28. Sturm nach der Stille Aus «Staatsmann im Sturm»

Dann schlägt der Blitz ein.

Freitag, 10. Mai. 7-Uhr-Frühnachrichten: Das Schweizer Radio meldet aus Berlin: Die deutsche Wehrmacht erhielt den Befehl, «die Neutralität Belgiens und Hollands mit allen militärischen Mitteln zu schützen». Es folgt ein Memorandum von Goebbels: Deutschland ist nicht gewillt, einen «unmittelbar bevorstehenden englisch-französischen Angriff gegen die Ruhr tatenlos abzuwarten». Die von Holland und Belgien getroffenen militärischen Massnahmen und die feindselige Haltung der holländischen und der belgischen Presse gegenüber dem Reich hätten keinen «Willen zur Neutralität» erkennen lassen.

Wie die meisten Schweizer, die diese Nachricht hören, glaubt Markus Feldmann den Deutschen kein Wort. Er schreibt im Tagebuch von den «üblichen verlogenen Phrasen, man komme nicht als Feind».

In den frühen Morgenstunden haben deutsche Truppen die lange erwartete Grossoffensive eingeleitet. Hitlers Tagesbefehl schliesst mit den Worten:

Soldaten der Westfront! Die Schlacht, welche heute beginnt, wird für die nächsten tausend Jahre das Schicksal der deutschen Nation entscheiden. Tut jetzt eure Pflicht. Das deutsche Volk ist mit seinen Segenswünschen bei euch.

Der Angriff auf Frankreich, zu dem sich Hitler bereits im Oktober 1939 entschlossen hatte, war aus Wetter- und anderen Gründen 29-mal verschoben worden. Inzwischen haben die Generalstäbler des Heers den Plan für «Operation Gelb» abgeändert, verfeinert und in Planspielen immer wieder überprüft. Er scheint einwandfrei und hat für den Feind eine Überraschung bereit. Selbst die Skeptiker unter den deutschen Generälen geben ihm Erfolgschancen.

Noch im November zuvor war der Generalstabschef des Heers, Generaloberst Franz Halder, über Hitlers Kriegspläne derart bestürzt gewesen, dass er zusammen mit anderen Oppositionellen einen Staatsstreich plante. Inzwischen haben sich Halder und die meisten hohen deutschen Generäle mit der Ausweitung des von ihnen nicht gewollten Kriegs abgefunden. Als im Sonderzug, der die Heerführer zum Gefechtsstand «Felsennest» in die Eifel fährt, ein Offizier die Notwendigkeit des Kriegs bezweifelt, weist ihn Halder zurecht: «Dieser Krieg ist notwendig wie der von 1866, und an seinem Ende stehen die Vereinigten Staaten von Europa.» Der preussisch-österreichische Krieg von 1866 ebnete den Boden für die Schaffung des Deutschen Reichs fünf Jahre später.

In Berlin ist Weizsäcker erst um 01 Uhr früh in die Vorbereitung zum Einmarsch eingeweiht worden. Er zitiert sofort den belgischen Botschafter Graf Davignon zu sich und erklärt diesem, dass jeder Widerstand seines Landes nutzlos sei. Davignon antwortet, sein König sei ein Mann von Mut und werde sein Wort halten. Belgien werde sich verteidigen. Er fügt noch hinzu: «Hitler hat seinen ersten Fehler begangen. Es gibt einen Gott. Dieser Tag ist kein Glück für Deutschland.» 

Weizsäcker, der gehofft hat, es komme nicht zum Grosskampf im Westen, sieht immerhin einen Vorteil in der jetzigen Offensive:

Sie vermeidet ein Hinschleppen der Entscheidung, verschärft das Kriegstempo und führt den Austrag in einem Augenblick herbei, wo noch nicht Hunger, Ermüdung und Ruhebedürfnis à tout prix wie 1918 sich eingestellt haben. Wenn schon – dann lieber jetzt.

In Paris wendet sich der Oberkommandierende, General Gamelin, an die Truppe:

Der Angriff, den wir seit letztem Oktober vorausgesehen haben, ist heute morgen ausgelöst worden. Deutschland unternimmt gegen uns einen Kampf auf Leben und Tod. Die Losung für Frankreich und alle unsere Verbündeten: Mut, Energie, Vertrauen.

Der Généralissime ist überzeugt, dass sein strategischer Plan die Deutschen in Belgien aufhalten und besiegen wird. Rüstungsminister Dautry meint zu einem Abgeordneten:

Alles wird gut gehen. Dieses Land ist eingeschlafen und hatte es nötig, geweckt zu werden. Der Angriff wird heilsam sein, indem er die Energien galvanisiert. Ein grosser reinigender Windstoss wird durch das Land ziehen.

Die Meldung vom deutschen Angriff hat die Schweizer Armeeführung überrascht. Noch tags zuvor schien sich die Lage an der niederländisch-deutschen Grenze eher entspannt zu haben. Doch jetzt ist klar: Der Krieg nähert sich gefährlich unserem Land.

