51. Auf Kapitulationskurs? Aus «Staatsmann im Sturm»

Die Luzerner Verschwörer warnen vor einer bevorstehenden deutschen Aggression gegen die Schweiz. Der Bundesrat hält einen militärischen Angriff für unwahrscheinlich. Am Dienstag, 23. Juli, beschliesst er, ein Rundschreiben über die «Evakuation der Zivilbevölkerung im Fall von Feindseligkeiten» auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Das für die Kantonsregierungen bestimmte Zirkular untersagt bei unmittelbarer Kriegsgefahr die Evakuation der Zivilisten – ausser in Ausnahmefällen. Der Bundesrat begründet die Nichtversendung des Zirkulars mit der «Entspannung, die sich auf internationalem Gebiet eingestellt hat». Es soll keine «unberechtigte Beunruhigung» in der Bevölkerung provoziert werden. Minger, der den Entwurf vorgelegt hat, «insistiert nicht», meint aber, die Vorlage müsse wieder aufgenommen werden, «wenn sich die Lage verschlimmern» sollte.

Für Pilet hat der Abschluss eines Handelsabkommens mit Deutschland Vorrang. Er hat sich darüber auch schon mit dem ehemaligen Chef des Volkswirtschaftsdepartements Edmund Schulthess unterhalten. Schulthess, 1912 in den Bundesrat gewählt, war während des Weltkriegs und der Krise der Dreissigerjahre für die Wirtschaftspolitik der Eidgenossenschaft zuständig. Als Alt-Bundesrat gelang es ihm 1937 in einem persönlichen Gespräch, Hitler zur Abgabe einer Erklärung zu bewegen, in der der Reichskanzler versprach: «Zu jeder Zeit, komme, was da wolle, werden wir die Unverletzlichkeit und die Neutralität der Schweiz respektieren.» Der 72-jährige Grand Old Man der Schweizer Politik hat als Direktor der Bankenkommission immer noch ein einflussreiches Amt inne.

In einem Brief vom 22. Juli teilt Schulthess Pilet seine Meinung mit, dass Deutschland im Hinblick auf die Gestaltung des «neuen Europa» Verhandlungen mit der Schweiz verlangen werde, die unweigerlich «unter dem Druck bestimmter und energischer Zumutungen» stattfinden würden. Die Vorbereitung auf solche Verhandlungen seien «dringend notwendig»: Der Alt-Bundesrat hält die deutsche Herrschaft über Europa für dauerhaft.

Schulthess plädiert für ein entspanntes Verhältnis zum Reich:

Wir werden uns Rechenschaft geben müssen, dass Vieles anders wird und dass es klug ist, sich nicht schlechthin negativ und abwehrend einzustellen und durch kluge Ausnützung der Lage wenigstens zu erreichen, dass unsere politische Existenz intakt bleibt.

Schulthess schlägt vor, einen Emissär nach Deutschland zu schicken. Der vom Bundesrat zu bestimmende «Vertrauensmann» solle Reichswirtschaftsminister Funk treffen, «der ein liebenswürdiger und ich glaube der Schweiz wohlgesinnter Mann ist». Schulthess rät davon ab, sich an Hitler zu wenden:

Ich würde es im Gegenteil begrüssen, wenn der Bundesrat eine Informationsreise nach Deutschland veranlassen würde, während Hitler an der Front ist: dann kann ein Besuch bei ihm mit Anstand übergangen werden.

Wer wäre der ideale Emissär, der vielleicht für die Schweiz «eine gewisse Sonderbehandlung » erreichen könnte. Schulthess im Brief an Pilet:

Sie werden die Bezeichnung einer geeigneten Person entscheiden müssen. Dabei werden Sie zu bedenken haben, dass die Zeit drängt und dass wir nicht riskieren können, unvorbereitet in Verhandlungen treten zu müssen, die unter Umständen in rascher Weise geführt werden müssen.

Die «geeignete Person» – gemäss Schulthess – ist offenbar Schulthess. Er hat immer noch politisches Gewicht, besitzt reiche Wirtschaftskenntnisse und ist ein erfahrener Unterhändler. Pilet weiss das. Pilet erinnert sich aber auch, dass der eigensinnige Schulthess im Bundesrat immer eigene Wege ging und sich nicht unterordnen liess. Deshalb hält sich der Bundespräsident an seine alte Devise: Abwarten.

