54. Bundesfeiertag Aus «Staatsmann im Sturm»

Endlich Premiere der «Schweizer Filmwochenschau». Bereits am 16. April hat der Bundesrat die Schaffung einer subventionierten schweizerischen Aktualitäten Sendung beschlossen – kurz nach Beginn des deutschen Einfalls in Skandinavien. Das in Genf von einer Privatfirma produzierte, dreisprachige Ciné Journal suisse, dessen Ausstrahlung für Schweizer Kinos obligatorisch ist, soll die erfolgreiche «Deutsche Wochenschau» konkurrenzieren.

Die Spiesse sind ungleich. Ein Heer von Journalisten, Kameraleuten, Regisseuren und Tonmeistern produziert die deutsche Sendung. Goebbels überwacht jede Ausgabe persönlich, oft sieht sich Hitler die Rohfassung an. Für die frischgeborene Schweizer Wochenschau hastet ein einziger Operateur durchs Land, um wöchentlich Filmchen zu drehen. Gesamtlänge einer Ausgabe: 100 Meter, 3 Minuten 40 Sekunden. Dies ist wenig im Vergleich zur hochprofessionellen Deutschen Wochenschau, die eine halbe Stunde oder mehr dauert.

Im Departement Etter macht sich der zuständige Beamte Dr. Gustav Melliger keine Illusionen:

Die Schweizer Filmwochenschau wird sich sowohl in Bezug auf den Umfang wie hinsichtlich der Qualität als ausserordentlich bescheidene Leistung erweisen. Weite Kreise werden enttäuscht sein – mit Recht.

«Nach dem geräuschvollen Tanz, der seit Jahren um die Sache aufgeführt» werde, habe der Berg ein «Horaz’sches ridiculus mus» geboren, schreibt Melliger seinem Chef.

Wochenschau-Chefredaktor Paul Ladame hatte Pilet angefragt, ob er bereit wäre, als Auftakt zur ersten Nummer eine einminütige Erklärung auf Deutsch, Französisch und Italienisch abzugeben. Man würde ihn sitzend an seinem Arbeitstisch filmen und dazu würden seine Worte, synchronisiert mit dem Film, aufgenommen. Pilets Sekretärin Mme Nelly Hunziker antwortete, der Bundespräsident weile gerade in Les Chanays. Ohne seine Antwort vorwegnehmen zu wollen, könne sie sagen, dass «er generell diese Sorten von Mitarbeit ablehnt». Etter seinerseits zöge es vor, den Bundespräsidenten für die 2. Ausgabe zu filmen, wenn er am 1. August vor dem Radiomikrofon zum Schweizervolk spreche. Dieser «Gegenvorschlag» missfällt Chefredaktor Ladame. Das Volk habe dann Pilet bereits gehört. Ein Redner vor dem Mikrofon sei «filmisch kein dankbares Thema». Pilet verpasst die Chance, mit einem wirksamen Auftritt sein Image aufzupolieren.

Am Abend des 31. Juli sehen Pilet und die andern Premierenbesucher Aufnahmen von französischen und polnischen Uniformierten, die entmutigt die Grenze überschreiten. Nächstes Bild: Die Internierten schlafen in warmen Wolldecken, kriegen nahrhafte Kost, die von lachenden Kolonialsoldaten lustvoll verzehrt wird. Sie liegen nicht auf der faulen Haut. Männer in Einerkolonne schleppen auf ihren Schultern halbe Baumstämme ins Tal oder riesige Schweinskeulen in die Metzgerei. Das Bild eines französischen Soldaten, der aus dem Lager seiner Familie schreibt, leitet über nach Genf zur Internationalen Zentralstelle für Kriegsgefangene. Begleitet von einer munteren Melodie des Komponisten Hans Haug, sortieren emsige Frauenhände Abertausende von Gefangenenbriefen. IKRK-Präsident Max Huber liest stolpernd ein paar Sätze ab: Die Schweiz hilft den Kriegsopfern aller Länder. Drittes Sujet: Sprengung in einem Walliser Steinbruch. Knall, Felsmassen krachen hinunter, dicke Staubwolke. Tausende Tonnen Granit werden die Baustellen des Landes füttern. Die Schweiz arbeitet. Nach weniger als 4 Minuten ist die Herrlichkeit vorbei.

