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«Schau ein bisschen Fernseh» – «Ich will sterben»

Ein Arte-Dokumentarfilm liefert einen schonungslosen Einblick in ein Pariser Pflegeheim während der Corona-Pandemie.

Text: Fabian Rottmeier

Sie heissen Sonia, Nejma, Isabelle, Sylvie, Marcelina – und sind alle am Ende ihrer Kräfte im Frühling 2020. Egal ob Krankenpflegerin oder Krankenschwester, das Coronavirus hat das Pariser Pflegeheim Furtado-Heine in Not gebracht. Sie müssen mit ansehen, wie täglich bis zu ein Dutzend der Bewohnerinnen und Bewohner stirbt. Andere sind infinziert und haben wenig Verständnis für ihre Quarantäne-Situation. Eine positiv auf das Virus getestete Bewohnerin wehrt sich dagegen, dass ihre Zimmertüre geschlossen wird. Sie kriege keine Luft so ganz alleine, klagt Frau Bénichou. Aber sie habe doch ihre Pflanzen, antwortet die Pflegerin. «Die einzige Pflanze im Zimmer bin ich», sagt Frau Bénichou entnervt.

«Die eingesperrten Alten», so der Titel der 60-minütigen Arte-Dokumentation, bringt das Dilemma im Pflegeheim anschaulich auf den Punkt. Das zahlenmässig ohnehin schon unterbesetzte Pflegepersonal muss während des Shutdowns Unmenschliches leisten. Krankenschwester Sonia berichtet, in der Ausbildung rede man von 20 Menschen, um die man sich in der Geriatriepflege in der Regel gleichzeitig kümmern müsse. Hier seien es 60, und wenn man alleine sei, was häufig vorkomme, verdopple sich die Zahl. 120 pflegebedürftige alte Menschen auf eine Krankenschwester: eine schockierende Zahl.

Eine 103 Jahre alte Pariserin fragt sich, an was sie sich im Leben noch erfreuen könne.
Frau Farinho ist 103 Jahre alt und lebt im Pariser Pflegeheim Furtado-Heine. © Arte

Der Film begleitet auch eine Psychologin, die in violettem Ganzkörperschutzanzug versucht, den Menschen ihre Ängste zu nehmen. Nicht immer mit Erfolg. Doch es gibt auch ermutigende Szenen, in denen klar wird, dass es manchmal wenig bräuchte, um die Gepflegten aus ihrem moralischen Tief zu ziehen. Nicht selten sagen sie am Ende der kurzen Visite Sätze wie: «Das tat gut.»

Das Beispiel von Herr Jan wiederum zeigt, wie wichtig es ist, Besuche unter allen Umständen zu ermöglichen. Der ebenfalls an Covid-19 erkrankte Bewohner darf nach sechs Wochen wieder von seinem Sohn besucht werden. Er erkennt seinen Sprössling auch im Schutzanzug sogleich, fühlt sich wegen der Krankheit aber trotzdem hundeelend. «Schau doch ein bisschen Fernseh», schlägt der Sohn vor. Herr Jan antwortet: «Ich will sterben, verstehst du?» Sekunden später sieht er auf dem Smartphone seines Sohnes seine Tochter, die sich per Videoanruf zuschaltet. Alle drei lachen und scherzen, und innert Sekunden wird man Zeuge, wie essenziell soziale Kontakte für die Gesundheit sind. Herr Jan lächelt – und wird, so viel sei verraten, das Virus am Ende auch mit 92 Jahren überleben. Er findet wieder genug Kraft, um sich wieder der Lektüre von Albert Camus zu widmen.

Doch dieser heitere Moment ist leider eine Ausnahme im Film. Stattdessen sieht man einerseits alte Menschen, die verzweifeln, sich langweilen, isoliert sind, und andererseits pflegende Frauen, die ihr Bestes geben, aber keine Zeit für Trauer oder einen ausreichenden menschlichen Austausch haben. Sie sind Überlebende.

«Die eingesperrten Alten» in voller Länge:

«Die eingesperrten Alten», online in der Arte-Mediathek verfügbar bis am 1. August 2021. Sendetermin am Fernsehen: 3. Februar, 22.50 Uhr, Arte.

© zVg / Unsplash Glen Carrie

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