Braucht es überhaupt einen Sondergesandten, der nach Berlin reist? Die Verhandlungsdelegation Hotz/Homberger leistet gute Arbeit. In einem vertraulichen Schreiben vom 24. Juli teilt Jean Hotz Pilet mit, dass Botschafter Ritter, Leiter der Wirtschaftsabteilung im Auswärtigen Amt, ihm unter vier Augen einen gangbaren Lösungsvorschlag für die umstrittene Blockadefrage gemacht hat. Eigentlich, so Ritter zu Hotz, müsste die deutsche Delegation verlangen, «dass die Schweiz eine de jure Verpflichtung eingehe, keine Ausfuhr mehr nach den Ländern zu tätigen, mit denen Deutschland im Kriege steht». Ritter ist aber mittlerweile klargeworden, dass die Schweiz aus Neutralitätsgründen ein vertraglich festgehaltenes Ausfuhrverbot nach England und seinen Verbündeten unmöglich akzeptieren kann. 

Da die eingeschlossene Schweiz in der Praxis ohnehin keine kriegswichtigen Güter nach England liefern kann, ist Ritter bereit, auf ein formelles Verbot zu verzichten. Er schlägt die Aufstellung einer «sehr kleinen» Freiliste von Waren vor, die die Schweiz weiterhin nach England exportieren kann. Exporte in neutrale Länder sollen der Schweiz nicht verboten werden, vorausgesetzt, sie beschränken sich auf einen gewissen courant normal.

Pilet kann aus dem Bericht von Hotz ersehen, dass es der Delegation in Kürze gelingen wird, ein annehmbares Abkommen mit Deutschland zu erreichen. Eine Sondermission Schulthess drängt sich nicht auf.

Neben dem Handelsabkommen beschäftigt der Druck der Deutschen Gesandtschaft auf die Presse den Bundesrat. Pilet bringt an der Bundesratssitzung vom 22. Juli die Demarche des Presseattachés Trump beim Bund-Verleger und die Entlassung Schürchs zur Sprache. Was soll er an der bevorstehenden Aussprache mit Vertretern der Pressepolitischen Kommission dazu sagen? Etter sieht folgende Lösung:

Presse sollte Korporation bilden, welche die Ausübung des Journalismus auf ihre Mitglieder beschränken würde. 4 Gruppen: Verleger, Journalisten, Buchhändler, Schriftsteller. Eine Liste wäre zu erstellen, aus der alle zu schwerwiegend kompromittierten Journalisten ausgeschlossen werden sollten. Dann könnten wir bei der Deutschen Gesandtschaft insistieren, ihren Beziehungen zur Presse ein Ende zu setzen.

Minger pflichtet Etters (korporatistisch wirkenden) Vorschlag grundsätzlich bei, betont aber, dass der Bundesrat die «Anmassungen Deutschlands» nicht zulassen dürfe:

Wenn sich die Demarche beim Bund bei anderen Zeitungen wiederholen würde, sollte man bei der Gesandtschaft reagieren. Bereits heute ist unsere Presse monoton und gleichgeschaltet geworden. Ist der Plan Etter realisierbar? Ich weiss es nicht. Bei einer Wiederholung der Demarche gegen den Bund, müssten wir der Deutschen Gesandtschaft direkt sagen, dass wir sie nicht tolerieren werden.

Baumann ist mit einem Protest gegen das «Vorgehen Trumpf» [sic] einverstanden, Wetter auch. Pilet fasst zusammen:

Indiskutabel, dass die Intervention Trump unannehmbar ist. Nach einem Telefonanruf an die Neue Zürcher Zeitung habe ich dies Köcher gesagt. Aber man sollte gleichwohl von den Journalisten verlangen, dass gewisse unter ihnen verschwinden müssen. Einverstanden, Protestdemarche zu machen.

Wer sind die gewissen Journalisten, die nach Pilets Ansicht «verschwinden» müssen? Er sagt es nicht. Wohl absichtlich nicht. Schürch, Bretscher und Oeri werden jedenfalls ungestört weiterschreiben. Und Trump wird künftig in den Verlagshäusern nicht mehr personelle Veränderungen verlangen.