In schweren Zeiten kommt dem Bundesfeiertag besondere Bedeutung zu. Der Bundesrat hat den Kantonen Weisungen über die Durchführung einer «würdigen» und «einfachen» Feier gegeben. Der Berner Radiodirektor Kurt Schenker schickt Bundespräsident Pilet eine «Ideendisposition» für eine Gemeinschaftssendung, betitelt «Eidgenössische Tagwacht». Zwischen 06:20 und 06:50 spräche zuerst der Bundespräsident, gefolgt von Wortmeldungen eines «jungen Schweizers», eines «Intellektuellen», einer «berufstätigen Frau vom Land», eines «Feldpredigers», der Vortrag eines «dem Arbeiter gewidmeten» Gedichts und ein Schlusswort des Generals – alles umrundet von musikalischen Einlagen. Pilet lässt Schenker kommen und empfiehlt ihm die geplante Frühsendung durch ein militärisches Kurzkonzert und eine Rede des Generals zu ersetzen. Er selber will nach Feierabend zum Volk sprechen.

Der 1. August ist ein Arbeitstag. Beim Frühstück hören Herr und Frau Schweizer die knappe Rede ihres Generals:

Unter dem Eindruck der Berichte, die Augenzeugen über die Schlachten im Ausland bringen, fragen sich viele: «Wozu Widerstand leisten?» und ziehen den Schluss: «Was wir auch tun, wir sind nicht in der Lage, uns zu verteidigen.» So zu denken ist keines Schweizers und keines Soldaten würdig. Wer so denkt, weicht zurück vor der Pflicht. Er verkennt unseres Landes natürliche Stärke und die unvergleichlichen Möglichkeiten des Widerstandes, den der bewaldete, viel gestaltige Boden, reich an Hindernissen und Deckungen, und unsere Berge bieten. Das Vorgehen bei der Schlacht von Morgarten gebe Euch ein ewiges Vorbild, Euch Soldaten und auch Euren Führern.»

In der abendlichen Gemeinschaftsendung von Beromünster, Sottens und Monte Ceneri singt der Berner Pfarr-Cäcilienverein je ein Lied auf Französisch, Deutsch und Italienisch sowie zum Schluss den Schweizerpsalm mit je einer Strophe in einer verschiedenen Landessprache. Pilet hätte lieber direkt gesprochen, liess sich aber überreden, dass aus technischen Gründen die Rede zuvor auf Band aufgenommen wurde.

Nach Jacques-Dalcroze’ Hymne à la patrie ertönt gegen 18 Uhr 45 auf der Welle des Senders Beromünster Pilets Stimme: «Confédéres, hommes et femmes des cantons, En ce soir solennel…»

Nachdem dem Bundespräsidenten vorgeworfen worden ist, er habe am 25. Juni den Dank an die Soldaten vergessen, holt er dies jetzt nach. Die deutsche, von einem Sprecher verlesene Übersetzung lautet:

Sie [unsere Soldaten] sind inmitten eines erschütterten Europas die unbeweglichen und stummen Schildwachen, aufrecht in den physischen und moralischen Stürmen, wachsam, nur eingedenk ihres Befehls: bereit sein; unsere Soldaten, der Teil der Nation, der unseren Herzen besonders nahe steht, der ihre mannhaftesten und ältesten Tugenden verkörpert; an unsere Soldaten, ob unter den Fahnen oder nach Hause zurückgekehrt, und von denen jeder in seiner Reihe, jeder, komme was wolle, auf seinem Posten steht, richtet, vom General bis zum einfachsten Wehrmann, der Bundesrat, indem er heute wie gestern und morgen wie heute auf ihre Disziplin und ihren ganzen Einsatz baut, seinen vaterländischen Gruss, der von der Dankbarkeit für das Vergangene erfüllt ist und von der Zuversicht, mit ihm das künftige Geschick des Landes in Ehre und Freiheit zu wahren.

