36. Waffenstillstand  Aus «Staatsmann im Sturm»

Die Regierung Pétain, mittlerweile nach Bordeaux geflohen, schickt General Huntziger mit einer Delegation nach Paris. Die Unterhändler werden jedoch nach Compiègne umgeleitet. Hitler hat den Salonwagen des Marschall Foch, in dem Staatssekretär Erzberger am 11. November 1918 den «demütigenden» Waffenstillstand unterzeichnen musste, aus dem Museum holen und, wie damals, in der Waldlichtung von Rethondes aufstellen lassen.

Samstag, 22. Juni. Im Eisenbahnwaggon hört der Führer zu, wie Generaloberst Keitel den Franzosen die Präambel zu den Waffenstillstandsbedingungen vorliest. Wortlos verlässt er nachher den Wagen. Er schreitet die Ehrengarde ab, die Musik spielt «Deutschland über alles» und das «Horst-Wessel-Lied». Dann reist der Führer in sein Hauptquartier zurück.

Um 18 Uhr 50 unterzeichnen die Generäle Keitel und Huntziger den deutsch-französischen Waffenstillstandsvertrag. Der Norden des Landes und die gesamte Atlantikküste bis zur spanischen Grenze, 70 Prozent des französischen Territoriums, fallen unter deutsche Besetzung. Die französische Armee ist «in einer noch zu bestimmenden Frist» zu demobilisieren und abzurüsten. Die Flotte muss «in noch näher zu bezeichnenden Häfen» unter deutscher oder italienischer Kontrolle abgerüstet werden. Eine deutschgeführte Waffenstillstandskommission überwacht und regelt den Waffenstillstand. Frankreich zahlt die Besatzungskosten. Die französischen Kriegsgefangenen (um die 1,8 Millionen) bleiben bis zum Abschluss eines Friedensvertrags in Gefangenschaft.

Der Vertrag tritt erst in Kraft, nachdem auch zwischen Frankreich und Italien die Einstellung der Feindseligkeiten vereinbart worden ist. Zu diesem Zweck begibt sich General Huntziger mit seiner Delegation in einem von den Deutschen zur Verfügung gestellten Flugzeug sofort zu Verhandlungen nach Rom.

Abends spät ruft Hitler Goebbels in Berlin an, der in seinem Tagebuch schreibt:

Er schildert mir ausführlich die ganze Szene: die französische Delegation war wie vor den Kopf geschlagen, als sie plötzlich den Führer vor sich stehen sah. Er hat kein Wort gesprochen. Die ganze Situation ist von erregender Dramatik. Der Führer hat wieder einmal das Beste daraus gemacht, was überhaupt möglich war. Das Denkmal von Foch will er stehen lassen. Der grosse Stein, das Triumphdenkmal und der Salonwagen kommen nach Berlin. Die Schmach ist nun ausgelöscht. Man fühlt sich wie neugeboren … Der Führer ist sehr menschlich, ganz rührend und lieb. Er ist das grösste geschichtliche Genie, das wir je besessen haben. Eine Ehre, ihm dienen zu dürfen.

Selbst der skeptische Staatssekretär Ernst von Weizsäcker ist beeindruckt. Der Freiherr, der selber als Offizier im 1. Weltkrieg in der Marine gedient hat, schreibt seiner Mutter:

Ich wünschte, Papa hätte den heutigen Tag noch gesehen. Er hätte Dich bestimmt gebeten, den «Finnländischen Reitermarsch» auf dem Klavier zu spielen … Die Bedingungen, die man heute nachmittag den Franzosen übergab, verraten die Meisterhand des Führers. Sie sind so elastisch aufgestellt, dass Pétain sie schwer ablehnen kann; denn die Misere, namentlich die zivile, in Frankreich ist sehr gross … England ist schlecht geführt. Wenn es rechtzeitig Vernunft annimmt, kann es mit einem klaren, aber begrenzten Verlust aus dem Geschäft herauskommen. Wo nicht, geht demnächst, d. h. wohl im Juli, ein Bombenhagel auf die seit Jahrhunderten von jedem Feind, einschliesslich Erdbeben, verschonten Häfen, Fabriken und Städte nieder. Ergebnis dann nicht besser, aber einige Stadtruinen. Wenn ich Engländer wäre, würde ich abschliessen und die «Faust im Sack» machen.