Am 25. Juli schickt Albert Oeri ein feierlich-ernstes Schreiben an den Bundesrat der Schweizer Eidgenossenschaft:

Hochgeehrter Herr Präsident! Hochgeehrte Herren Bundesräte! Wie Sie, meine Herren, weiss ich, dass unser Land gegenwärtig einem schweren Druck Deutschlands ausgesetzt ist. Persönliche Eindrücke, die ich letzte Woche in Bern gewonnen habe, und weitere Informationen, die mir seither zugekommen sind, haben mich nun unsicher gemacht in Bezug auf die Frage, ob der Bundesrat diesem Druck die nötige Festigkeit entgegensetzt, und veranlassen mich zu folgenden Darlegungen. Wenn deren Voraussetzung unrichtig sein sollte, so bin ich der Erste, der sich von Herzen darüber freuen wird und Sie um Verzeihung für seinen Kleinglauben bittet.

In Deutschland sei die Vorstellung entstanden, dass man die Schweiz bis «zum Verzicht auf ihre staatliche Unabhängigkeit gefügig machen könne»:

Die Presse wagt kaum mehr ein kräftiges Schweizerwort zu drucken. Das nötige Gegengewicht gegen die Äusserungen von Hasenfüssen ist aus ihren Spalten nahezu verschwunden.

Ebenso bedenklich wie die «Unterdrückung der Pressefreiheit» erscheint dem Basler Warner die «nahezu völlige Ausschaltung der parlamentarischen Äusserungen».

«Sehr gute und ganz frische Informationen» lassen Oeri zum Schluss kommen: «Das Ausland beginnt die Schweiz für fallreif zu halten.» Deutschland sei überzeugt, dass nur noch wenige Druckverstärkungen nötig seien, um uns «über den Haufen zu werfen». Oeri räumt ein, dass Deutschland, «wenn England nicht plötzlich schlapp macht», mit jedem Soldatenleben sparsam umgehen müsse und deshalb die Schweiz militärisch nur dann angegriffen werde, «wenn mit einem Minimum an Verlusten zu rechnen ist, à la Einmarsch in Österreich».

Die grösste Gefahr für die Schweiz sei, dass man in Deutschland zur Überzeugung komme, unser Land sei «gratis und franco ohne ernsthaften Widerstand zu gewinnen». Der nächste Satz Oeris scheint auf Pilet gemünzt:

Darum bedaure ich so sehr das offenbare Versagen unserer Diplomatie, die am Entstehen dieser Überzeugung mitschuldig ist, sei es durch eigene Zaghaftigkeit, sei es infolge mangelnder Instruktion.

Der sonst so besonnene Oeri mahnt in alarmiertem Crescendo:

Es hätte selbstverständlich keinen Wert, dem Ausland eine Abwehrbereitschaft der Schweiz vortäuschen zu wollen, wenn diese nicht wirklich vorhanden wäre oder gleich in den ersten Tagen zusammenbrechen müsste. So steht es aber nicht, hochgeehrte Herren! Der beste Teil des Schweizervolkes und der Armee wird sich wehren, auch wenn die politische Leitung versagen sollte und die Verteidigung unserer Freiheit gegen den Bundesrat erzwungen werden müsste. Ich hoffe das bestimmt nicht. Aber im Volk und unter Offizieren und Soldaten spricht man von der Notwendigkeit, dass patriotischer Ungehorsam notwendig werden könnte.

Es hat den Anschein, dass Oeri von den Luzerner Plänen der verschwörerischen Offiziere Wind gekriegt hat und mit diesen sympathisiert.

Am Schluss seines Briefs kommt Oeri noch auf einen «für mich heiklen Punkt» zu sprechen, nämlich, dass «die Entfernung der Chefredaktoren der Zeitungen Bund, Neue Zürcher Zeitung und Basler Nachrichten vom gebietenden Herrn in der Deutschen Gesandtschaft verlangt wird». Mit dem «gebietenden Herrn in der Deutschen Gesandtschaft» meint Oeri Legationsrat von Bibra, den von der NSDAP nach Bern entsandten Aufpasser. Wenn Bibra dies durchsetzen könne, schreibt Oeri, «so wird im ganzen Lande der Eindruck, dass der Bundesrat nicht mehr Herr im eigenen Hause sei, katastrophale Ausmasse annehmen».

