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Vor 25 Jahren am 17. November 1997:
Das Massaker von Luxor

Das Attentat in Ägypten war der schwerste Terroranschlag gegen Schweizer Bürgerinnen und Bürger der Geschichte.

«Tod am Nil» oder «Horror im Tal der Könige» titelten Schweizer Zeitungen am Tag danach. Am 17. November 1997 kamen beim Massaker im ägyptischen Luxor, das sich dieses Jahr zum 25. Mal jährt, 62 Menschen ums Leben. Nie zuvor und nie seither starben so viele Schweizerinnen und Schweizer bei einem Terroranschlag.

Der 17. November 1997 war ein Montag. Wie immer besuchten zu Wochenbeginn besonders viele ausländische Touristengruppen das Tal der Könige nahe Luxor, wo die Pharaonengräber liegen. Schon frühmorgens vor der grossen Hitze lassen sie sich dort die Geschichte der Gräber und Tempel erklären.

Der Totentempel der Hatschepsut, der einzigen Pharaonin Ägyptens, liegt am Westufer des Nils und gehört zu den bekanntesten Tourismusattraktionen des Landes. Dort eröffneten um 9:15 Uhr sechs als Polizisten verkleidete Mitglieder der islamistischen Gruppe Gamaa Islamija das Feuer. Da man die jungen Männer für Sicherheitskräfte hielt, hatte bei den Kontrollen niemand nach ihren Ausweisen gefragt. Doch in ihren Sporttaschen führten sie Kalaschnikows und Messer mit.

Ein dreiviertelstündiges Blutbad

Die Männer richteten während 45 Minuten 58 Tourist:innen brutal hin: 36 Schweizer, 10 Japaner, 6 Briten, 4 Deutsche und 2 Kolumbianer. Auch vier Ägypter wurden getötet, drei Polizisten und ein Reiseführer. Weitere 12 Schweizer, 2 Japaner, 2 Deutsche, 1 Franzose und 9 Ägypter wurden verwundet.

Die Täter, die weitere Attentate bei Sehenswürdigkeiten geplant hatten, gerieten in eine Polizeikontrolle und flüchteten in die Hügel. In einer Höhle verübten sie gemeinsam Suizid. Ein echter Fluchtplan bestand nicht, denn der Anschlag beruhte darauf, dass die Attentäter ihr Leben opferten.

In Luxor hatte niemand mit einer solchen Katastrophe gerechnet. Die Sicherheitskräfte und Behörden waren unvorbereitet und überfordert. Dies erklärt auch die lange Dauer des Massakers. Die Bergung der Opfer verlief chaotisch. Angehörige mussten teilweise mehrere Monate warten, bis sie ihre ermordeten Ehepartner, Eltern und Kinder beerdigen konnten.

36 Särge in Zürich-Kloten

Ein Sonderflug der Swissair brachte die Toten in die Schweiz zurück, wo in der Werfthalle des Zürcher Flughafens eine Gedenkfeier mit Bundesrat Moritz Leuenberger stattfand. Die Bilder der 36 Särge schockierten das Land. «Wer auf solch abscheuliche Weise Leben auslöscht, macht sich zum Feind der ganzen Menschheit», verurteilte Bundespräsident Arnold Koller an der nationalen Trauerfeier im Zürcher Grossmünster am 29. November die Tat. 

1997 existierten in der Schweiz keine bewährte staatliche Krisenorganisation und Opferhilfe, keine Hotlines oder Care-Teams. Aus Luxor und dem Swissair-Absturz von Halifax ein Jahr später zog das Land viele Lehren bei der Bewältigung von grossen Katastrophen.

Beginn des islamistischen Terrors

Das Massaker von Luxor war das erste grosse Attentat, das radikale Islamisten gegen zufällige Opfer verübten, um eine weltweite Schockwirkung zu erreichen. Erstmals kamen damals verschiedene Elemente in grosser Dimension zusammen, welche den islamistischen Terror fortan prägten: Die Täter waren radikale Muslime, die ihr Leben hingaben, um durch ihre Taten in westlichen Staaten Panik zu erzeugen. Und vorsätzliche Grausamkeit wurde in Luxor bewusst als Mittel eingesetzt.

Die Exilführung der Bewegung Gamaa Islamija distanzierte sich einige Wochen später von dem Massaker. Junge Mitglieder der Organisation hätten den Anschlag verübt, ohne einen Auftrag erhalten zu haben, hiess es in einer Mitteilung.

Ein Jahr später weiteten der Drahtzieher von Luxor zusammen mit dem noch unbekannten Usama bin-Laden den Heiligen Krieg gegen Ungläubige auf die ganze Welt aus. Sie erklärten es zur muslimischen Pflicht, Amerikaner und ihre Verbündeten zu töten – auch Zivilistinnen und Zivilisten.

Die Wut der kleinen Leute

Für den Tourismus in Ägypten bedeutete der Anschlag eine lang anhaltende Durststrecke. Viele Reiseunternehmen strichen Ägypten für Jahre komplett aus ihrem Angebot, bereits gebuchte Reisen wurden storniert. Rund 300 000 Personen in Luxor, die ihren Lebensunterhalt als Hotelangestellte, Souvenirhändler, Taxifahrer, Tourguides, Pferdekutscher, Köche und Kellner im Restaurantbetrieb verdienen, verloren ihr Einkommen. Besonders die kleinen Leute in der Gegend bekamen das Ausbleiben der zahlungskräftigen Besucher aus Europa zu spüren. Ihre Wut richtete sich gegen die Terroristen und den Sicherheitsapparat.

Heute sind bei den meisten ägyptischen Sehenswürdigkeiten oder auf öffentlichen Plätzen Beamte der Tourismuspolizei mit automatischen Waffen und Stahlschilden in gepanzerten Unterständen stationiert. Die Tourismusindustrie hat sich trotz weiterer Anschläge erholt. Die Touristinnen und Touristen nehmen das Risiko unterdessen offenbar in Kauf.

Was geschah vor zehn, zwanzig, fünfzig oder über 100 Jahren?

Ob längst vergangen oder noch frisch im Gedächtnis: Diese Unfälle, Verbrechen und Katastrophen bewegten die Schweiz und die Welt. Geschockt sassen die Menschen vor der Zeitung, dem Radio und den Fernsehschirmen und trauerten mit den Betroffenen. Filme und Dokumentationen erinnern an die grossen Unglücke und lassen uns die Verstorbenen nicht vergessen.

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Beitrag vom 16.11.2022

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