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Aktivferien 31. Juli 2023

Die langjährige Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder erzählt alle zwei Wochen aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von Tieren und Gärten früher und heute. 

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

Die junge Familie in unserem Generationenhaus ist in den Ferien. Wir hüten ihre Menagerie und giessen die Pflanzen. Ihr kleiner Hund hat gleich bei uns Einzug gehalten, die Katze füttere ich – wie sie es gewohnt ist – in ihrer Wohnung. Jeden Morgen, Mittag und jeden Abend gilt es zudem zwei Kaninchen und zwei Hühner zu versorgen. Scheint die Sonne, muss der Hasenstall schattiert werden, damit die Felltiere die Sommerhitze überleben. «Achtung Fuchs», habe ich mir auf einen Zettel geschrieben, der mitten auf dem Esstisch liegt. So vergesse ich nicht, beim Einnachten den Schieber zum Hühnerhaus zu schliessen.

«Aktivferien» nenne ich für mich diese zwei Wochen. Mir gefallen sie, weil sie mich an früher erinnern, als unsere Kinder noch zur Schule gingen und wir uns den Traum vom «Leben auf dem Land» erfüllen konnten: Neben Hund und Katzen hatten wir auch Schafe, Hühner und Kaninchen, einen grossen Garten, einen «Pflanzblätz» und eine «Hoschtet» mit alten Obstbäumen. Wir dörrten Bohnen und Apfelschnitze, machten Erdbeer- und Kirschenkonfitüre, kochten Birnen und Kürbis ein und besassen beim Metzger im Nachbardorf für das eigene Fleisch ein Gefrierfach. Heute frage ich mich, wie wir das alles neben unserer Berufstätigkeit geschafft haben. Ich muss voller Energie und Tatendrang gewesen sein – es war eine schöne Zeit.

Jetzt habe ich viel weniger zu tun als damals, vor über dreissig Jahren. Meine früheren Gartenbeete, in denen das Gemüse in Reih und Glied grösser wurde, sind einem Wildgarten gewichen. Aus dem Rasen ist eine Naturlandschaft mit Teich, Weiden, Totholz und Hecken geworden. Unter der Lärche steht das Holzhäuschen der Kleinen. Gnome, Elfen und Zwerge sind aus seiner Umgebung verschwunden, dafür pflegt sie ihr eigenes kleines Gärtchen – natürlich Bio, wie sie felsenfest überzeugt versichert. Überall blüht und summt es, unser einst so biederer Umschwung ist inzwischen ein Paradies für Vögel, Insekten und Kleinstlebewesen. 

Natürlich landen auch kein Huhn und kein Kaninchen mehr in der Gefriertruhe. Die Zwei- und Vierbeiner wohnen in einer Hühnervilla und in einem Hasenhaus und gehören längst zur Familie. Die Kaninchen mögen am liebsten hartes Brot und Buchenzweige, die Hühner Spaghetti. Kocht mein Mann Pasta, gibt er immer noch eine Handvoll für Rosalie und Lobra dazu. Sie danken es uns mit einem täglichen Ei. Auf dem Hundespaziergang schneide ich jeweils einen Zweig und nehme ihn für Schnüfi und Chrätzli mit nach Hause. 

Als ich auch noch nach den Garnelen im Aquarium der Kleinen schaue, fällt mir ein Plakat an der Wand auf. Offensichtlich eine Arbeit, die sie im Französischunterricht machen musste. «Mon portrait» ist es überschrieben, darunter sind rund um eine Zeichnung von ihr selber Familienfotos mit einem kurzen Text dazu aufgeklebt. Neben dem dicken weissen Kater steht: «Je m’appelle Merlin. J’ai 3 ans. Je suiss chat.» Unter dem Bild ihrer Eltern ist eines von meinem Mann und mir zu sehen, ein geglücktes Selfie, das wir aus unseren letzten Ferien nach Hause geschickt haben: «Mes grand Parents». Verziert ist es mit farbigen Herzchen und Blümchen. Ich bin ganz gerührt und freue mich, kommt die Kleine bald wieder nach Hause.


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Beitrag vom 31.07.2023

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