Bewegende Worte, vorausgesetzt, jemand kann den komplizierten Schachtelsätzen folgen. Deutschschweizer Zuhörer werden bloss halb hingehört haben – wenn überhaupt.

Zum Autor

Hanspeter Born, geb. 1938, Schulen in Bern, Dr. phil. hist.; Redaktor beim Schweizer Radio, USA-Korrespondent; Auslandchef der Weltwoche (1984–1997);Autor von Sachbüchern, darunter «Mord in Kehrsatz», «Für die Richtigkeit –Kurt Waldheim» sowie (mit Benoit Landais) «Die verschwundene Katze» und «Schuffenecker’s Sunflowers».

Wie von ihm am Bundesfeiertag erwartet, preist Pilet die Taten der Vorfahren und landet schon bald im Jahr 1444:

Bei St. Jakob an der Birs kämpften die Unsrigen einer gegen zwanzig. Sie werden der Überzahl erliegen, gewiss, aber sie werden sich Achtung erzwingen. Der arglistige Kronprinz hält an, von ihrer Tapferkeit betroffen: Das Land bleibt vom Einbruch verschont.

Französisch tönt dies besser, aber die Botschaft ist klar: Wenn es sein muss, kämpfen wir. Wir werden niemals kapitulieren. Der «arglistige Kronprinz» – l’astucieux Dauphin – ist von der Tapferkeit der Unsrigen derart frappé gewesen, dass er angehalten hat. Der Hörer kann sich seinen Reim machen: Wird nicht auch der «Führer» durch unseren Todesmut vom Einmarsch abgehalten werden? Eine Niederlage auf dem Schlachtfeld ist nicht das Ende:

Sogar die Niederlagen zeichnen sich durch Grösse aus. Marignano ist eine, wo unser Schicksal für lange Zeit besiegelt wurde. Aber der Rückzug war so erhaben, dass er moralisch als Ruhm erstrahlte. Und welcher Glanz ist für uns das Blutbad in den Tuilerien: Die Schweizer bleiben treu bis zum Letzten. Treue verstehen wir recht: Glaube und Schwur, gelobte Treue – nichts vermag dagegen aufzukommen.

Wie in seinen staatsmännischen Reden – zur Wehrvorlage 1934, zum Reformationsjubiläum 1936 –schöpft Pilet Trost aus der Vergangenheit: Die Schweiz hat schon immer Prüfungen und Herausforderungen gemeistert:

Was hatte man nicht alles von der französischen Revolution zu befürchten, die den Kontinent überflutete, indem sie ihre Truppen und ihre Ideen bis an die Grenzen Europas trug? Dies war, wenn je, eine düstere und schmerzliche Zeitspanne für unser Land. Es verstand auch hier, in Mühe und Anstrengung sich die neue Ordnung zu eigen zu machen, sich auszuweiten, sich zu festigen und sich selbst zu bleiben.

Pilet braucht die Parallelen zur Gegenwart nicht zu ziehen. Wiederum hat eine «Revolution » – diesmal ist es die faschistisch-nationalsozialistische – mit ihren Truppen und Ideen den Kontinent überflutet. Warum soll sich die Schweiz nicht auch dieses Mal die neue Ordnung aneignen – assimiler l’ordre nouveau – und doch «sich selbst bleiben».

