22. «Euse General» Aus «Staatsmann im Sturm»

Für die geistige Landesverteidigung ist der populäre General wohl der wichtigste Trumpf. Er stattet den Kantonsregierungen der Reihe nach seinen Besuch ab, was immer ein Anlass zum Festen ist. Er inspiziert Truppenverbände, schaut den Soldaten mannvoll in die Augen, hört den Liedern der Schulklassen zu, grüsst artig die zu seinen Ehren aufgebotenen Trachtenmädchen, schüttelt Fussballgrössen und Skikanonen die Hand, lässt die ihm zuhauf geschickten Briefe mit persönlicher Unterschrift beantworten. Der General ist leutselig, spricht mit den Confédérés Schwyzerdütsch, das er beim Besuch militärischer Schulen gelernt hat.

Das Portrait des Generals – herb-gütiges Charaktergesicht, manchmal stolz aufrecht im Sattel seines Gauls – hängt als modernes Heiligenbild in Wirts- und Wohnstuben. Die Mitglieder seines Persönlichen Stabs, mit denen er gemütlich das Mittagessen einnimmt, mit denen er singt und jasst, beten ihn an. 

Der Autor einer biographischen Studie wird schon bald einmal schwärmen:

Aus tausenden von Bildern hat sich uns zu Stadt und Land sein edles Antlitz mit den ernsten und doch so gütigen Augen eingeprägt, und ganz besonders unsere Soldaten nennen seinen Namen heute schon mit Ehrfurcht und Liebe, die erkennen lässt, wie ganz und voll sie ihrem obersten Heerführer vertrauen, dessen feine Wesensart bei aller militärischer Zucht und nötigen Strenge stets die menschliche Achtung für den letzten Mann im Heer bewahrt, sein schweres Opfer in Rechnung stellt, so weit es immer geht, und nichts vom sturen Schlendrian, vom puren Leuteschlauchen hält … er ist in allen Gegenden einfach «öise General». 

Öise oder je nach Dialekt euse, üse, unsere, üise General. Am 14. Februar ist der General mit Madame Guisan bei Monsieur und Madame Pilet-Golaz am Scheuerrain zum déjeuner eingeladen gewesen. Bis um vier Uhr (!) seien die Guisans geblieben, schreibt Frau Pilet-Golaz dem im Waadtland seine Rekrutenschule absolvierenden 20-jährigen Sohn Jacques, der im Herbst zuvor am Literargymnasium Kirchenfeld die Matura bestanden hat. Was sich der Bundespräsident und der General beim vin vaudois – zweifellos mindestens einer guten Flasche aus Madames eigenem Weingut – einander zu sagen hatten, wissen nur die beiden. Aber die anfängliche Harmonie zwischen den zwei Waadtländern scheint bereits gestört.

Pilet schätzt nicht, dass Guisan Dinge tut, die im politischen Bereich liegen, und den Bundesrat oft nicht oder spät informiert. Am 19. Februar soll Pilet zu Markus Feldmann folgende Bemerkung gemacht haben: 

«Der General scheint überhaupt, infolge der stupiden Verhimmelung im Lande herum (schliesslich hat er bis jetzt noch nichts besonderes geleistet), etwas an Selbstüberschätzung zu leiden, und ferner hat er um sich herum einen förmlichen ‹Hof›, was auch nicht von Gutem ist.»

Feldmann ist gleicher Meinung. Über eine Besprechung, die er mit Generalstabsoffizier Oberst Michel Plancherel [Mathematikprofessor an der ETH, 1942 wird er Chef der APF] führt, schreibt der Berner Pressemann und Nationalrat:

Ich hielt auch nicht gerade zurück mit kritischen Äusserungen gegenüber der Einstellung des Generals, der für alle möglichen Dinge Zeit habe, nicht aber für die eigene sachliche Orientierung in Dingen, in denen er kraft seiner Befehlsgewalt regieren wolle. Ich brauchte in diesem Zusammenhang die Wendung, vielleicht müsse sich die Presse zuerst als Hockey- oder Fussballmannschaft konstituieren, um beim General Interesse zu finden.

Oberst Plancherel, ein Freiburger, ist ebenfalls kritisch:

Als ich z. B. bemerkte, General Guisan verwechsle offenbar infolge des ihm schwadenweise gestreuten Weihrauchs das «Publikum mit dem Volk» und man habe im Gespräch über ihn heute morgen auch schon den Namen des «Generals Boulanger» genannt, warf Plancherel ein: In Genf habe man auch schon von «Mister Hollywood» gesprochen.