Dass die Engländer «rechtzeitig Vernunft annehmen» und «abschliessen» werden, ist zweifelhaft. Noch bevor die Waffenstillstandsbedingungen bekannt sind, erhält General de Gaulle von Churchill die Erlaubnis, um 20 Uhr über den französischen Sender der BBC zum Widerstand aufzurufen. Die Ehre, der bon sens und das höhere Interesse des Landes, sagt de Gaulle, erlaubten es nicht, die Kapitulation und die Knechtschaft Frankreichs zu akzeptieren. Es sei «absurd», die Schlacht als verloren zu betrachten:

Ja, wir haben eine grosse Niederlage erlitten. Ein schlechtes militärisches System, die bei der Führung der Operationen begangenen Fehler, der Resignationsgeist der Regierung während der letzten Kämpfe haben uns die Schlacht um Frankreich verlieren lassen. Aber es bleibt uns ein riesiges Reich, eine intakte Flotte, viel Gold. Es bleiben uns Verbündete, deren Ressourcen unermesslich sind und die die Meere beherrschen. Es bleiben uns die gigantischen Möglichkeiten der amerikanischen Industrie. Die gleichen Kriegsbedingungen, die uns mit fünftausend Flugzeugen und sechstausend Panzern geschlagen haben, können uns morgen mit zwanzigtausend Panzern und zwanzigtausend Flugzeugen den Sieg geben.

De Gaulle schliesst seinen Aufruf mit den Worten:

Ich lade alle Franzosen, die frei bleiben wollen, ein, mir zuzuhören und zu folgen. Es lebe das freie Frankreich in der Ehre und der Unabhängigkeit!

Noch schärfer als der abtrünnige französische General verurteilt Churchill den Waffenstillstand und das Nachgeben von Pétains Regierung. Nicht nur Frankreich, sondern das französische Empire sei jetzt «der Gnade und der Macht der deutschen und italienischen Diktatoren» ausgeliefert. Der Boden Frankreichs könne jetzt mit der Billigung der Bordeaux-Regierung für einen Angriff auf seine Alliierten benutzt werden. Die Ressourcen des französischen Reichs und die französische Marine würden rasch in die Hände des Gegners fallen. Doch, was immer auch geschehen möge, das britische Königreich werde den Krieg bis zu seinem erfolgreichen Abschluss weiterführen:

Ein britischer Sieg ist die einzig mögliche Hoffnung für die Wiederherstellung Frankreichs und der Freiheit seines Volks.

Zum Autor

Hanspeter Born, geb. 1938, Schulen in Bern, Dr. phil. hist.; Redaktor beim Schweizer Radio, USA-Korrespondent; Auslandchef der Weltwoche (1984–1997);Autor von Sachbüchern, darunter «Mord in Kehrsatz», «Für die Richtigkeit –Kurt Waldheim» sowie (mit Benoit Landais) «Die verschwundene Katze» und «Schuffenecker’s Sunflowers».

Kurz vor drei Uhr früh ist am nächsten Morgen, Sonntag, 23. Juni, Tagwacht im Führerhauptquartier «Wolfsschlucht» zu Brûly-le-Pesche. Um 3 Uhr startet auf dem benachbarten Flugfeld eine Ju-52-Maschine und steuert Richtung Le Bourget. Hitler will Paris sehen. Nicht als siegreicher Feldherr und Eroberer, sondern als Kunstliebhaber und als Bauherr des modernen Deutschlands. Den Begleitern sagt er:

Paris hat mich immer fasziniert. Ein Besuch ist seit Jahren mein leidenschaftlicher Wunsch. Jetzt stehen die Türen für mich offen. Nie war bei mir eine andere Vorstellung vorhanden, als die Kunstmetropole mit meinen Künstlern zu besichtigen.

