55. Rütli Aus «Staatsmann im Sturm»

Am 1. August erst, am Radio direkt vom General, erfuhr das Schweizervolk, dass sich vor einigen Tagen auf der Wiese des Rütli die Truppenkommandanten der Armee versammelt hatten. Dem General gegenüber standen 650 Offiziere aller Waffengattungen, jeden Alters, jeden Grades, verschiedenen Glaubens, verschiedener Berufe und Sprachen. Alle Brüder, alle geeint im gleichen Gedanken: Dienen. General Guisan schilderte, wie vor dem Hintergrund des Sees die Schweizer Fahne sich abhob, eskortert von vier stämmigen Füsilieren des Urner Bataillons, Nachkommen derer, die sechseinhalb Jahrhunderte vorher am gleichen Ort den Eid schworen, der uns bindet: 

Le Paysage parlait à notre coeur et à notre esprit. De cette prairie lumineuse montait un mystérieux appel: appel de ceux qui s’unirent pour nous ouvrir la voie.

Barbey hatte die Gedanken des Generals wieder einmal mis en musique. Der fantasievolle Stabschef war es auch, der die Idee eines Rapports auf dem Rütli hatte, nachdem Guisan sich am 6. Juli für eine Neugruppierung der Armee im Zentralmassiv entschieden hatte. Das Réduit, welches das Aufgeben der von den Soldaten in langen Monaten im Schweiss ihres Angesichts befestigten Armeestellung bedeutet, musste den Truppenführern plausibel gemacht werden. Dem General selber war klar, dass dies nicht bloss mit einem schriftlichen Befehl geschehen konnte. Er wollte seinen Offizieren in die Augen schauen, wenn er ihnen seine Botschaft überbrachte.

So kamen Passanten in Luzern am Donnerstag, 25. Juli, in den Genuss eines «Goldregens», wie der Volksmund eine Ansammlung hoher Offiziere nennt. Am Schiffsteg warteten um halb elf Hunderte von Hochrangigen – von den lorbeerbekränzten Korpskommandanten, Divisionären und Brigadiers bis hinunter zu den Obersten und Majoren mit «Nudeln» am Hut. Tagebuch Barbey:

Die Offiziere nehmen bei Ankunft des Generals Stellung an. Das Publikum bricht in Beifall aus. Einige sagen: «Alle Eier im gleichen Korb.» In der Tat ist hier der Grossteil der Kommandanten der kämpfenden Truppe versammelt.

Spionageabwehr-Chef Oberst Jaquillard hatte Sicherheitsmassnahmen angeordnet. Die «Stadt Luzern» war auf Sprengstoff abgesucht worden. Zwei oder drei Jäger vom Typ Morane würden den stolzen Raddampfer auf seiner Fahrt an den Bestimmungsort, das Rütli, begleiten. Trotzdem war es ein Risiko, 400 bis 450 hohe Offiziere – nicht 650 wie Guisan meinte – der Gefahr eines deutschen Fliegerangriffs auszusetzen.

Auf dem Rütli meldete der dienstälteste Korpskommandant Miescher die vor ihm im Viertelkreis aufgestellten Offiziere dem General. «Ruhn». Guisan brauchte für seine Rede nicht Barbeys 26-seitigen Entwurf, sondern sprach, mit einem Notizheft in der Hand, frei. Französisch natürlich. Die von ihm verlesenen Soldatenbriefe, welche die Stimmung in der Armee illustrieren sollten, auf Deutsch. Der Text der zwischen 20 und 30 Minuten dauernden Rede ist nicht übermittelt.

Der Guisan wohlgesinnte Oberst Du Pasquier schrieb in seinem Journal:

Der allgemeine Eindruck dessen, was er uns gesagt hatte, war die Reise nicht wert. Er war nämlich ziemlich nichtssagend (quelconque) und dies ist schade. Sein Geist ist klar und lebendig, er spricht als Chef, aber ihm fehlt es an der Kultur, die es ihm erlaubt hätte, seinem Wort eine eindrücklichere Form zu geben.

Noch kritischer äusserte sich der Zürcher Bataillonskommandant Edmund Wehrli, der ein paar Tage zuvor an Hptm. Ernsts Luzerner Verschwörerrapport dabei war:

Als wir zum Rütlirapport aufgeboten wurden, atmeten wir auf. Jetzt würde der General endlich neue Befehle und Instruktionen über die Kampfführung erteilen. Aber, Hergottnocheinmal, der General hielt uns nur eine Sonntagspredigt.

Auch Korpskommandant Labhart und Divisonskommandant Constam sollen den Appell für unnötig gehalten haben. Labhart im Tagebuch: «Ich fahre mit Artilleriechef um 09.45 zum Armeerapport auf dem Rütli. Rückkehr um 16.00.»

Am 1. August bilden verschiedene Zeitungen erstmals eine zensurierte Aufnahme vom Rütlirapport ab, die den unter einem prächtigen Laubbaum versammelten Offizierspulk zeigt. Dazu stellen sie den «Rütlibrief an einen Schweizer Soldaten». Der anonyme Briefschreiber schildert mit poetischem Schwung die Szene:

Der Föhn hatte zwar einen Teil des Himmels rein gefegt, aber von überall her lauerten schwarze Wolkenheere. Der Pilatus kam den ganzen Tag nicht aus seiner Nebelkapuze heraus. Die beiden Mythen hatten sich wehende Barette zugetan, wie sie einst auf den Schlachtfeldern Europas die Landsknechte trugen, gegen die sich unsere Schweizer Krieger so oft geschlagen haben. Nur der Bürgenstock war wie eine Lichtinsel mit seinen sonnverbrannten Felswänden, mit seinen hellen Weiden in dunkle Wälder gebettet.