Sobald Bundespräsident Pilet-Golaz frühmorgens vom deutschen Angriff erfahren hat, ruft er den General an und lädt ihn in die Bundesratssitzung ein. Zu Beginn der Sitzung, die wie üblich um 9 Uhr beginnt, berichtet Pilet, seine Leute hätten in den ersten Morgenstunden ein Telefongespräch zwischen Berlin und Köcher in Bern abgehört. Wortlaut: «Alles bereit halten. Es stehen wichtige Aktionen bevor.» Zum Thema «Vergewaltigung Holland Belgien» will Pilet Presse und Radio Weisungen über die zulässige Kommentierung des Ereignisses erteilen:

1. Es ist grösste Ruhe und absolute Kaltblütigkeit zu bewahren.
2. Der schmerzlichen Überraschung, welche die Ereignisse bei uns hervorgerufen und der tiefen Sympathie, die wir für deren Opfer empfinden, darf Ausdruck gegeben werden.
3. Es ist in allen Kommentierungen eine würdige Haltung einzunehmen; irgendwelche Beleidigungen, Verleumdungen und leidenschaftliche Äusserungen sind unbedingt zu unterlassen.

In der ursprünglichen Fassung schrieb Pilet von der tiefen «Sympathie für Holland und Belgien». Aus Neutralitätserwägungen streicht der Bundesrat diese Formulierung. Die Worte «würdige Haltung» fügte er auf Anregung Etters hinzu.

Um 10.30 Uhr fährt der Wagen des Generals vor das Bundeshaus. Er kommt aus Langnau, wo er mit dem Generalstab die Lage besprochen hat. Der Oberkommandierende wird in den Sitzungssaal geführt. Er berichtet, was in der Nacht geschehen ist. Dabei macht er auf die «an unseren Grenzen erfolgten Truppenansammlungen» aufmerksam. Er «beantragt die Generalmobilmachung der Armee auf morgen Samstag, 9 Uhr». Diese wird vom Bundesrat beschlossen.

Pilets Frage an Guisan, ob die Wehrmänner im Ausland ebenfalls einrücken müssten, beantwortet der General mit Nein. Der Presse soll mitgeteilt werden, dass es sich bei der erneuten Mobilmachung um eine Vorsichtsmassnahme handle. Der General meint, man müsse sagen, dass zur Wahrung unserer Neutralität alle unsere Grenzen beschützt werden sollen – gegen jeglichen Angreifer, von welcher Seite er auch kommen möge. Etter schlägt vor, der Bundespräsident solle «am Radio sprechen, heute am Mittag». Pilet hat Bedenken, weil er die Invasion von Belgien und Holland verurteilen müsste, was zusätzliche Spannungen in die Beziehungen zu Deutschland hervorrufen könnte. Obrecht hält die Rede für unerlässlich. Die Presse werde ohnehin Artikel schreiben. Auch Etter meint, man sollte mit der Rede nicht warten. Der Bundespräsident brauche Belgien und Holland ja nicht ausdrücklich zu erwähnen.

Der General beantragt die Schliessung der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland. Pilet: «Müsste man dann nicht auch auf französischer Seite die Grenze schliessen? Aus Neutralitätsgründen?» Daran hat der General nicht gedacht. Er gibt nach: «Wenn der Bundesrat die Grenzen nicht ganz schliessen will, dann wenigstens alle Züge kontrollieren.» Die Grenzschliessung ist vom Tisch. Aus Neutralitätsgründen würde Etter die von Guisan beantrage Kontrolle der Züge für «beide kriegführenden Staaten» ergreifen. Der Bundespräsident fasst zusammen:

Die Kontrolle soll für Personen und Waren aus beiden Staaten, Deutschland und Frankreich, gemacht werden. Für alle Reisenden aus allen Ländern dürfen Visa nicht mehr durch die schweizerischen Gesandtschaften und Konsulate ausgestellt werden, nur noch durch das Eidg. Justiz- und Polizeidepartement in Bern. Beides wird sofort in Kraft gesetzt. So beschlossen.

Die Notizen von Vizekanzler Leimgruber enden mit den Worten:

Der General verlässt den Saal um 11.20 Uhr. Der Presse sagen, der Bundesrat halte die Lage für gefährlich. Schluss.

Nach Sitzungsende setzt sich Pilet hin, um seinen Radioaufruf zu verfassen. Er hat Übung im raschen Denken und raschen Schreiben. Um 13.30 Uhr verliest er auf Französisch über die drei Landessender seine Proklamation. Der Bundespräsident sagt (in der nicht besonders glücklichen offiziellen deutschen Übersetzung):

Unheilvoll war, ihr wisst es, die letzte Nacht. Der Krieg hat neue und bemitleidenswerte Opfer gefordert. Drei befreundete Staaten sind in den höllischen Strudel hineingezogen worden. Unsere Heimat hingegen ist nach wie vor verschont geblieben. Aber wenn auch keine unmittelbare Gefahr uns bedroht – wie ich versichern kann – so ist doch die durch die Ereignisse geschaffene Lage ernst. Sie hat sich von Grund auf und besorgniserregend dadurch geändert, dass die Westfront in Bewegung geraten ist. Ihre rasche Entwicklung kann uns vor gefährliche Möglichkeiten stellen. Es gilt, sich bereit zu halten!

Die Mobilmachung sei eine «unerlässliche Vorsichtsmassnahme», die «ihr begreifen und befürworten werdet». Pilet gibt seinen Landsleuten, wie er dies in seinen Reden gerne tut, einige mahnende Worte mit auf den Weg:

Ruhe und Kaltblütigkeit sollten unser Wahlspruch sein. Keine unangebrachte Unruhe, keine Nervosität! Ruhige Entschlossenheit. Mässigung und Zurückhaltung im Urteil. Gefühle sind umso stärker und reiner, wenn sie von Leidenschaft frei sind. Festigkeit und Einheit!

