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Ungewohntes und Vertrautes 20. September 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von Muscheln, Hundehinterlassenschaften und einem unbekannten Bretonen.

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin

Wir sind in der Bretagne – Breizh auf bretonisch – und passen uns, wenn immer möglich, den geltenden Gepflogenheiten an. Das Impfzertifikat zücken wir bei jedem Kaffee selbst draussen vor der Bar, und die Maske setzen wir auf, bis wir im Hafenrestaurant am Tisch sitzen. Zum Apero trinke ich jeweils einen «Kir breton», mein Mann bestellt bretonisches Bier. Wir essen Crêpes und Galettes – die Crêpe-Variante aus Buchweizenmehl – und Muscheln auf bretonische Art: gekocht in Cidre, dem lokalen Apfelwein. Mein Mann schlürft Austern. Da muss ich passen: Ich schaffe es trotz guten Willens nicht, die glibberige Masse hinunterzuschlucken.

Passen muss ich auch bei Hummer und Languste. Jeder Supermarkt und jedes Restaurant präsentiert die Tiere in Wassertanks, die Scheren der Hummer sind mit Kabelbindern gefesselt. Bei diesem Anblick vergeht mir der Appetit. Der Appetit vergeht mir auch angesichts all der Hundehaufen, die Strassen, Strand und Wanderwege säumen. Ich bin wohl der einzige Mensch, der unter den belustigten und verständnislosen Blicken der Einheimischen die Hinterlassenschaften seines Hundes aufnimmt. Einmal trage ich ein Säckchen zwei Stunden lang mit mir, weil ich nirgendwo einen Abfallkübel finde.

Die grüne Abfalltonne, die zum Ferienhäuschen gehört, wird nur alle zwei Wochen geleert. Daran bin ich gewöhnt: Bis vor kurzem kam auch in unserem Dorf der Kehrichtwagen nur alle vierzehn Tage vorbei. Nach dem strengen Abfallregime letztes Jahr in den Deutschlandferien ist das französische Kehricht-Chaos jedoch ungewohnt. Laut Vermieterin sollen wir alles in den Kübel schmeissen. Wir machen wenigstens einen Glascontainer ausfindig. Vertraut ist mir hingegen die dunkle Nacht: Wie zu Hause gibt es auch in unserem Feriendörfli keine Strassenlampen. Vielleicht gilt der Spruch unseres längst verstorbenen Gemeindepräsidenten auch da: «Einheimische kennen den Weg und Auswärtige haben im Finstern hier nichts zu suchen.»

Die Kleine schreibt mir auf dem Handy ihrer Mama eine WhatsApp-Nachricht: «Hallo grosi ja bitte due mir Muschel sammeln.» Von jetzt an bücke ich mich bei jedem Strandspaziergang nach einigen besonders schönen Exemplaren. An einem frühen Morgen begegne ich einem Einheimischen, der im Tang stochert. Ob er etwas Essbares sammle? frage ich ihn. Er zeigt mir seine Tüte, darin liegen Schnüre, kleine Plastikteile, Drahtstücke. Nein, er putze den Strand, seinen Lieblingsstrand. Jeden Tag nehme er Abfall mit nach Hause. Ich schaue ihn an, diesen unbekannten, bärtigen Bretonen. Und schliesse ihn ins Herz.


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