Boulanger, ein vom Volk bejubelter schneidiger französischer General, hatte 1889 mit einem bonapartistischen Staatsstreich geliebäugelt, sich dann aber aus dem Staube gemacht, als die Justiz hinter ihm her war.

Im höheren Offizierskorps ist der bei Volk und Soldaten beliebte General umstritten. Unmittelbar nach seiner Wahl durch die Bundesversammlung diskutierte der General im Bundeshaus mit seinem Freund Militärminister Minger die Besetzung des Generalstabschefs, des zweitwichtigsten Postens im Armeekommando. Der «Generalstabschef» im Kriegsfall braucht nicht die gleiche Person zu sein wie der «Chef des Generalstabs» zu Friedenszeiten. Gleichwohl schlug Minger den bisherigen Chef, Oberstkorpskommandant Labhart, vor. Gemäss Hptm. Hans Bracher, damals Sekretär der Landesverteidigungskommission, der bei der Besprechung dabei war, antwortete Guisan, dass «er sich mit Labhart nicht sehr gut verstehe» und ihn nicht als «nächsten Mitarbeiter sehen könne». Mingers Gegenargument: Da man doch bald mit einer Generalmobilmachung rechnen müsse, sei es besser, wenn der amtierende Generalstabschef «das Heft in der Hand behalte», weil ein Neuer «weniger wüsste» als Labhart. Bracher (im nach dem Krieg redigierten Tagebuch):

Diesem Argument konnte sich der General nicht verschliessen, nicht ohne, dass ihm Minger die Zusicherung gab, wenn es nicht gehen sollte, so können wir immer noch einen Wechsel vornehmen.

Es ging nicht. Von Beginn an prallten die beiden regelmässig aufeinander.

Als das Verhältnis des Generals zu seinem Generalstabschef sich weiter verschlechterte, fand Guisan zusammen mit Minger eine Lösung, um Guisan «von der Anwesenheit Labharts zu befreien», ohne diesen «allzu sehr zu kränken». Labhart wurde zum Kommandanten eines neu zu schaffenden 4. Armeekorps ernannt. Gleichzeitig wurde er ad interim als Generalstabschef durch Oberstdivisionär Jakob Huber ersetzt. Guisan, der bei aller Offenherzigkeit über beträchtliche machiavellistische Fähigkeiten verfügte, liess Labhart glauben, Huber sei bloss sein Stellvertreter und seine Versetzung ins 4. Armeekorps geschehe nur vorübergehend. Guisan täuschte auch Oberstkorpskommandant Ulrich Wille, dem er «versprochen» hatte, dass er ihn dem Bundesrat als neuen Generalstabschef vorschlagen werde – was er nicht tat. Beide, Labhart und Wille, fühlen sich von Guisan hintergangen und werden künftig versuchen, es ihm heimzuzahlen.

Zum Autor

Schriftsteller Hanspeter Born

   

Hanspeter Born, geb. 1938, Schulen in Bern, Dr. phil. hist.; Redaktor beim Schweizer Radio, USA-Korrespondent; Auslandchef der Weltwoche (1984–1997);Autor von Sachbüchern, darunter «Mord in Kehrsatz», «Für die Richtigkeit –Kurt Waldheim» sowie (mit Benoit Landais) «Die verschwundene Katze» und «Schuffenecker’s Sunflowers».

Verschiedene hohe Offiziere, allen voran Ulrich Wille, Sohn des Weltkriegs-Generals, hatten keine hohe Meinung von Guisan als Heerführer und Strategen. Der Gegensatz rührte auch daher, dass der deutschfreundliche Wille auf die in der Wehrmacht herrschende Doktrin des modernen Bewegungskriegs schwor, die sich im Polenkrieg offensichtlich bewährt hatte. Guisan hingegen vertraute den seit dem Weltkrieg von den französischen Militärschulen dozierten Lehren über den Verteidigungskrieg.