Es ist nicht mehr Zeit zu Erörterungen und zögerndem Abwägen. Die Reihen schliessen. Wollen, Handeln. Misstraut Sensationsnachrichten. Der Nervenkrieg ist der gefährlichste. Bewahrt vor fantastischen und heimtückischen Gerüchten euren kritischen Sinn und glaubt nicht daran und verbreitet sie vor allem nicht weiter.

Wir selbst werden euch die Wahrheit sagen. Vertraut auf die Behörden, sie wachen. Sie werden ihrerseits euch Vertrauen entgegenbringen. Lasst uns unsere ganze Kraft anspannen zum Wohle des Vaterlandes, der neutralen, loyalen und freien Schweiz! Verdoppeln wir unsere Wachsamkeit und unseren Mut. Möge Gott uns erleuchten und uns Kraft verleihen!

Pilet hat offenbar die richtigen Worte gefunden. Alt-Bundesrat Häberlin findet die Ansprache «bewundernswert».

Der an dramatischen Ereignissen reiche 10. Mai – Freitag vor Pfingsten – hat noch eine Überraschung bereit. Nachdem Premier Chamberlain die Norwegen-Debatte im Unterhaus nur mit einer stark verminderten Mehrheit gewonnen hat, sehen er und sein Kabinett ein, dass eine Regierung der nationalen Einheit gebildet werden muss. Die Labourführung ist dazu bereit, aber viele in der Partei lehnen ihren alten Widersacher Chamberlain ab.

Am späten Nachmittag erhält Chamberlain vom Labourparteitag in Brighton die Meldung, die Partei weigere sich, unter ihm als Premier in die Regierung einzutreten. Für den Mann von München ist das Spiel aus. Im engsten Führungskreis der Tories hat man schon vorher über einen Wechsel an der Downing Street 10 beraten. Chamberlain selber, die Mehrheit der Tory-Abgeordneten und der König wünschen sich den erfahrenen Lord Halifax als Premierminister. Dieser lehnt ab. Er sieht sich selber nicht als Kriegsherr.

Es gibt nur eine Lösung: «Winston». Obschon der heissblütige, sprunghafte Winston Churchill als Erster Lord der Admiralität die Hauptschuld am norwegischen Fiasko trägt, sind jetzt sein kämpferisches Temperament, seine Arbeitskraft und seine Entschlossenheit gefragt. Am Abend fährt Chamberlain in den Buckingham-Palast, erklärt König George VI. seinen Rücktritt und schlägt Churchill als Nachfolger vor.

Samstag, 11. Mai. Ein strahlend schöner Frühlingstag. Die Schweizer Armee rückt ein. 450 000 Mann sind unter die Waffen gerufen, dazu 300 000 Hilfsdienstpflichtige. Die Truppen sind besser ausgebildet als im September. Operationspläne liegen bereit. Tagesbefehl General Guisan:

Wir werden alle, wenn es sein muss, uns für unsere Kinder und unser schönes Vaterland opfern … Die Parole ist einfach: Bleiben wir ruhig, stark einig. Auf diese Weise werden wir freie Menschen bleiben.

Schon am Abend des Einrückungstags glaubt der Nachrichtendienst, es gebe entscheidende Anhaltspunkte für einen unmittelbar bevorstehenden deutschen Einmarsch in die Schweiz. Masson erwartet den Angriff in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch, 14. auf 15. Mai.

Der ehemalige deutsche Spitzendiplomat Ulrich von Hassel, jetzt eine wichtige Figur in der Opposition gegen Hitler, reist am 11. Mai trotz abgelaufenem Visum mit Bewilligung der St. Galler Fremdenpolizei in die Schweiz ein. Auf der Fahrt von St. Margrethen nach Arosa, wo seine Frau in Kur weilt, spürt er eine wahre Panikstimmung:

Der Eindruck ist der eines hochmobilisierten, ja kriegführenden Landes – viel stärker als in Deutschland selbst. Überall fällt man geradezu über Truppen. Die Ausländer müssen alle Waffen abgeben, auch die alte Frau H. ihre winzige Pistole. Man spricht von Internierung der Deutschen, und die braven Bürger von Zürich und Basel usw. bringen ihre Frauen und Kinder in die Berge. Die grosse Schreckvorstellung sind die Fallschirmjäger und die «Fünfte Kolonne». In Zürich sieht man an den öffentlichen Gebäuden, Brücken, usw. Drahthindernisse, Spanische Reiter usw. Von Mussolini hat man natürlich auch Angst. Vor allem aber von uns, die man ausserdem glühend hasst.

Pfingstsonntag, 12. Mai. Die Meldungen überstürzen sich. Die von den Schweizer Zeitungen angeheuerten militärischen Fachleute versuchen das undurchsichtige Geschehen an der Westfront ihren Lesern zu erklären. Oberstdivisionär Gosselin, einst direkter Vorgesetzter von Pilet in der 1. Division und mit ihm befreundet, tut dies im Journal de Genève. Er sieht für Holland und Belgien gute Chancen, dem deutschen Ansturm zu widerstehen. Ihre Befestigungssysteme, die Gosselin genau beschreibt, hätten «grossen Wert»: 

Holland und Belgien leisten energisch Widerstand. Das Reich hat eine Million Kämpfer vor sich, über die es hinwegziehen muss, bevor es sich der verteidigungsbereiten französisch-britischen Armee gegenüber findet. Der Kontakt zwischen deutschen und alliierten Truppen hat sich in Luxemburg bereits eingestellt. Auf jeden Fall stützen sich 148 | Sturm nach der Stille heute die alliierten Armeen auf eine Maginot-Linie, die bedeutend mächtiger ist als noch im September, und die sich von Saint-Claude bis zur Nordsee erstreckt. Man sieht, dass die Position der Alliierten unendlich viel günstiger ist, als sie es im August 1914 war.