Seine Künstler, das sind die Architekten Albert Speer und Hermann Giesler und der Bildhauer Arno Breker. Speer soll Berlin in eine prunkvolle Welthauptstadt verwandeln. Giesler ist mit dem Aus- und Neubau der Hitler besonders am Herzen liegenden Städte München, Linz und Nürnberg beauftragt. Breker soll die Monumentalbauten Speers und Gieslers mit Riesenskulpturen schmücken.

Erste Station von Hitlers Touristenvisite ist in der Morgendämmerung die Opéra Garnier. Er umschreitet das eigens beleuchtete neobarocke Gebäude und betritt dann die prunkvollen Räumlichkeiten. Zum Erstaunen seiner Begleiter weiss der Führer genau Bescheid über die Architektur und Innenausstattung der Oper. Er hat in seiner Jugend Paris, seine Strassenführung und seine Bauwerke, studiert. Man geht die von Skulpturen, Leuchtern, Fresken und viel Gold umrandete Marmortreppe hinauf und kommt in den mächtigen hufeisenförmigen Zuschauerraum. Hitler ist überwältigt: «Das schönste Theater der Welt».

In rascher Fahrt geht es weiter durch die fast menschenleeren Strassen von Paris. Eingehend besichtigt der Führer den Arc de Triomphe. Speer hat den Auftrag, in Berlin einen ähnlichen, doppelt so hohen, gigantischen Triumphbogen zu errichten. Und soll dies nach Hitlers aus den zwanziger Jahren stammenden Zeichnungen tun. Höhepunkt ist der Besuch des Invalidendoms. Giesler:

Am Rund der Krypta stand Adolf Hitler lange und ernst, mit gesenktem Kopf und schaute unverwandt auf den Sarkophag Napoleons hinab. Ich stand zu seiner linken Seite, es war kein Zufall, er selber hatte mich neben sich gezogen.

Leise sagte er zu mir:

Sie werden meine Grabstätte bauen, Giesler, wir sprechen später darüber.

Nach knapp drei Stunden endet der Besuch auf dem Montmartre, wo Hitler sich an Speer, Breker und Giesler wendet:

Für Sie beginnt eine harte Zeit der Arbeit und der Anspannung, die Formung der Städte und Monumente, die Ihnen anvertraut sind.

Noch ist Krieg. Hitler fliegt bereits um 9 Uhr zurück nach Brûly. Am Nachmittag findet eine Besprechung mit den Militärs statt. Es geht um die Gefangenenfrage: Sie werden in Arbeitskolonnen getrennt nach Technik und Landwirtschaft nach Deutschland gebracht. Weitere Themen: die Rückwanderung der Flüchtlinge und die Organisation der Militärverwaltung Frankreichs. Halder vermerkt im Kriegstagebuch auch noch, dass die Aufgaben der von Generaloberst List geführten 12. Armee «gedanklich» vorzubereiten sind. Diese Aufgaben kämen für den Fall in Frage, dass sich die Waffenstillstandsverhandlungen mit Italien zerschlagen. Die Wehrmacht müsste dann «doch noch einen ernsten Angriff in den Rücken der französischen Alpenbefestigungen und gleichzeitig einen Vorstoss gegen die Mittelmeerküste » durchführen.

Zur gedanklichen Planung gehört in diesem Zusammenhang auch die Verfassung einer «Vortragsnotiz» über einen eventuellen Angriff gegen die Schweiz, der diesen Vorstoss gegen die Mittelmeerküste erleichtern würde. Oberst von Greiffenberg, Chef der Operationsabteilung im Generalstab des Heers, gibt den Auftrag zu dieser Studie dem 32-jährigen Oblt. von Menges. Menges stellt sie – seine «erste grosse selbstständige» Arbeit – bis zum übernächsten Tag «zur vollständigen Zufriedenheit des Abteilungschefs» fertig.