Unser Land hat schon immer Männer hervorgebracht, sagt Pilet, «die ihm auf Erden Grösse verliehen und es gegen den Himmel erhoben». Zwei Beispiele nennt er: Henry Dunant und «einen der grössten, vielleicht der allergrösste», Niklaus von Flüe:

Als alles zu stürzen drohte, hat er alles auf den Grundlagen wiederaufgebaut, die uns eigen sind und ausserhalb denen wir auf Sand bauen würden.

Die Grundlagen des «grossen Eremiten» sind auch Pilets Grundlagen: «Freiheit in der Eintracht», «Zusammengehörigkeit», «Einfachheit». Heute sei es «gebotener denn je, dass man den kleinlichen Zank zurückstellt, um das Wesentliche zu erhalten: das Wesentliche ist das Land». Der Reformierte Pilet macht den katholischen Heiligen gar noch zum Schutzpatron der Neutralität:

Die Neutralität, bekräftigte er endlich. Er sprach das Wort nicht aus, aber er umschrieb den Begriff: Wir wollen uns nicht in fremde Händel mischen. Seine Zeitgenossen verstanden nicht sogleich. Es bedurfte der harten Lehre von Marignano, die Augen zu öffnen. Nun sollen sie sich nicht mehr schliessen.

Henry Dunant, Pilets zweites Vorbild, hat «für den Ruf der Schweiz nach aussen getan, was kein anderer vermochte». Dunant habe, sagt Pilet, «das Hoheitszeichen unseres Landes zum Symbol der edlen, ritterlichen und christlichen – weil universellen – Nächstenliebe» umgewandelt. Millionen von Menschen segneten heute sein Werk.

Die richtigen Worte zur richtigen Zeit – oder so sollte man meinen. Hat überhaupt jemand zugehört? Am 1. August, (damals noch) einem normalen Werktag, zieht sich der Herr Schweizer nach Arbeitsschluss, 18 Uhr, sein Sonntagsgwändli über und spaziert am Arm seiner Frau, die sich schön gemacht hat, zum Festplatz. Dort lauscht man den vaterländischen Reden, nicht am Radioapparat. Man bewundert den abbrennenden, kunstvoll aufgebauten Scheiterstoss und guckt nachdenklich in die Glut. Es gibt Bratwurst und Bier.


«Staatsmann im Sturm»

Cover: Staatsmann im Sturm

Hitlers Blitzsiege machten 1940 zum gefährlichsten Jahr in der jüngeren Geschichte der Schweiz. Das völlig eingeschlossene Land war auf Gedeih und Verderb Nazi-Deutschland ausgeliefert. Die Last seiner Aussenpolitik lag auf den Schultern von Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz. Mit viel Geschick steuerte er die Schweiz unbeschadet durch stürmische Monate. In der Geschichtsschreibung gilt der Waadtländer als «Anpasser», der den Nazis zu Gefallen war. Hanspeter Born zeichnet ein anderes Bild des Juristen, Schöngeists und Landwirts aus der Romandie. Seine auf Primärquellen, teils unbekannte Dokumente aus dem Familienarchiv Pilet, beruhende Studie wertet den Umstrittenen als klugen und standfesten Staatsmann.«Die kapitale Mission des Bundesrates in den gegenwärtigen Zeitläufen besteht darin, das Land in der Unabhängigkeit und Freiheit zu erhalten. Sein Wille, hiefür seine ganze Energie und seine ganze Umsicht einzusetzen, braucht keinerlei besondere Erwähnung. Dinge, die sich aufdrängen und über jeder Diskussionstehen, verlieren, wenn man sie wiederholt.» Marcel Pilet-Golaz, Lausanne, 12. September 1940


Hanspeter Born, Staatsmann im Sturm. Pilet-Golaz und das Jahr 1940. Münster Verlag 2020, gebunden, mit Schutzumschlag, 540 Seiten, CHF 32.–. ISBN 978-3-907 146-72-, www.muensterverlag.ch

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagsgestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld
Umschlagsbild: KEYSTONE-SDA / Photopress-Archiv 

Beitrag vom 28.01.2024

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