Für die Schweiz sieht Divisionär Gosselin keine unmittelbare Kriegsgefahr. Die Chancen auf einen von den meisten Schweizern erhofften Sieg der Alliierten seien intakt.

Der Schweizer Gesandte in London, Walter Thurnheer, kommentiert in einem Brief an Pilet die Ernennung Churchills zum Premier:

Diese dynamische Persönlichkeit hat in der ernstesten Stunde des Britischen Reiches das Steuer ergriffen. Die Reaktion war ausgezeichnet. Das Zutrauen in Volk, Parlament, Armee, Marine, in den Dominien des Britischen Reiches, erfuhr mit einem Ruck eine gewaltige Stärkung. Auch im Ausland war die Beurteilung namentlich bei den Alliierten, den diesen freundlichen Staaten und den meisten Neutralen, besonders aber dem grössten unter den letzteren, den USA, sehr günstig. Allerdings war auch beim Feinde die Reaktion dementsprechend und wie dies bei Hitler üblich, stark und prompt. Letzterer erkannte sofort, dass von nun an jedes weitere Zuwarten nur zu seinem Nachteil sein konnte. Churchill ist nicht der Mann, der es mit den Kriegsrüstungen flau nehmen wird. Der bittere Hass der Deutschen gegen Churchill, wie er schon seit langem und zu wiederholten Malen zum Ausdruck kam, ist wohl der beste Beweis von Churchills Stärke.

Pfingstmontag, 13. Mai. Pilet geht auf einen Sprung nach Les Chanays. Was er dort sieht, macht ihm wenig Freude:

Zustand des Guts schlecht. Herbstgetreide hässlich, zu weiten Teilen inexistent. Heu dünn. Boden trocken.

Pilet schaut nach den Kühen im Stall. Lisette hat Mitte Monat ein weibliches Kalb geworfen. Chamois hat seit 99 Tagen ein geschwollenes rechtes Bein. Beim Essen berichtet Marie, die Frau des in den Dienst eingerückten Meisterknechts, der Tierarzt habe von einer langwierigen, aber ungefährlichen Sache geredet und für die Kuh Ruhe verordnet.

Wichtigste Notiz in dem von Pilet geführten Journal:

Ich verkaufe [Metzger] Baud, der es mitnimmt, das von Regina geworfene männliche Kalb (Fr. 1.90 das Kilogramm).

Der Bundespräsident hat ein Kalb verkauft.

Zum Autor

Schriftsteller Hanspeter Born

Hanspeter Born, geb. 1938, Schulen in Bern, Dr. phil. hist.; Redaktor beim Schweizer Radio, USA-Korrespondent; Auslandchef der Weltwoche (1984–1997);Autor von Sachbüchern, darunter «Mord in Kehrsatz», «Für die Richtigkeit –Kurt Waldheim» sowie (mit Benoit Landais) «Die verschwundene Katze» und «Schuffenecker’s Sunflowers».

Dienstag, 14. Mai 1940. Die holländische Königin ist mit ihrer Regierung nach London geflüchtet. Der Ansturm der Deutschen auf Belgien und die Niederlande hält an, aber die von französischen und britischen Truppen unterstützten Armeen der tapferen Benelux-Staaten leisten Widerstand. Zumindest scheint es so. Es fällt schwer, in den offiziellen Verlautbarungen der kriegführenden Staaten zwischen Tatsachen und Propaganda zu unterscheiden.

Zu früher Stunde erhält Bundespräsident Pilet Besuch von Oberst Masson. Er findet ihn «im Zustand bedenklicher Erregung». Sein Nachrichtendienst hat starke Truppenbewegungen im Schwarzwald und in anderen süddeutschen Gebieten beobachtet, weshalb er mit einem bevorstehenden deutschen Angriff auf die Schweiz rechnet.

Um 09.00 tritt der Bundesrat zur ordentlichen Dienstagsitzung zusammen. Pilet erklärt, wieso man im Armeekommando eine deutsche Invasion der Schweiz für möglich halte. Anhand einer Landkarte beschreibt Minger die deutschen Truppenansammlungen an der Grenze. Es handle sich um 20 ausserhalb der Dörfer stationierte Divisionen, unter ihnen motorisierte Truppen und Fallschirmjäger.

Auf Antrag des Justizdepartements beschliesst der Bundesrat die Entwaffnung der in der Schweiz lebenden Ausländer. Dies vor allem wegen der «psychologischen Wirkungen»:

Die in ihm [dem Beschluss] zum Ausdruck kommende Bereitschaft zum Zugreifen wird nicht nur die schweizerische Bevölkerung, sondern auch die loyalen Ausländer beruhigen, und sie wird auf die in ihrer Loyalität schwankenden Ausländer abschreckend wirken.

Unter das Waffenverbot fallen auch Flobertgewehre.