Oeri, der der Zensur noch nie Anlass zum Einschreiten gegeben hat, schlägt dramatische Töne an. Dabei gibt er dem Bundesrat zu bedenken, dass er nicht etwa «pro domo plädiere». Diesbezüglich habe er ein reines Gewissen:

Mein persönliches Schicksal ist mir ganz gleichgültig. Ich bin fünfundsechzig Jahre alt, habe ein glückliches Leben hinter mir und erhebe nicht den geringsten Anspruch darauf, dass es mir in meinen alten Tagen bessergeht als unzähligen braven Leuten, die durch die Weltereignisse unter die Räder geraten sind. Auch bin ich gläubiger Christ und schon darum nicht ängstlich. Aber deswegen kann ich Ihnen doch nicht verschweigen, was ich sachlich als gefährlich für unsere Volksmeinung ansehen muss.

Was denkt sich Pilet bei der Lektüre dieser apokalyptischen Zeilen? Wenn der Altmeister des deutschschweizerischen Journalismus, der liberal und föderalistisch denkende Oeri, den Pilet aus dem Nationalrat und aus der Lektüre seiner Artikel kennt und schätzt, von «Versagen unserer Diplomatie» und «mangelnder Instruktion » schreibt, muss ihn dies verletzen.

Oeri schickt eine Kopie seines Briefs auch Feldmann. Feldmann wertet diesen als 

eine sehr scharfe Stellungnahme gegen den Kapitulanten-Kurs Pilet und droht offen mit dem nationalen Widerstand gegen eine schwächliche, auf Unterwerfung eingestellte Politik des Bundesrates.

Der Berner Nationalrat teilt die Analyse des Basler Kollegen:

Ich werde Oeri bei der Rücksendung seiner Briefe meine schweren Bedenken gegen den frömmlerischen Kapitulantenkurs Pilet-Golaz zur Kenntnis bringen. Der «Kurs» erweckt ganz typisch den Eindruck: Nach innen autoritär, nach aussen servil. Morgen Montag muss in der Konferenz ein schwerwiegender Vorentscheid fallen.

Feldmann hat schon bei einer Veranstaltung in Lyss festgestellt, es treffe

überall zutage, dass die Rede des Bundespräsidenten vom 25. Juni am Radio eine eigentliche Grundwelle des Defaitismus erzeugt hat. Diese muss in Armee und Volk mit aller Kraft ausgeräumt werden.

Als Feldmann dies am Sonntag, 28. Juli, in sein Tagebuch einträgt, erreicht ihn um 17 Uhr 30 ein Telefon von Hptm. Hausamann «folgenden Inhalts»:

Von zuverlässiger Seite sei ihm die Nachricht zugekommen, dass der Bundesrat beabsichtige, eine Delegation nach Berlin zu entsenden mit der Aufgabe, dort die «deutschen Wünsche» entgegenzunehmen. Hausamann ersucht, dieser Meldung nachzugehen und Bundesrat Minger mitzuteilen, dass nach der gegenwärtig in der Armee herrschenden Stimmung eine solche Delegation erschossen werde, bevor sie die Grenze nach Deutschland überschreiten könne. Ich möchte Bundesrat Minger auch darauf aufmerksam machen, dass 2-3 andere Mitglieder des Bundesrates offenbar ein Spiel spielen, dass unehrlich und undurchsichtig sei. Meinerseits Zusicherung, die Angelegenheit morgen früh sofort mit dem Chef des Militärdepartements zu besprechen.

Eine Viertelstunde später meldet sich Hausamann noch einmal, um ihm das Gerücht mitzuteilen, wonach sich Ludwig Friedrich Meyer, der Präsident der radikaldemokratischen Fraktion, schon am nächsten Dienstag nach Deutschland begeben werde.

Zum Autor

Schriftsteller Hanspeter BornHanspeter Born, geb. 1938, Schulen in Bern, Dr. phil. hist.; Redaktor beim Schweizer Radio, USA-Korrespondent; Auslandchef der Weltwoche (1984–1997);Autor von Sachbüchern, darunter «Mord in Kehrsatz», «Für die Richtigkeit –Kurt Waldheim» sowie (mit Benoit Landais) «Die verschwundene Katze» und «Schuffenecker’s Sunflowers».

