morning Tea» die Leserschaft erschaudern lassen.

«B. B. King, Roland Kaiser, Les Reines Prochaines, Queen …»

Die Anziehungskraft des Adligen reicht in alle Musiksparten.

Die Schweizer Flugpioniere Mittelholzer und Gsell sind stolz auf ihre Leistung. Nach kurzer Nacht laden sie englische Zeitungen mit «ihren» Fotos der verunglückten Königin in ihre DC-2. Erst dann fliegen sie in die Schweiz zurück, wo sie gegen Mittag ankommen. 

Dort ist in der Zwischenzeit einiges passiert: Zwischen Fotoabgabe und Zeitungsdruck erhielt der Hobby-Paparazzo Willy Rogg einen Anruf des bekannten belgischen Aussenministers Paul-Henri Spaak. Dieser bat den jungen Schweizer ausdrücklich, die Bilder nicht zu veröffentlichen. «Je regrette», meinte Rogg, «die Bilder sind bereits in London.» Aber sie würden keine Nahaufnahmen zeigen und seien seiner Meinung nach keineswegs sensationslüstern.

Auch die Behörden in Küssnacht arbeiten weiter an dem Fall. Sie untersuchen den Unfall mit der gebotenen Präzision. Augenzeugen werden befragt, Mediziner verfassen einen Bericht über das Opfer, eine Karte des Unfallorts und eine Zeichnung des Unfallvorgangs werden erstellt. Auch das Cabriolet wird eingehend untersucht, alles war in perfektem Zustand, einschliesslich der Bremsen.

Garagist Erwin Mühlemann-Tresch, bei dem das Autowrack eingelagert wird, weiss um die Attraktivität des zerstörten Wagens. Deshalb lässt er Journalisten und Fotografen einen Blick darauf werfen – aber nur gegen eine Gebühr von dreissig Rappen! Prompt beklagt sich die belgische Presse über den pietätlosen Geschäftemacher, und das Schweizer Aussenministerium muss dämpfend zum «beklagenswerten Verhalten des Garagisten» Stellung beziehen und die Wogen glätten. 

Bereits kurz nach dem Unglück ist den Schweizer Behörden klar, dass sich der Unfallort zur Gedenkstätte für Belgier und Monarchiefans aller Länder entwickeln könnte. Die Eidgenossenschaft ersteht die zwei Parzellen: Der eine Besitzer verkauft sie zum damals handelsüblichen Preis von 18 Franken pro Quadratmeter. Der andere wittert ein Geschäft und verlangt 50 Franken, sodass ihn der Bundesrat kurzerhand enteignet. Die Eidgenossenschaft übergibt den Unglücksort Volk und Krone von Belgien. Bereits ein Jahr nach dem Unfall steht am Gedenkort die Astrid-Kapelle. Gestaltet hat sie der belgische Vorzeigearchitekt Paul Rome, gebaut die lokale Baufirma Gambaro, übrigens ganz aus belgischem Granit. Astrid wird im dreiteiligen Glasmalereizyklus als selbstlose Märtyrerin verehrt, fast wie eine Heilige, was ihrem Gatten später zum Verhängnis wird.

Astrid, Prinzessin von Schweden, Königin der Belgier
Astrid, Prinzessin von Schweden, Königin der Belgier © Wikimedia commons

Kein Wort über die Mutter

Leopold III., der verwitwete König und Lenker des Unfallwagens, ist über den Tod seiner Gattin noch lange nicht hinweg. Seinen drei Kindern verbietet er, je über ihre Mutter zu sprechen, er lässt ihr Zimmer auf Schloss Laeken unberührt und bewahrt ihren blutverschmierten Rock auf. So verwundert es nicht, dass es Leopold nicht zur Eröffnung der Gedenkkapelle am Unfallort schafft; immerhin lässt er einen Kranz niederlegen. Die Schweiz wird für ihn später aber von grosser Bedeutung sein.

Denn die Verdrängung, die sein Umgang mit Astrids Tod aufscheinen lässt, zeigt sich auch in seiner sonstigen Haltung. 1940 kapituliert Belgien gegenüber Nazi-Deutschland. Anders als die belgische Regierung oder die Monarchen von Norwegen und Königin Wilhelmina der Niederlande, die aus dem Exil den Widerstand aufrechterhalten, lässt Leopold sich in deutsche Gefangenschaft nehmen – ein Verhalten, das ihm viele Belgierinnen und Belgier als Verrat und Feigheit auslegen. Er wird in seinem Schloss unter Hausarrest gestellt. Als Leopold III. dann auch noch Adolf Hitler auf dem Obersalzberg in Berchtesgaden besucht, verliert er weitere Sympathien.