Pilet berichtet über den am Freitag erfolgten, vermutlich irrtümlichen Abwurf von 17 Bomben auf Courrendlin im Jura, bei denen es sich um deutsche Erzeugnisse handle. Er hat Frölicher angewiesen, bei der Reichsregierung zu protestieren und Schadenersatz zu fordern:

Gleichzeitig wurde M. Frölicher beauftragt zu verlangen, dass Befehle erteilt würden, um Wiederholungen der Verletzung des schweizerischen Luftraums durch deutsche Flugzeuge, wie sie im Laufe des 10. Und 11. Mai festgestellt wurden, zu verhindern.

Die Schweiz lässt sich von Deutschland nicht einschüchtern.

Als Entgegnung auf «germanophobe Zeitungsartikel» legt der Bundespräsident den Kollegen den Entwurf eines Communiqués vor, das der Angst vor der ominösen «5. Kolonne» und dem Deutschenhass entgegentreten soll. Seit Kriegsbeginn beklagt sich die deutsche Gesandtschaft über die Anrempelung und Beleidigung von deutschen Reisenden oder in der Schweiz lebenden Reichsbürgern. Pilet will solche Übergriffe abstellen.

Das vom Bundesrat gutgeheissene Communiqué warnt die Bevölkerung davor, aus «gewissen alarmierenden Zeitungskommentaren» falsche Schlüsse zu ziehen. Die Zahl der in der Schweiz lebenden Ausländer habe seit der Volkszählung von 1930 «einen gewissen Rückgang» erfahren. Ausserdem dürfe man nicht vergessen, «dass diese Ausländer zum grossen Teil in der Schweiz geboren und aufgewachsen sind und die Mehrzahl von ihnen sich assimiliert haben». Die Tatsache, dass «gewisse kriegführende Mächte» ihre Staatsbürger nicht unter die Fahnen gerufen hätten, bedeute nicht, dass «diese Personen für Sabotageakte in ihren Aufenthaltsländern benutzt werden».

Während der Bundesrat tagt, erhält Markus Feldmann auf seiner Redaktion Telefonmeldungen eines Berner Gemeinderats und eines Offiziers, wonach im Infanterieregiment 45 das Gerücht über «eine deutsche Bereitstellung zum Angriff auf die Schweiz» kursiere:

In den Stäben herrsche die entsprechende Atmosphäre und in der Truppe die entsprechende «Stimmung». Diese sei sehr ernst, aber auch vollkommen entschlossen.

Das von Masson um 11 Uhr herausgegebene Nachrichtenbulletin Nr. 167 – «geheim » – bestätigt, was der Nachrichtenchef schon Pilet gesagt hat:

Man befürchtet, dass der Krieg in naher Zukunft auf weitere, bisher neutral gebliebene Länder übergreifen könnte. Die besondere Situation der Schweiz erheischt nach wie vor ernsteste Wachsamkeit und Bereitschaft.

Zwischen Badisch-Rheinfelden und dem Untersee stünden deutsche Truppen «fast überall» in «nächster Nähe» zur Grenze. Infolge der Grenzsperre habe man zwar nur «beschränkten Einblick in den badischen und württembergischen Hintergrund», könne aber an verschiedenen Orten einen regen militärischen Verkehr beobachten, vor allem entlang des Rheins. Im Wiesen- und Kandertal sind «anscheinend» Verstärkungen eingetroffen; 3 bis 4 Divisionen sollen dort versammelt sein:

Besonders dicht belegt ist zur Zeit die Gegend nördlich von Schaffhausen. Die dort eingetroffenen Truppen gehören zu einem starken Verband, der aus östlicher Richtung kommend in der Nacht vom 10./11. und 11./12. eingetroffen ist. Im Raum zwischen Tuttlingen und der Schweizer Grenze sollen 1-2 Divisionen liegen (18 000 Mann) bei Hausen, Eningen, Engen und Aach stehen starke motorisierte Kolonnen neben den Strassen in Fliegerdeckung. Die Bahnlinie Singen-Tuttlingen ist sehr stark bewacht und durch zahlreiche Flak geschützt. Die Ausreise über Singen ist selbst den akkreditierten schweizerischen Diplomaten nicht mehr gestattet. Offenbar soll um jeden Preis der Einblick in den Raum Tüttlingen-Ulm verwehrt werden. Der Einsatzflughafen von Engen ist stark belegt mit Kampf- und Jagdflugzeugen.

Vom schweizerischen Ufer des Bodensees hat man in der Nacht vom 12./13. ein «andauerndes dumpfes Rollen» gehört. Anscheinend fuhren Motorfahrzeugkolonnen auf der Strasse Friedrichshafen-Radolfzell. Bedenklich sind die bereits in den Tagen zuvor beobachteten zahlreichen Pontonierübungen im Brückenschlag.

Hptm. Barbey hat am Morgen einen mit Dokumenten und Karten gefüllten Koffer in Gümligen geholt und in einem alten Packard nach Neuenegg gefahren. Das Material ist für unsere Verbindungsoffiziere bestimmt. Sobald deutsche Truppen die Schweizergrenze überschreiten, sollen sie es den französischen Kameraden aushändigen. Die Vorkehrungen sind getroffen, damit die französische 45. Armee die für sie bestimmten Stellungen auf dem Gempen-Plateau und im Raum von Olten beziehen kann.

