
Einmal Burri, immer Burri
Das Foto aus dem Album von Zeitlupe-Leserin Ursula Urwyler-Burri zeigt ein Familientreffen 1965, aufgenommen von ihrem berühmten Cousin, dem Fotografen René Burri. Zuvorderst steht ihr Vater Walter als Jüngster, dahinter seine Geschwister Erwin, die Zwillinge Margaritha und Hans, Felix, Paul, Rudolf, Willy, Hedwig, Max, Anna und Herrmann.
Wenn man Ursula heisst, ist gleich klar, wie alt man ist. Ich wurde 1945 in die grosse Burri-Familie geboren. Mein Vater Walter war der Jüngste von 12 Geschwistern, weshalb ihn alle Benjamin nannten. Mein Grossvater war immer sehr stolz auf seine drei Töchter und noch mehr auf seine neun Söhne. Das Foto, das acht von ihnen in Uniform zeigt, erschien sogar einmal in der Zeitung. Nur mein Vater war noch zu jung fürs Militär und trug beim Fotografen seinen zu klein gewordenen Konfirmandenanzug.

Grosse Familien waren damals nicht ungewöhnlich. Dass alle Kinder das Erwachsenenalter erreichten, hingegen schon. Meine Grosseltern Verena und Rudolf Burri-Kammermann, Jahrgang 1868 und 1869, wirteten im Gasthof Bären in Seedorf BE. Gleich nebenan betrieben sie einen Bauernhof. Ein Leben geprägt von Arbeit von früh bis spät. Kurz nachdem sie ein Kind zur Welt brachte, stand meine Grossmutter jeweils wieder hinter dem Tresen. Damals machte man ums Gebären nicht viel Aufheben. In der Familie hiess es im Scherz: Wenn der Burri-Papa seine Hosen an die Bettstatt hängt, bekommt die Burri-Mama ein Kind.
Leider lernte ich meine Grosseltern nie kennen. Grossmutter starb bereits mit 53. «Auszehrung» hiess es einfach, oder dass sie eben zwölf Kinder geboren habe. Der Tod gehörte ganz selbstverständlich zum Leben. Mein Vater war erst sieben und sein Bruder Erwin elf Jahre alt, als sie ihre Mutter verloren. Tante Hedi übernahm für ihre kleinen Geschwister die Mutterrolle. Erst viel später, als mein Vater ebenfalls mit 53 an Leukämie starb, ahnte man, dass vielleicht auch meine Grossmutter unter dieser Krankheit gelitten hatte.
Wo die Kälbchen herkommen

Meine Mutter wuchs gleich vis-à-vis der Familie Burri auf und meine Eltern waren Schulschätze. Im Berner Bauernhaus, das meine Onkel Willy und Max von ihren Eltern übernahmen, gingen immer viele Leute ein und aus. Als Kind liebte ich es, in Seedorf die Ferien zu verbringen. Auf dem Land lernte ich als Stadtkind viel über das Leben – etwa wie Kälber zur Welt kommen und dass es nicht so ist, dass die Kühe oben Gras fressen und unten kommt Milch heraus …
Ich wuchs mitten in Zürich auf, da mein Vater als junger Mann seinem älteren Bruder in die Stadt gefolgt war. Onkel Rudolf war Koch im noblen Hotel St. Gotthard. Auch mein Vater lernte Koch und arbeitete im Hotel Savoy. Mit der Familie meines Onkels trafen wir uns oft und feierten immer zusammen Weihnachten und Silvester.
Mit dabei war meist mein Cousin René Burri, dessen Bild des Zigarre rauchenden Che Guevara ihn 1963 weltberühmt machte. Er schoss auch das Foto der «Polonaise» aller 12 Burri-Geschwister beim Familientreffen 1965. Meine Schwester Madeleine und ich fanden, René sehe mindestens so gut aus wie Alain Delon. Er war ein Stück älter als wir und konnte wunderbar erzählen. Die ganze Familie hing an seinen Lippen, wenn er von seinen Reisen um die weite Welt berichtete. Etwa davon, wie er einmal Picasso ablichten konnte – dieser war sehr abergläubisch und lud den jungen Fotografen eines Abends spontan an seinen Tisch, da dort sonst 13 Gäste gesessen hätten. Während seines Studiums an der Kunstgewerbeschule fotografierte René zum Üben oft meine Schwester und mich beim Spielen. Wir waren also seine ersten «Fotomodelle».