Am Montag, 29. Juli, Punkt 10 Uhr beginnt im Zimmer 86 des Parlamentsgebäudes eine Konferenz von Spitzenvertretern der Parteien, die der Regierungsmehrheit angehören. Es soll ein freier Meinungsaustausch sein. Das Hauptthema ist die Schaffung eines interparteilichen Gremiums, einer Art «Kronrat» von führenden Parteivertretern unter Einbezug der Sozialdemokratie. Die Idee stammt von Feldmann, dem es eben gelungen ist, im Kanton Bern eine derartige «politische Arbeitsgemeinschaft » ins Leben zu rufen, in der Sozialistenführer Grimm eine wichtige Rolle zugedacht ist.

Oben am Konferenztisch nimmt Bundespräsident Pilet Platz, umgeben von den Kollegen Etter, Minger, Baumann und Celio. Pilet kennt die 13 anwesenden Parteienvertreter, alles Schwergewichte mit wichtigen Ämtern. Seine Freisinnigen sind durch Parteipräsident Ernest Béguin, Theodor Gut, L.F. Meyer und Pierre Rochat vertreten, gut Bekannte, denen er vertraut.

Pilet eröffnet die Sitzung. Zum «Charakter der Konferenz» bemerkt er, sie sei «offiziös, diskret, vorbereitend». Ihr Ziel sei, «wie eine Konzentration der nationalen Kräfte hinter der Regierung zu organisieren ist». Die Notwendigkeit dieser Konzentration erklärt der Bundespräsident mit der «schwierigen, gefährlichen Lage des Landes» und plädiert für eine «straffe, handlungsbereite Leitung, die vom Volk akzeptiert werde. Wegen der prekären Lage müssten «zahlreiche Entscheide rasch, ohne sofortige Erklärung und ohne vorangegangene Diskussion» getroffen werden. Es dürfe kein Bruch zwischen Regierung und Volk entstehen. Deshalb brauche es ein Organ der «Liaison» und der «Koordination».

Nach Pilet redet Etter, der den «gegenwärtigen Augenblick als den gefährlichsten seit Bestehen der Schweiz» bezeichnet. Wie Pilet will Etter eine «starke, aktionsfähige und aktionsfreudige Führung durch den Bundesrat». Die Neugestaltung des Landes dürfe nicht durch das Parlament gestört werden, das sich auf die «Wahl, das Budgetrecht und die Kontrolle der Regierung» beschränken solle. Etter ist gegen eine Beteiligung der Sozialdemokraten an dem zu schaffenden Organ. Die Partei sei innerlich zerrüttet und einzelne sozialistische Führer seien nicht kreditwürdig. Namentlich nennt er den Parteipräsidenten Hans Oprecht und den mehrfach gescheiterten Bundesratskandidaten Johannes Huber.

In der Diskussion befürworten die Freisinnigen Meyer und Gut, die BGBler Weber und Feldmann sowie der Liberale Ludwig eine Beteiligung der Sozialdemokraten am zu bildenden Ausschuss. Die Katholisch-Konservativen sind wie ihr Bundesrat Etter dagegen.

Pilets Waadtländer Parteifreund Rochat verweist auf defaitistische Stimmungen in Volk und Armee, die namentlich auch von gewissen militärischen Umgruppierungen herkämen – die Grenze sei zu einem blossen Vorhang geworden. Das Vertrauen in den Widerstandswillen des Bundesrats sei nicht mehr überall vorhanden. Darauf greift Minger ein, und geht, wie Feldmann notiert, «frisch und munter ins Zeug»:

[Minger] erläuterte die Motive der Neugruppierung der Armee, unterstrich den Widerstandswillen des Bundesrates, ersuchte den Bundespräsidenten, das gleiche am 1. August in seiner Ansprache zu tun, verlangte zur interparteilichen Zusammenarbeit die Heranziehung der Sozialdemokraten unter deutlicher Distanzierung von Etter und beantragte die Einsetzung eines grossen interparteilichen Vorstandes und eines Leitenden Ausschusses.

Während die Diskussion läuft, steckt Pilet Gut einen Zettel zu:

M. Meyer – M.Gut. Voulez-vous déjeuner avec moi, chez moi, sans façon. Wir könnten von Problemen sprechen, die nicht Gegenstand der gegenwärtigen Konferenz sind. Nous irions ensemble.