Der St. Galler Schularzt und Luftschutz-Hauptmann Hans Richard von Fels schreibt am späten Abend in sein Tagebuch:

Seit 16 Uhr ist höchste Alarmbereitschaft der gesamten Armee befohlen. Es gehen wieder die wildesten Gerüchte: das Rheintal werde evakuiert. Wir telephonieren nach St. Margareten und hören, das stimmt nicht. Abends sprach ich telephonisch mit Albert Bodmer [befreundeter Chemiker, dessen Bruder als Oberstleutnant auf dem Laufenden ist]. Die Lage ist heikel. Es scheinen sich bei Basel im Klotz Kämpfe abzuspielen. Wahrscheinlich deshalb der Alarm. Italien rasselt noch mehr und schreit für Krieg gegen Frankreich. Verdächtige Personen wurden heute abend hier in St. Gallen durch die Polizei festgenommen. Man fürchtet Saboteure. Soldaten und Offiziere aus dem Rheintal haben nachts heimtelephoniert, ihre Familien sollen sofort packen und in die Innerschweiz abreisen. Panischer Schrecken ist in die Bevölkerung gefahren; man verliert allgemein den Kopf. Yvettli [Gattin Yvonne Fels] und ich haben lange und ernsthaft diskutiert und sind zum Schluss gekommen, bis morgen mit einer Evakuation zuzuwarten.

Das Genfer Infanterieregiment 3 ist in der Nacht zum Dienstag aus der Gegend von Estavayer nach Bremgarten im Kanton Aargau verlegt worden. Die welsche 1. Division soll die an der Limmatstellung stationierten Bestände verstärken. Oberstdivisionär Combe hat die Truppe vor ihrer Abfahrt mit den Worten entlassen: «Ich hoffe, Messieurs, dass ihr in eurem Sektor ankommt, bevor man euch bombardiert.» In den Abendstunden steigen die Füsiliere des 10. Bataillons leise auf eine Waldanhöhe irgendwo im Kanton Zürich. Ihr Kommandant, Hptm. Privat, notiert in sein Tagebuch: «Um Mitternacht ist alles bereit. Jeder schaufelt. Es ist nicht mehr nötig, Befehle zu geben.» Dann legt er sich schlafen, um für den in den ersten Morgenstunden erwarteten Kampf «in Form» zu sein.

Gross ist die Unsicherheit in dem als besonders bedroht geltenden Basel. Das Stadtkommando rechnet stündlich mit dem deutschen Angriff und trifft die nötigen Abwehrmassnahmen an den Rheinbrücken. Auf den Ausfallstrassen von Basel bilden sich lange Kolonnen von hoch beladenen Automobilen, die sich Richtung Innerschweiz, Berner Oberland und Waadtland fortbewegen. Die Billett- und Gepäckschalter am Bundesbahnhof werden stundenlang von Scharen Ungeduldiger belagert.

Angst um die Familie bedrückt auch Bundesrat Etter. Für den Fall einer deutschen Invasion treffen die Etters Vorsorge. Bundesratstochter Maria Stockmann-Etter wird sich nach dem Krieg erinnern:

Wir waren eine grossköpfige Familie (12 Köpfe plus Hausangestellte). Was würde mit der Regierung geschehen? Was würde mit Vater geschehen? Bundesrat Pilet-Golaz war uns immer sehr zugetan. Er besass in Essertines-sur-Rolle ein Bauernhaus und sein Sohn Jacques – der übrigens zu meinen Verehrern zählte – hatte neben dem elterlichen Haus ein Pavillon für sich allein. Nun offerierte Pilet-Golaz Vater, dass wir im Notfall mit der ganzen Familie Zuflucht im Bauernhaus finden dürfen. Wir mussten uns diesen Umzug so schnell wie möglich vorbereiten. Also stellten wir lebenswichtige Vorräte und warme Winterkleider zusammen. Grosse Steinhäfen mit eingemachten Eiern, sterilisierten Früchten und Gemüse, Zucker, Mais, Weizen, Gries, Reis, Suppen usw., Mäntel, Pullis, Jacken, Leibchen, warme Strümpfe, Wolldecken, Handschuhe, alles was es brauchte.

Meine Mutter war immer eine mutige, fürsorgliche und besonnene Frau. Doch dieses Mal war sie völlig aufgelöst und mutlos. Ich weiss nicht – doch ich bekam dort unbekannte Kräfte und konnte so vieles helfen.

Es war alles bestens organisiert. Vom Militär wurde uns ein Lastwagen mit einem zuverlässigen Fahrer zur Verfügung gestellt. Nach dem Mittagessen wurde aufgeladen. Mutter gab mir noch eine Wolldecke mit, damit, wenn es kalt würde, ich mich einhüllen könne. Auch einen Batzen hatte sie bereit, damit ich mit dem Fahrer irgendwo essen könne. So fuhren wir los. Wir mussten Umwege benutzen. Oft war alles gesperrt – wir mussten wieder umkehren. Oft konnten wir nur nach langen Verhandlungen mit dem Grenzposten [Posten an der Sperre] passieren. Wir hatten selbstverständlich wichtige Ausweise und Papiere bei uns. Endlich waren wir in Essertines. Wir konnten unsere Ware in Jacques Pavillon deponieren. Die Bauernfrau lud uns zu einer Tasse Tee ein, und ich durfte den Hühnerhof besuchen, wo viele junge Kücken herumhopsten.

Über Lausanne, wo Tochter Etter und der Fahrer im Restaurant das Nachtessen einnehmen, geht es zurück nach Bern.

