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Im Seniorentopf 1. November 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von nett gemeinten Einladungen zum siebzigsten.

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

Vor zehn Jahren bekam ich von meiner Dorfbank einen edlen Kugelschreiber geschenkt. Marke Caran d’Ache, schwarz, silberfarbene Spitze und Drücker. Die ersten Tage schwor ich mir, dass ich ihn nie benutzen würde – zu sehr war ich betupft von der eingravierten Aufschrift «Zum 60. Geburtstag – Ihre SLG». Was hatte mich meine Bank auf meinen runden Geburtstag aufmerksam zu machen? Es dauerte seine Zeit, bis ich mich an den Kugelschreiber mit dem auffälligen goldenen Schriftzug gewöhnt hatte. Er liegt gut in meiner Hand und ich benutze ihn immer noch oft – zumindest zu Hause.

Dann wurde ich 65 und wäre eigentlich in den Genuss verschiedener AHV-Rabatte gekommen – nur denke ich nie daran. Ich staune über das breitgefächerte Angebot unserer Kirchgemeinde «für Menschen mit Lebenserfahrung 60+» – Seniorennachmittage, Seniorenferien, Seniorenweihnachten, Seniorenwanderungen, Seniorenreisen – doch bisher fühlte ich mich gar nie mitgemeint. Mit dem bevorstehenden siebzigsten Geburtstag bin ich jedoch definitiv und höchstpersönlich im Topf der Seniorinnen und Senioren gelandet, zu denen von Behörden-, Kirchen-, Vereins- oder Arbeitgeberseite besondere Sorge getragen wird. 

Der Frauenverein lädt in einem persönlichen Brief alle ab siebzig zum Seniorenausflug an den Bielersee ein. Von der Musikgesellschaft bekomme ich eine Einladung zum Jubilarenanlass mit Unterhaltung, Kaffee, Zopf oder einem Glas Wein «für alle mit den Jahrgängen 1951, 1946, 1941, 1936, 1931 und älter». Von meiner Arbeitgeberin werde ich zum Treffen der pensionierten Mitarbeitenden im Januar eingeladen – dabei bin ich noch nicht einmal pensioniert. Schlecht gelaunt wettere ich: «Nur weil ich siebzig werde, brauche ich doch nicht von allen Seiten bespasst zu werden!» 

Ich treffe meine Luzerner Freundin, die in Bern wohnt. Sie erzählt, wie sie von der Stadt zu einem Anlass für Neupensionierte eingeladen wurde – mit Lesung und einem Podiumsgespräch mit zwei Betroffenen, die aus ihrem Alltag als Pensionierte erzählen würden. Und wie ablehnend und irritiert sie darauf reagiert habe. Fragend und ratlos schauen wir einander an: Was ist nur los mit uns? Dabei setzen wir uns doch beide persönlich und beruflich mit dem Alter auseinander, können mit Falten und grauen Haaren umgehen und möchten kein einziges unserer gelebten Jahre missen. 

Mein pragmatischer Mann sagt, ich solle doch nicht so ein «Gheie» machen. Ich bräuchte ja nirgends hinzugehen, und andere würden sich bestimmt darüber freuen. Und überhaupt: Alle diese Veranstaltungen seien doch nur gut gemeint. Natürlich weiss ich das alles, und meine Abwehr ist mir selber peinlich. Ich werde diesem Unbehagen noch nachspüren müssen – denn keine Geiss schleckt weg, dass ich siebzig und damit zum Ziel wohlmeinender Angebote werde.


  • Haben Sie an Ihrem siebzigsten Geburtstag ähnliche Erfahrungen gemacht wie unsere Kolumnistin? Erzählen Sie uns doch im Kommentarfeld etwas darüber. Wir würden uns freuen!

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