Gut schreibt zurück:

Herr Bundespräsident, Dr. L.F. Meyer und ich nehmen Ihre freundliche Einladung mit grossem Dank an.

Eine alte Gewohnheit des Waadtländer Bundesrats. Er lädt gerne ein paar Leute zum Mittagessen zu sich an den Scheuerrain, wo zwanglos geplaudert werden kann. Vorerst jedoch schliesst der Bundespräsident die Konferenz, indem er das Ergebnis zusammenfasst:

1. Die vertretenen Parteien sind mit der Schaffung eines Koordinationsausschusses einverstanden, sie werden auf Einladung des Bundesrates ihre Delegationen bezeichnen. 2. Der Bundesrat wird mit den Sozialdemokraten direkt in Verbindung treten und sie zur Bestellung einer Delegation zu veranlassen suchen, die sein Vertrauen geniesst. 3. Die Bildung des interparteilichen Koordinationsausschusses ist innert möglichst kurzer Frist in die Wege zu leiten.

Mit dem Resultat der Konferenz darf Pilet zufrieden sein. Der Bundesrat, das heisst letztlich er selber, kann entscheiden, ob die Sozialdemokraten im Koordinationsausschuss vertreten sein werden. Alles hängt davon ab, ob sie eine Delegation bestellen, die das Vertrauen des Bundesrats geniesst. Das heisst vor allem das Vertrauen Pilets, Etters und Mingers.

Nach dem privaten Mittagessen mit L.F. Meyer und Gut kriegt Pilet in seinem Büro Besuch von Oberstkorpskommandant Ulrich Wille jr. Pilet kennt Wille seit vielen Jahren, weil beide sich in leitenden Funktionen für das Jugendhilfswerk Pro Juventute engagieren. Er schätzt den Berufsmilitär, weiss aber auch, dass Wille deutschfreundlich ist. In den Dreissigerjahren hat Pilet kein Geheimnis daraus gemacht, dass für ihn der Sohn des Weltkriegsgenerals als Oberkommandierender in einem neuen Krieg nicht infrage kommt.

Wille, dessen fachliche Kenntnisse unbestritten sind, hat Pilet schon früher seine Besorgnis über «unbedachte Massnahmen der Armeeführung» mitgeteilt. Jetzt, am Nachmittag des 29. Juli – Pilet hat an diesem Tag bereits die bürgerliche Parteienkonferenz geleitet, mit Gut und Rochat gespeist – führen der Bundesrat und der hohe Offizier ein offenes Gespräch von Mann zu Mann. Pilet äussert sein Erstaunen über das «Säbelrasseln» gewisser Offiziere und anderer Leute. Das Schweizer Volk sei realistisch veranlagt und habe schon lange erkannt, dass heute wirtschaftliche, nicht militärische Massnahmen der Achsenpartner unsere Existenz bedrohen.

Pilet will von Wille Näheres über den Rütli-Rapport erfahren, von dem ihm Guisan geschrieben hat, über den jedoch die Armee in der Presse noch nichts hat verlauten lassen. Wille gesteht, er sei zum Rapport «nicht zugelassen gewesen». Deswegen und wegen seiner «übrigen Kaltstellung in der Armeeleitung» stehe er vor dem «Entschluss meiner Demission». Pilet bittet den Ausbildungschef, «im Interesse des Landes» auszuharren und in den Kader- und Rekrutenschulen weiterzuarbeiten. Wille will es sich überlegen.

Am späteren Nachmittag – immer noch am 29. Juli – wird Pilet ein Zettel gereicht, auf dem er liest: «Monsieur le Dr Steinmann téléphone pour demander une audience.» Ernst Steinmann, seit 1919 Generalsekretär der Freisinnigen Partei, hat Pilet Verschiedenes mitzuteilen. Steinmann hat von Feldmann erfahren, dass SP-Präsident Oprecht sich bei ihm erkundigt habe, ob er wisse, dass «Monsieur Meyer in Kürze nach Berlin abreise, um Monsieur Schacht zu treffen». Dies liest Pilet auf dem ihm gereichten Zettel. Steinmann habe die Sache L.F. Meyer weitererzählt, der sich nun frage, ob er unter diesen Umständen nicht gescheiter auf die Reise verzichte. Meyer habe Steinmann beauftragt, den Namen der Person ausfindig zu machen, der für diese Indiskretion verantwortlich sei. Pilet ist nun ebenfalls beunruhigt und lässt Steinmann auf 18 Uhr 15 zu sich kommen.

