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Verrückte Welt 26. Juli 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von einem Geburtstagsausflug und gegensätzlichen Welten. 

Usch Vollenwyder
Zeitlupe-Redaktorin
Usch Vollenwyder

Bevor ich siebzig werde, holen wir noch mein letztjähriges Geburtstagsgeschenk nach: eine Übernachtung in meiner Geburtsstadt Luzern, die wir wegen Corona verschieben mussten. Das Hotel liegt zentral gleich neben der Hofkirche, zum Nachtessen gibt es die typische «Lozärner Chügelipastete». Später flanieren wir mit dem Hund über die Seepromenade, gegenüber das KKL, davor speit der Wagenbachbrunnen Wasser, im Hintergrund sind die Lichter des Pilatus zu sehen. Bevor wir ins Bett gehen, gibt’s auf der Terrasse des Hotels noch einen Schlummertrunk. Wir geniessen einen der bisher raren lauen Sommerabende. Ich möchte den Augenblick festhalten: Die Welt ist in Ordnung. 

Nach dem währschaften Frühstück mit dem feinen Holzofenbrot am nächsten Morgen spazieren wir über die Kapellbrücke – für einmal ohne chinesische Touristinnen und Touristen. Auf der anderen Seite fällt mein Blick auf ein grosses Plakat, von dem zwei junge Frauen strahlen. «Glückliche Busenfreundinnen» steht darunter, die grosse Schrift kann ich von weitem entziffern. Ich mag junge Menschen und mir gefallen die beiden fröhlichen Frauen. Beim Näherkommen sehe ich, dass sie etwas Weisses, Glibberiges in der Hand halten: ein Silikonkissen. 

Darunter wirbt eine Luzerner Klinik mit «höchster Qualität, fundierter Erfahrung und Kompetenz» für Brustvergrösserungen. Es ist eine Welt, die ich nicht verstehe, in einer Welt, die vor so viel grösseren Herausforderungen steht. Bevor ich darüber nachzudenken beginne, gehe ich schnell weiter. Auf dem Programm steht ein Ausflug mit Schiff und Standseilbahn auf den Bürgenstock. «Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluss der Welt.» Angesichts des Panoramas kommt mir das Zitat von Gottfried Keller in den Sinn. 

Dann steigt man aus der Bahn und findet sich in einer anderen Welt wieder – in der Welt der Reichen und Superreichen, im Bürgenstock Resort mit seinen insgesamt dreissig Gebäuden. Darunter vier Hotels und neun Restaurants, zwei Spas, eine Shopping-Arkade mit Luxusprodukten, ein Fitnesspark, eine Tennisanlage und ein Golfplatz. Eine «eigene Welt der Extraklasse» sei geschaffen worden, rühmt sich das Resort. In der Luzerner Zeitung kommt der katarische Investor Scheich Nawaf bin Jassim bin Jabor Al-Thani zu Wort. Was für eine andere Welt wenige Luftkilometer vom geschichtsträchtigen Rütli entfernt!

Am Abend, wieder zu Hause in meinem Bett, lasse ich die zwei Tage Revue passieren. Ich höre den Nachbarn im Haus gegenüber husten. Wahrscheinlich steht er am Fenster und raucht eine Zigarette. Sonst ist alles still und finster. Mein Dörfli ist eine Welt ohne Nachtgeräusche und ohne Strassenlampen. Aber auch ohne Brustvergrösserungen und arabische Scheichs. Um nichts in der Welt möchte ich tauschen. 


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