Auch Rudolf Miescher, Kommandant des für die Verteidigung des wichtigsten Abschnitts der Limmatlinie zuständigen 3. Armeekorps, bekundete Mühe mit Guisans Vorstellungen über die Kriegsführung. Für Guisan war die Limmat ein panzersicheres Hindernis. Er wollte deshalb die Abwehrfront mit ihren Befestigungen direkt an das Flussufer legen:

Die Stellung hinter der Limmat ist so zu organisieren und auszubauen, dass dem Feind verwehrt werden kann, auf dem Südufer der Limmat Fuss zu fassen.

Miescher hingegen glaubte, dem Feind könne das Überschreiten der Limmat nicht verwehrt werden. Seiner Meinung nach müsste die Abwehrfront «durch die bewaldeten südlichen Höhen» hinter dem Fluss gezogen werden. Guisan und Miescher hielten an ihrer Auffassung fest. (Erfahrungen aus dem Polen- und später dem Frankreichfeldzug zeigen, dass Miescher richtiglag und Guisans Auffassung überholt war.)

Nachdem keine Kredite für den Bau der ständigen Befestigungen gesprochen worden sind, ist Anfang April 1940 noch nicht entschieden, wie die Verteidigungslinie genau gestaltet werden soll. Und was soll mit der Zürcher Bevölkerung geschehen, wenn im Falle eines deutschen Angriffs an der mitten durch die Stadt laufenden Front ein erbitterter Häuserkampf entbrennen würde? 

Im Westen nichts Neues. Man erwartete, dass Hitler im März zuschlagen werde – so wie er es im März 1936 mit der Besetzung des Rheinlands, im März 1938 mit dem Einmarsch in Österreich, im März 1939 mit der Einnahme Prags getan hatte. Doch die Grossaktion gegen Frankreich bleibt weiter aus. In Frankreich ist ein Kriegskabinett gebildet worden. Der als entscheidungsfreudig geltende Paul Reynaud hat den abwägenden Daladier als Ministerpräsident abgelöst. Winston Churchill, als First Lord of the Admiralty verantwortlich für den Seekrieg, freut sich über Frankreichs Neuorientierung und gratuliert Reynaud:

Ich zähle auf die engste und tatkräftigste Zusammenarbeit unserer Regierungen. Ich teile, Sie wissen es, alle die Sorgen über die allgemeine Führung des Kriegs und die Notwendigkeit energischer und drastischer Massnahmen, die Sie mir letzthin mitgeteilt haben.

In seiner von der Schweizer Presse ausführlich zitierten Antrittsrede verspricht Reynaud dem französischen Volk den Sieg:

Die vereinigten Mittel der beiden grössten Reiche der Welt garantieren ihnen den Sieg, vorausgesetzt sie wollen und können diese Mittel total einsetzen.


«Staatsmann im Sturm»

Cover: Staatsmann im Sturm 

Hitlers Blitzsiege machten 1940 zum gefährlichsten Jahr in der jüngeren Geschichte der Schweiz. Das völlig eingeschlossene Land war auf Gedeih und Verderb Nazi-Deutschland ausgeliefert. Die Last seiner Aussenpolitik lag auf den Schultern von Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz. Mit viel Geschick steuerte er die Schweiz unbeschadet durch stürmische Monate. In der Geschichtsschreibung gilt der Waadtländer als «Anpasser», der den Nazis zu Gefallen war. Hanspeter Born zeichnet ein anderes Bild des Juristen, Schöngeists und Landwirts aus der Romandie. Seine auf Primärquellen, teils unbekannte Dokumente aus dem Familienarchiv Pilet, beruhende Studie wertet den Umstrittenen als klugen und standfesten Staatsmann.«Die kapitale Mission des Bundesrates in den gegenwärtigen Zeitläufen besteht darin, das Land in der Unabhängigkeit und Freiheit zu erhalten. Sein Wille, hiefür seine ganze Energie und seine ganze Umsicht einzusetzen, braucht keinerlei besondere Erwähnung. Dinge, die sich aufdrängen und über jeder Diskussionstehen, verlieren, wenn man sie wiederholt.» Marcel Pilet-Golaz, Lausanne, 12. September 1940


Hanspeter Born, Staatsmann im Sturm. Pilet-Golaz und das Jahr 1940. Münster Verlag 2020, gebunden, mit Schutzumschlag, 540 Seiten, CHF 32.–. ISBN 978-3-907 146-72-, www.muensterverlag.ch

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagsgestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld
Umschlagsbild: KEYSTONE-SDA / Photopress-Archiv 

Beitrag vom 18.06.2023

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