Die Stimmung gegen Leopold kippt vollends, als er mitten im Krieg – 1941 – die schwangere Lilian Baels heiratet. Während die Bevölkerung unter der deutschen Besatzung leidet, feiert der König seine Hochzeit mit Pomp und Lichterglanz. Als die Öffentlichkeit erfährt, dass Adolf Hitler dem Ehepaar zur Hochzeit ein Glückwunschtelegramm mit Blumen zusendet, wird das als mangelnde Distanz zum Nationalsozialismus interpretiert. Lilian Baels ist ausserdem eine Bürgerliche, Tochter eines mit den Nazis kollaborierenden Industriellen und kleidet sich extravagant, was in Belgien ebenfalls nicht gut ankommt. Zwar nennt sie sich nicht Königin, sondern nur «Prinzessin Lilian von Belgien» und verzichtet auf alle royalen Ansprüche für sich und ihre Nachkommen. 

Dennoch wird Leopold die Heirat als übler Verrat an der unvergessenen, mittlerweile mystifizierten Königin Astrid ausgelegt. Das herzerweichende Bild des trauernden Witwers mit den drei Halbwaisen ist dahin. «Lustig, lustig, lasst uns heiraten!» lautet eine der bissigen Zeitungsüberschriften und spiegelt die Stimmung in Belgien.

Leopolds Popularität befindet sich daraufhin im freien Fall. Fotos von ihm und seiner Astrid, die bisher belgische Stuben zierten, werden reihum entfernt. Als der belgische König 1944 ins Schloss Hirschstein in Sachsen und 1945 nach Strobl in Österreich deportiert wird, mutmassen Untergrundmagazine, Leopold habe sich deportieren lassen, um sein Image aufzubessern. Die Stimmung in Belgien ist eindeutig gegen Leopold gerichtet: Weil er sich auch noch gegen die Beschlüsse der belgischen Exilregierung stellt, erklärt ihn das Parlament in Brüssel offiziell für «unfähig, zu regieren». Stattdessen wird Leopolds Bruder Karl Prinzregent von Belgien. 

Leopold bleibt nichts anderes als der Weg ins Exil – wogegen er sich 1941 noch so gestemmt hatte. Als Exil wählt er die Schweiz, nämlich das kleine Dorf Pregny-Chambésy, einen Vorort Genfs. Dort wohnt er mit seiner neuen Frau und den Kindern aus erster und zweiter Ehe auf dem herrschaftlichen Landgut Le Reposoir. Der spätere König Baudouin besucht das Lycée in Genf.

Der kaltgestellte König Leopold sitzt am Ufer des Lac Léman und schmollt über die mangelnde Wertschätzung seines Volkes. Eine offizielle Untersuchung der Vorkommnisse im Zweiten Weltkrieg wäscht ihn rechtlich rein. Doch Volkes Stimme orientiert sich an der Moral, und die bleibt im Keller. 

1950 droht Belgien zu zerbrechen. Heftige Strassenschlachten, wilde Streiks und Regierungskrisen bringen das Land an den Abgrund, zudem bricht der Streit zwischen Flamen und Wallonen wieder auf. Unter diesen dramatischen Umständen kommt es zur Volksabstimmung: Knapp 58 Prozent stimmen vor allem aus regionalpolitischen Gründen für die Rückkehr des Königs. Leopold III. ist guten Mutes. Aber als er in Pregny die Koffer packt und nach Brüssel zurückkehrt, ist der Empfang in Belgien mehr als frostig. So ringt sich Leopold III. zu einem folgenreichen Entscheid durch: Er dankt 1951 zugunsten seines zwanzigjährigen Sohnes Baudouin ab, «um die Einheit des Landes und die Monarchie zu erhalten».

Das mondäne Acht-Zylinder-Cabriolet der Marke Packard, das Unfallauto von Küssnacht am Rigi, lässt König Leopold III. «an der tiefsten Stelle» des Vierwaldstättersees versenken. Dort, auf der Höhe von Schloss Meggenhorn, soll das Wrack noch heute in 200 Metern Tiefe liegen. Trotz der Suche von selbst ernannten Archäologietauchern bleibt es bis heute verschollen. 

Leopold wird es recht sein.

Blaues Blut. Royale Geschichten aus der Schweiz», Michael van Orsouw, Verlag Hier und Jetzt, 2019, CHF 39.–. www.hierundjetzt.ch

Michael van Orsouw

ist Schriftsteller und promovierter Historiker aus Zug. Er hat für sein literarisches Schaffen diverse Auszeichnungen und Literaturpreise in Deutschland, Österreich und der Schweiz erhalten. Er schreibt Bücher, für die Bühne und fürs Radio. www.michaelvanorsouw.ch