Was ist geschehen? Am 20. Juli hatte L.F. Meyer dem Bundespräsidenten geschrieben, er beabsichtige, vom 29. Juli bis zum 3. August Berlin zu besuchen. Da ihn keine dringlichen Geschäfte nach Berlin riefen, würde er die Reise nur antreten, wenn der Bundesrat daran ein gewisses Interesse hätte:

Ich habe viele Beziehungen zur Industrie und Finanz, und ich würde versuchen, mich über die Ideen kundig zu machen, die heute in Deutschland bezüglich die neue Organisation Europas zu den Finanzen und der Volkswirtschaft herrschen.

Meyer erkundigte sich bei Pilet, ob angesichts der Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten einer solchen Reise, das Aussendepartement ihm nicht behilflich sein könne. Beim Kurierdienst habe er sich schon gemeldet, aber vielleicht gebe es noch andere Möglichkeiten. Pilet, der Meyers Reiseberichte schätzt, ermutigte ihn zur geplanten Deutschlandreise, die geheim bleiben soll, damit nicht das Gerücht einer Wallfahrt aufkommt. Das Geheimnis blieb keines. Hausamann erfuhr vom Reiseplan Meyers und erzählte dies überall herum. Darauf blies Meyer die Reise ab. Die undichte Stelle im Departement war Legationsrat Walter Rüfenacht, ein Cousin von Kpl. Lindt. «Walterli» und «Gus» hatten schon im Sandkasten zusammengespielt.

Steinmann spricht, wie geheissen, um 18 Uhr 15 bei Pilet vor. Was sie geredet haben, ist unbekannt. Das Verhältnis zwischen dem Generalsekretär und dem Bundesrat hat seine Höhen und seine Tiefen. Einmal lobt Steinmann an einem Vortrag in Lausanne Pilet über den Klee, dann wieder beklagt er sich beim Waadtländer Bundesrat und Parteikollegen, weil dieser ihn schneide. Gegenwärtig schimpft der Generalsekretär gerne bei Feldmann über Pilets autoritäres Verhalten. 


«Staatsmann im Sturm»

Cover: Staatsmann im Sturm

Hitlers Blitzsiege machten 1940 zum gefährlichsten Jahr in der jüngeren Geschichte der Schweiz. Das völlig eingeschlossene Land war auf Gedeih und Verderb Nazi-Deutschland ausgeliefert. Die Last seiner Aussenpolitik lag auf den Schultern von Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz. Mit viel Geschick steuerte er die Schweiz unbeschadet durch stürmische Monate. In der Geschichtsschreibung gilt der Waadtländer als «Anpasser», der den Nazis zu Gefallen war. Hanspeter Born zeichnet ein anderes Bild des Juristen, Schöngeists und Landwirts aus der Romandie. Seine auf Primärquellen, teils unbekannte Dokumente aus dem Familienarchiv Pilet, beruhende Studie wertet den Umstrittenen als klugen und standfesten Staatsmann.«Die kapitale Mission des Bundesrates in den gegenwärtigen Zeitläufen besteht darin, das Land in der Unabhängigkeit und Freiheit zu erhalten. Sein Wille, hiefür seine ganze Energie und seine ganze Umsicht einzusetzen, braucht keinerlei besondere Erwähnung. Dinge, die sich aufdrängen und über jeder Diskussionstehen, verlieren, wenn man sie wiederholt.» Marcel Pilet-Golaz, Lausanne, 12. September 1940


Hanspeter Born, Staatsmann im Sturm. Pilet-Golaz und das Jahr 1940. Münster Verlag 2020, gebunden, mit Schutzumschlag, 540 Seiten, CHF 32.–. ISBN 978-3-907 146-72-, www.muensterverlag.ch

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagsgestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld
Umschlagsbild: KEYSTONE-SDA / Photopress-Archiv 

Beitrag vom 07.01.2024

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