Oberst Jaquillard, Chef der Spionageabwehr, hat während des ganzen Pfingstdienstags in Zivilkleidung die Situation entlang der Grenze in der Region Basel ausgekundschaftet. Er hat die Autokolonnen gesehen, die Frauen und Kinder die vor den «Hunnen» flüchten, die Gerüchte gehört, «die allenthalben zirkulieren»:

In Basel ist die Bevölkerung zutiefst aufgewühlt, aber ruhig. Gegen 22 Uhr sind wir in einem Café nahe der Grenze zum Elsass. Durch das Fenster sehe ich auf eine Distanz von zwei Metern das enge Netz des deutschen Stacheldrahtverhaus. Das Lokal, sonst in dieser Stunde gewöhnlich überfüllt, ist leer. Ein angetrunkener Gast tritt herein, glasige Augen, schwere Zunge. Er weiss nicht, was vorgeht, und fragt verwirrt und erstaunt: Wieso ist niemand da? Einige Worte der Wirtin scheinen ihn auszunüchtern. «Dann gehe ich heim», sagt er und verschwindet unsicheren Schrittes.

Jaquillard hat den Badischen Bahnhof besucht, «eine wahre Festung – man würde glauben, er sei zu diesem Zweck gebaut worden – ein Vorposten des Nazismus; er ist ein Spionagenest». Der vom Reich betriebene Bahnhof liegt auf Schweizer Staatsgebiet, aber die Deutschen haben sich dort eingerichtet wie in einer eroberten Stadt. Ihre Züge treffen direkt und ungehindert ein. Sie reisen hinein und hinaus, ganz wie es ihnen beliebt. Über 350 Deutsche sind am Badischen Bahnhof beschäftigt, dazu ein paar Dutzend «sorgfältig ausgewählte Schweizer, hundertprozentige Nazis», die nichts von den andern unterscheidet.

Am Abend – «in der Dunkelheit, um die allgemeine Nervosität nicht zu verschlimmern » – ist Pilet in die «Befehlsstelle» des Bundesrats gegangen, um dort die Nacht zu verbringen. Die «Befehlsstelle», die mit einer Sendeanlage ausgestattet ist, befindet sich im herrschaftlichen Von-Wattenwyl-Haus an der Junkerngasse 59. Das «Palais» ist 1934 – unter Pilets erster Präsidentschaft – der Eidgenossenschaft als Legat zugefallen. Für den Fall eines deutschen Angriffs hält sich der juristische Berater des Armeekommandos, Oberst Logoz, im benachbarten Hotel Bellevue bereit. Zusammen könnten Pilet und Logoz für den Fall des deutschen Angriffs sofort die vertraglichen Massnahmen für den Abschluss eines französisch-schweizerischen Militärabkommens treffen und mit Paris Verbindung aufnehmen.

Eben zurück im Hauptquartier in Langnau erfährt SPAB-Chef Jaquillard, dass Meldungen auf einen deutschen Angriff zwischen 02 und 04 Uhr hindeuten. Am gleichen Abend, um 22.05, berichtet das Deuxième Bureau, der französische Geheimdienst, dem Grand Quartier Général, dass in der Schweiz grosse Unsicherheit herrsche: 

Man glaubt, dass eine deutsche Invasion diese Nacht möglich sei. Obschon im Sektor von Basel, in dem sich 8000 bis 10 000 Schweizer Soldaten befinden, keine Evakuation angeordnet worden ist, hat der Konsul der Vereinigten Staaten seinem französischen Kollegen geraten, unsere Staatsbürger zurückzurufen. Der englische Konsul zieht seine Kolonie nach Genf zurück … Im Schwarzwald sollen sich 20 bis 25 deutsche Divisionen befinden. 

Viele der wachenden Schweizer Soldaten schreiben in der Nacht Abschiedsbriefe an ihre Lieben. Sie rechnen mit Kampf und dem möglichen Tod. Die meisten sind gefasst, wenigstens äusserlich. 

Mittwoch, 15. Mai. Im Armeestab in Langnau führt Pikettoffizier Hptm. Prisi das Tagebuch. Immer wieder läutet das Telefon. Um 3.40 fragt der St. Galler Regierungsrat Römer an, wieso die Evakuation im Grenzabschnitt noch nicht befohlen worden sei, wenn doch ein Angriff in einer Stunde erwartet werde. Oberst Werner Müller, Stellvertreter Massons, beruhigt den Regierungsrat. Eine Evakuation würde die bereits herrschende Panik komplett machen. Müller meint, die Panik rühre von Prof. Meyer, her, «der seine Greuelmeldungen in der ganzen Schweiz herumtelefoniere». [Karl Meyer, Ordinarius für Geschichte an der Universität Zürich, bekannt für seine vaterländischen Reden]

Um vier Uhr früh taucht in Lucelle, einem halb auf französischem, halb auf schweizerischem Gebiet stehenden Dorf am Grenzflüsschen Lucelle (Lützel) ein französischer Verband in voller Kampfmontur auf. Die beiden das Detachement befehlenden Offiziere melden dem ihnen entgegentretenden Schweizer Oberleutnant:

Gemäss den Befehlen, die wir erhalten haben, ist unsere Division beauftragt, im Einvernehmen mit der Schweizer Armee den ihr zugewiesenen Sektor im Gebiet des Plateaus von Gempen zu besetzen. Können Sie ihren Chef benachrichtigen, dass wir in die Schweiz einmarschieren und der vorgegebenen Route folgen werden?

