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Höhenangst 6. September 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: vom Wandern auf den Klippen und Feriengrüsse per WhatsApp.

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin

Dank Hund bin ich eine geübte und ausdauernde Wanderin. Aufwärts komme ich zwar ins Keuchen und abwärts spüre ich eines meiner neuen Knie, doch geradeaus bin ich unermüdlich. Da vergesse ich die Zeit. Ganz von selber bringt sich dabei zudem vieles ins Lot, was vorher noch unklar oder schwierig war. Auch hier in den Ferien locken die Felsplateaus. Sie sind über und über mit Heidekraut bedeckt und ragen wie Finger viele Kilometer weit ins Meer hinaus. Gleich am zweiten Ferientag machen wir uns auf zum nächst gelegenen Aussichtspunkt. Der grosse Parkplatz zeigt, wie es hier in den Sommermonaten zugehen muss. Jetzt sind wir fast allein.

Der Fernwanderweg, der sich der gesamten Küste der Bretagne entlangschlängelt, umrundet auch die vor uns liegende Felsnase. Der Weg ist uneben und steinig, die Küste fällt rund siebzig Meter steil hinunter ins Meer. Sie ist wild zerklüftet und setzt sich im Wasser als kleine Felsinseln fort. Als ich sie fotografieren will, schrecke ich zurück. Mir ist ganz komisch. Bis jetzt habe ich nicht gewusst, dass mir der Blick aus grosser Höhe zusetzen könnte. Diese Angst ist eine neue Erfahrung. Sie gibt mir zu denken. Von nun an passiere ich exponiertere Stellen zügig, an Abgründen bleibe ich nicht mehr stehen. Umso länger verweile ich zwischen letzten noch blühenden Heidekräutern und gelbem Stechginster. Wie ein Teppich überziehen sie den Granitfelsen.

Nach der anschliessenden Crêpe in einem Hafenrestaurant – es gibt sie in der Bretagne in allen Variationen – kaufe ich in einem Souvenirladen Ansichtskarten. Ich schreibe aus den Ferien immer noch ein paar wenige Postkarten, doch die meisten meiner Freundinnen und Freunde grüsse ich per WhatsApp mit ein paar selbstgemachten Fotos: vom Wandern – von jetzt an nur noch auf sicheren Wegen – und vom Strand, vom Flanieren über den Markt oder vom Anstossen in einem Strassencafé. Fotos habe ich dank Handy schon nach ein paar Tagen mehr als genug.

Meine Freundin aus dem Nachbardorf wünscht uns schöne Ferien: «Geniesst das Meer und das Salz in der Luft, Ebbe und Flut, das schöne Licht, den Cidre und die Crêpes und Galettes.» In jungen Jahren verbrachte sie mit ihrem verstorbenen Mann Ferien in der Bretagne. Der Reiz dieses einzigartigen Landstrichs bleibt ihr unvergessen. «Lass dich impfen», schreibe ich ihr zurück. «Dann kannst du all das wiedersehen.» Die Antwort kommt prompt: «Niemals.» Ich wünsche mir einmal mehr, dass unsere seit Jahrzehnten dauernde Freundschaft stärker als unsere unterschiedliche Haltung zum Impfen ist.


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