Die Befürchtung, wonach die bei Rom geführten Waffenstillstandsverhandlungen zwischen Italien und Frankreich scheitern könnten, erweist sich als unbegründet. Für Mussolini beweisen die «massvollen» deutschen Waffenstillstandsbedingungen Hitlers Willen nach einer «schnellen Verständigung». Laut Aussenminister Cianos Tagebuchaufzeichnung wagt es der Duce nicht mehr, Ansprüche auf die Besetzung gewisser Zonen auszusprechen, weil dies «und unsere Beziehungen zu Berlin zerplatzen lassen» würde.

Pilet hat Minister Frölicher nach Bern zitiert, um vom Gesandten persönlich zu hören, wie dieser die in Berliner Führungskreisen herrschende Stimmung gegenüber der Schweiz einschätzt. Was bedeuten die Drohungen in der scharfen Note vom 19. Juni zu den Flugzeugzwischenfällen? Wird es nach den misslungenen Anschlagversuchen gegen Schweizer Militärflugzeuge zu neuen gewaltsamen Racheaktionen des Reichs kommen? Der Blitzbesuch des Gesandten wird geheim gehalten. Die vertraulichen Gespräche, die Frölicher am Wochenende in Bern mit Pilet und separat mit dem deutschen Gesandten Köcher führt, finden keinen Niederschlag in offiziellen Dokumenten. Jetzt nur kein Geschirr zerschlagen, scheint die Devise zu sein – beim Bundespräsidenten, beim Schweizer Gesandten und auch bei Köcher. Alle drei – wie auch Weizsäcker in Berlin – haben ein politisches und persönliches Interesse an einer raschen diplomatischen Beilegung der gefährlichen deutsch-schweizerischen Krise.

Aufgrund von Frölichers mündlichem Bericht über dessen Sondierungen bei Köcher entscheidet Pilet, die internierten deutschen Flieger nach Deutschland zurückzuschicken. Er rechnet damit, dass diese unilaterale Geste des guten Willens von Berlin honoriert werden wird. Die Freilassung der insgesamt 17 internierten Flieger und Rückgabe eines noch intakten in der Schweiz notgelandeten Flugzeugs ist allerdings aus Neutralitätsgründen fragwürdig und innenpolitisch delikat. Darf die Schweiz dies tun, während der Krieg zwischen Deutschland und England weitergeht? Und wird die Presse die Geste, wenn sie – was nicht zu vermeiden ist – in der Schweiz bekannt wird, nicht als Bückling gegenüber dem siegreichen Deutschland anprangern?


«Staatsmann im Sturm»

Hitlers Blitzsiege machten 1940 zum gefährlichsten Jahr in der jüngeren Geschichte der Schweiz. Das völlig eingeschlossene Land war auf Gedeih und Verderb Nazi-Deutschland ausgeliefert. Die Last seiner Aussenpolitik lag auf den Schultern von Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz. Mit viel Geschick steuerte er die Schweiz unbeschadet durch stürmische Monate. In der Geschichtsschreibung gilt der Waadtländer als «Anpasser», der den Nazis zu Gefallen war. Hanspeter Born zeichnet ein anderes Bild des Juristen, Schöngeists und Landwirts aus der Romandie. Seine auf Primärquellen, teils unbekannte Dokumente aus dem Familienarchiv Pilet, beruhende Studie wertet den Umstrittenen als klugen und standfesten Staatsmann.

«Die kapitale Mission des Bundesrates in den gegenwärtigen Zeitläufen besteht darin, das Land in der Unabhängigkeit und Freiheit zu erhalten. Sein Wille, hiefür seine ganze Energie und seine ganze Umsicht einzusetzen, braucht keinerlei besondere Erwähnung. Dinge, die sich aufdrängen und über jeder Diskussionstehen, verlieren, wenn man sie wiederholt.» Marcel Pilet-Golaz, Lausanne,12. September 1940

Hanspeter Born, Staatsmann im Sturm. Pilet-Golaz und das Jahr 1940. Münster Verlag 2020, gebunden, mit Schutzumschlag, 540 Seiten, CHF 32.–. ISBN 978-3-907 146-72-, www.muensterverlag.ch

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagsgestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld
Umschlagsbild: KEYSTONE-SDA / Photopress-Archiv 

Beitrag vom 24.09.2023

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