Von der Zürcher Weststrasse nach London
In der Familie sprachen wir Berndeutsch, aber wir Kinder konnten ausser Haus blitzschnell auf Zürichdeutsch umschalten. Die Weststrasse, wo wir wohnten, war anfangs eine ruhige Quartierstrasse, später aber eine der meistbefahrenen Durchgangsstrassen der Stadt. Ich weiss noch, wie meine Schwester eines Tages aus unserer Ausfahrt herausfuhr und fast einen Unfall verursachte: Über Nacht war die Strasse zur Einbahnstrasse mit zwei Fahrbahnen geworden. Heute, nach der Verkehrsberuhigung, hat sich unsere frühere Wohngegend zum Trendquartier gewandelt.
Als ich siebzehn war, kamen Marlboro- und Muratti-Zigaretten in einer Box zum Aufklappen heraus. Das fanden wir wahnsinnig modern! Zündete ein junger Mann zwei Zigaretten aufs Mal an und gab einem eine, war das schon fast eine Liebeserklärung… Ich rauchte wenig, vielleicht einmal beim Warten im Restaurant. Sicher nie auf der Strasse: In der Öffentlichkeit zu rauchen war für eine Frau damals noch ein absolutes No-Go.
Nach meiner KV-Lehre und der Haushaltungsschule im Schloss Oetlishausen TG ging ich 1965 als «mother’s help» ein Jahr nach London. Es war die Zeit der Beatles, von The Who oder Manfred Mann – und ich war mittendrin. Auch die Pille kam in jenen Jahren auf und die jungen Männer fragten einen auf der Tanzfläche ganz direkt: «Are you on the pill?» Mir verschlug es fast die Sprache. In diesen Dingen war ich eher brav und wusste nicht viel mehr, als dass man vom Küssen nicht schwanger werden konnte.
Der Zufall entscheidet mit
Nach einer unglücklichen Liebschaft zog ich für zwei Jahre nach Kanada. Zurück in Zürich fand ich eine Stelle beim Car-Unternehmen Winterhalder, wo meine Sprachkenntnisse sehr willkommen waren. Ferien konnte ich immer erst am Ende der Reisesaison nehmen. So wollte es der Zufall, dass ich auf einer Griechenlandreise meinen späteren Mann kennenlernte, der eben die Matura bestanden hatte. Lange waren wir bloss befreundet, denn ich hatte eine Art Ideal-Mann im Kopf, den ich einmal heiraten würde. Dieser sollte etwa keine braunen Augen haben, da die Burri-Augen grün sind… Am meisten Sorgen bereitete mir, dass Benjamin acht Jahre jünger war als ich. Bei unserer Hochzeit 1979 dachten viele, unsere Ehe halte wegen des Altersunterschieds wohl nicht lange. Falsch gedacht: Mein Benjamin trägt mich auf Händen und wir haben zusammen den Himmel auf Erden. Dass er jünger ist, erweist sich jetzt im Alter als grosser Vorteil.
Weil mein Mann als Tierarzt keine Stelle fand, fing er bei der Basler Chemie in der Forschung an. 1984 zogen wir mit Tochter und Sohn ein Jahr nach New Jersey und wären fast in den USA geblieben. Wegen der Schule kamen wir zurück in die Schweiz und zogen nach Aesch ins Baselbiet. Als Zürcherin staunte ich: kein Nebel und lauter freundliche Leute! Ich fühlte mich von Anfang an wohl, verbot meinen Kindern aber, typisch baseldeutsche Wörter wie «e Bliemli» oder «en Auti» zu verwenden…
Heute sind wir stolze Grosseltern eines Enkels und einer Enkelin. Mit meiner Schwester, die in Italien lebt, telefoniere ich jeden Tag. Wir wissen alles voneinander und streiten bloss darüber, wer die Arme sein wird, die dereinst ohne die andere wird leben müssen. Überhaupt sterben leider immer mehr meiner vielen Burri-Cousinen und -Cousins. Da geht immer auch ein Stück Wissen über die Familiengeschichte verloren.
Obwohl ich längst Urwyler heisse, bin ich bis heute stolz, eine Burri zu sein. Ich wurde als Burri geboren und werde als Burri sterben, sage ich immer. Noch nicht allzu bald, hoffe ich, und bin froh, dass ich mit dem Alter gut zurechtkomme. Kummer macht mir bloss eines: Dass mir nicht mehr so viel Zeit bleibt für all das, was ich noch sehen und erleben möchte.
Aufgezeichnet von Annegret Honegger
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