Der erstaunte Schweizer Oberleutnant hat keinen diesbezüglichen Befehl erhalten. Er muss sich zuerst bei seinen Vorgesetzten erkundigen: »Kommt nicht in Frage, dass ich euch durchlasse.» Antwort des französischen Kameraden: «Wissen Sie denn nicht, dass die Schweiz diese Nacht angegriffen worden ist. Die Deutschen sind in Basel.» Der Schweizer Oberleutnant telefoniert mit dem K.P. seiner Brigade. Dort sagt man ihm, dass die französische Armee bis auf weiteres nicht ermächtigt ist, auf Schweizer Gebiet einzumarschieren. Alles ein Missverständnis. Der Vorfall müsse unbedingt geheim gehalten werden.

Um 7 Uhr früh wird Gonzague de Reynold in seinem Schloss im freiburgischen Cressier vom Telefon aus dem Schlaf geschreckt. Seine Tochter Elisabeth aus Genf ist am Apparat. Sie ist mit Prof. C.J. Burckhardt verheiratet, dem mächtigen IKRK-Chef und ehemaligen Hochkommissar für Danzig. Sie teilt dem Vater mit, die Enkel würden nicht zum angekündigten Besuch nach Cressier kommen. «Wieso? Sind sie krank?» – «Nein, aber Cressier ist zu exponiert.» – «Exponiert? Weshalb?» – «Weisst du denn nicht, dass die Schweiz von einer Invasion bedroht ist. Wir haben alle Massnahmen getroffen, um die Kleinen nach Frankreich zu verbringen, notfalls sogar nach Portugal.»

Die Morgensonne ist aufgegangen. Nichts ist geschehen. Barbey schreibt in sein Tagebuch: 

Nacht ohne Geschichte, gefolgt von einem noch schöneren Tag als gestern. Das Glück zu leben, zu sehen, zu hören, zu atmen. Elementare Empfindung und Gefühle, wunderbar einfach, nach all denen, die ich in relativem Unbewusststein oder Verwirrung im Laufe der letzten zwanzig Jahren erlebt habe.

Am Morgen des 15. Mai erlässt General Guisan einen Armeebefehl, in dem er eine erste Lehre aus dem Kriegsverlauf an der Westfront zieht. Eine der Ursachen «des täglichen Vordringens gewisser Truppen» sei das «Versagen Einzelner». Der Soldat habe die Pflicht, an Ort und Stelle erbittert Widerstand zu leisten:

Die Mitrailleure, die Kanoniere der schweren Waffen, die Artilleristen, ob im Bunker oder auf dem Feld, verlassen ihre Waffen nicht und zerstören sie, bevor der Gegner sich ihrer bemächtigt. Dann kämpfen Bedienungsmannschaften weiter wie Schützen truppe. Solange ein Mann noch eine Patrone hat oder sich seiner blanken Waffe noch zu bedienen vermag, ergibt er sich nicht.

Keiner wird in den nächsten Tagen bedingungslos Widerstand leisten und mit der blanken Waffe kämpfen müssen. Die Deutschen kommen nicht. Die masslose Aufregung, die in der Nacht Teile von Volk und Armee erfasst hat, wird nicht allseitig geteilt. «Gut ausgeschlafen», schreibt Hptm. Edmund Wehrli, Kommandant eines Zürcher Füsilierbataillons an der Limmatstellung, am Donnerstag, 16, Mai, um 7 Uhr seiner Frau:

Hi-hi, in Zürich gebe es aufgeregte Leute, sagt man. Die tollsten Gerüchte werden verbreitet und ängstliche Stürmi fahren sogar ins Welschland. Man sieht nur, was Gerüchte und Aufregung alles ausmachen. Dabei ist die Lage immer noch genau gleich und keine Veranlassung für besondere Angst. Wir lachen uns hier die Bäuche krumm über das Zivilvolk, sind bester Laune und halten auch die Truppe in alter Frische.


«Staatsmann im Sturm»

Cover: Staatsmann im Sturm 

Hitlers Blitzsiege machten 1940 zum gefährlichsten Jahr in der jüngeren Geschichte der Schweiz. Das völlig eingeschlossene Land war auf Gedeih und Verderb Nazi-Deutschland ausgeliefert. Die Last seiner Aussenpolitik lag auf den Schultern von Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz. Mit viel Geschick steuerte er die Schweiz unbeschadet durch stürmische Monate. In der Geschichtsschreibung gilt der Waadtländer als «Anpasser», der den Nazis zu Gefallen war. Hanspeter Born zeichnet ein anderes Bild des Juristen, Schöngeists und Landwirts aus der Romandie. Seine auf Primärquellen, teils unbekannte Dokumente aus dem Familienarchiv Pilet, beruhende Studie wertet den Umstrittenen als klugen und standfesten Staatsmann.«Die kapitale Mission des Bundesrates in den gegenwärtigen Zeitläufen besteht darin, das Land in der Unabhängigkeit und Freiheit zu erhalten. Sein Wille, hiefür seine ganze Energie und seine ganze Umsicht einzusetzen, braucht keinerlei besondere Erwähnung. Dinge, die sich aufdrängen und über jeder Diskussionstehen, verlieren, wenn man sie wiederholt.» Marcel Pilet-Golaz, Lausanne,12. September 1940


Hanspeter Born, Staatsmann im Sturm. Pilet-Golaz und das Jahr 1940. Münster Verlag 2020, gebunden, mit Schutzumschlag, 540 Seiten, CHF 32.–. ISBN 978-3-907 146-72-, www.muensterverlag.ch

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagsgestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld
Umschlagsbild: KEYSTONE-SDA / Photopress-Archiv   

Beitrag vom 30.07.2023

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