Zum Autor

Hanspeter Born, geb. 1938, Schulen in Bern, Dr. phil. hist.; Redaktor beim Schweizer Radio, USA-Korrespondent; Auslandchef der Weltwoche (1984–1997);Autor von Sachbüchern, darunter «Mord in Kehrsatz», «Für die Richtigkeit –Kurt Waldheim» sowie (mit Benoit Landais) «Die verschwundene Katze» und «Schuffenecker’s Sunflowers».

Der «Schweizer Offizier» schreibt seinen «lieben Kameraden»:

Ich weiss, dass Du die eidgenössischen Sorgen kennst. Du hast sie Dir doch stundenlang durch den Kopf gehen lassen, wenn das harte Stroh des Kantonnements und das Verantwortungsgefühl dem Land gegenüber Deinen Schlaf verscheuchten. Es wird sich schon eine Lösung finden. Sie heisst: Vertrauen. Vertrauen in das Schicksal unseres Landes. Vertrauen in die Lebenskraft unseres guten Schweizerblutes. Vertrauen in die günstige Vorsehung, die uns bis jetzt von der Kriegsnot verschont hat. Bis jetzt, Kamerad. Das will nicht heissen, dass es fürderhin auch so bleiben wird. Aber wenn das Schlimmste über uns hereinbricht, soll das Schicksal uns einig und parat treffen, schweizerisch bis ins Knochenmark, schweizerisch bis ins tiefste Herz, schweizerisch bis in den hintersten Seelenwinkel.

Nach diesem flammenden Aufruf kehrt der Briefschreiber zurück auf die einsame Wiese am Berghang:

Als der General gesprochen hatte, fügte er hinzu: «Und nun meine lieben Kameraden, bevor wir die Rütliwiese verlassen, ein letzter Gruss der Fahne des Urner Bataillons!» Er macht Rechtsumkehrt und nahm Stellung an, grüsst die Fahne, um welche vier Deiner Urner Kameraden die Wache hielten. Wir haben das gleiche getan. Die Fahne senkte sich und wir standen unbeweglich, und spürten wie es heiss aufstieg in uns. In diesem Moment haben wir nicht nur wortlos den Rütlischwur erneuert, sondern auch unser Gelöbnis an die Heimat.

Schlusswort:

Nie soll auf dem Gotthard eine andere Fahne wehen als die Schweizerfahne: das strahlend weisse Kreuz auf blutigrotem Grund.

Die Abteilung Presse und Rundspruch hat den richtigen Berichterstatter an den Rütlirapport geschickt. Seine Kollegen im Armeestab kennen den Briefschreiber, Oblt. Hugo Faesi, Redaktor beim «Schweizer Soldat». Der Öffentlichkeit wird sein Name verschlossen bleiben.

Mehr als die nie schriftlich festgehaltene Ansprache des Generals werden die Worte des unbekannten Offiziers das Ereignis ins Gedächtnis des Schweizervolks einprägen. Ein Mythos – noch ahnen es die Zeitgenossen nicht – ist geboren.


«Staatsmann im Sturm»

Cover: Staatsmann im Sturm

Hitlers Blitzsiege machten 1940 zum gefährlichsten Jahr in der jüngeren Geschichte der Schweiz. Das völlig eingeschlossene Land war auf Gedeih und Verderb Nazi-Deutschland ausgeliefert. Die Last seiner Aussenpolitik lag auf den Schultern von Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz. Mit viel Geschick steuerte er die Schweiz unbeschadet durch stürmische Monate. In der Geschichtsschreibung gilt der Waadtländer als «Anpasser», der den Nazis zu Gefallen war. Hanspeter Born zeichnet ein anderes Bild des Juristen, Schöngeists und Landwirts aus der Romandie. Seine auf Primärquellen, teils unbekannte Dokumente aus dem Familienarchiv Pilet, beruhende Studie wertet den Umstrittenen als klugen und standfesten Staatsmann.«Die kapitale Mission des Bundesrates in den gegenwärtigen Zeitläufen besteht darin, das Land in der Unabhängigkeit und Freiheit zu erhalten. Sein Wille, hiefür seine ganze Energie und seine ganze Umsicht einzusetzen, braucht keinerlei besondere Erwähnung. Dinge, die sich aufdrängen und über jeder Diskussionstehen, verlieren, wenn man sie wiederholt.» Marcel Pilet-Golaz, Lausanne, 12. September 1940


Hanspeter Born, Staatsmann im Sturm. Pilet-Golaz und das Jahr 1940. Münster Verlag 2020, gebunden, mit Schutzumschlag, 540 Seiten, CHF 32.–. ISBN 978-3-907 146-72-, www.muensterverlag.ch

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagsgestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld
Umschlagsbild: KEYSTONE-SDA / Photopress-Archiv 

Beitrag vom 04.02.2024

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