«Machs guet und bhüet di Gott»
Bereits mit sieben Jahren verbrachte Hanspeter Adank aus Jona SG den Sommer auswärts, um die eigene Familie zu unterstützen. Heute blickt der 84-Jährige auch mit Stolz auf diese nicht immer einfache, aber prägende Zeit zurück.

Die Schule besuchte ich während meiner Kindheit in Fläsch GR zwar neun Jahre lang, aber nur im Winter. Schloss sie am Gründonnerstag ihre Türen, bedeutete das für mich und viele andere Kinder und Jugendliche, dass wir den Sommer über auswärts arbeiteten.
Denn unser kleiner Bauernbetrieb warf wie so viele zu wenig ab zum Leben, aber zu viel zum Sterben für eine achtköpfige Familie. Unser Vater hatte einen Nebenerwerb beim Militär und wir Kinder verdienten im Sommerhalbjahr auswärts dazu. Das bedeutete nicht nur mehr Geld, sondern auch weniger Esser daheim am Tisch.
So kam ich mit sieben Jahren zur Familie eines Onkels ins Prättigau. Mein Vater fuhr mich mit der Vespa nach Munt bei Fanas. Beim Abschied weinten wir beide. «Machs guet und bhüet di Gott», sagte mein Vater, bevor er wieder heimfuhr. Meine Aufgabe war es, überall anzupacken, wo ich gebraucht wurde. Ich holte Holz oder das Brot beim Bäcker im Tal, half im Stall oder auf dem Feld. Meine kleine Cousine nannte mich ihren «Sommerbruder».
Vom Heimweh geplagt
Obwohl man mich gut behandelte und die Arbeit nicht strenger war als daheim, litt ich schrecklich unter Heimweh. Nachts schlich ich oft in den Stall, wo auch meine Lieblingskuh Irma den Sommer verbrachte. Blickte sie mich mit ihren lieben Augen an, wurde mir leichter ums Herz. Schmiegte ich mich an ihren weichen, warmen Hals und sie wackelte mit den Ohren, war es fast so, als streiche mir mein Vater über den Kopf. Ich war sicher, dass auch Irma Heimweh verspürte.
Besonders gut erinnere ich mich an 1955, als ich 13-jährig den Sommer als «Geissler» in Jenins verbrachte. Frühmorgens musste ich mit meinem Geisshorn alle 46 Ziegen im Dorf zusammentreiben und auf verschiedene Weiden führen. Geissen sind neugierige Tiere und fressen nur die zartesten Kräutlein und Knospen. So war ich den ganzen Tag auf Trab, damit sie nicht auf Kuhweiden gelangten oder auf privaten Grundstücken junge Bäumchen frassen. Falls die Ziegen nicht gehorchten, rieten mir die Bauern, sie einfach kräftig ins Ohr zu beissen.
Nur manchmal blieb mir ein bisschen Zeit für das, was mir mein Vater als schönen Zeitvertreib empfohlen hatte: Pfeifenrauchen. Selbst ein passionierter Raucher und in unserem Dorf nur «Pfeifen-Hans» genannte, hatte er mir eine handliche Tabakpfeife mitgegeben. Damals dachte noch niemand an die gesundheitlichen Folgen des Rauchens.
Delikatesse Gerberkäsli
Die Besitzer der Ziegen mussten mich auch verpflegen: Für jede Ziege einen Tag lang. Morgens und abends auf dem Hof, mittags aus dem Tornister. Manche waren grosszügiger, andere knausriger. Ein Salsiz, ein Paar Cervelats oder gar ein Gerberkäsli waren Delikatessen. Als Teenager, der den ganzen Tag bei Wind und Wetter draussen arbeitete, mochte ich ganz schön einpacken.
Ich schlief auf einem Laubsack in einer kleinen Kammer bei einer alten Frau, die ich kaum je traf. Eine Dusche oder ein WC, wie man es heute kennt, gab es natürlich nicht. Auch Socken oder Unterwäsche kannte ich damals nicht. Trug ich Schuhe, so umwickelte ich meine Füsse mit «Fusslümpa» aus Stoffresten, bevor ich in die Stiefel schlüpfte. Verrückt, wie das heute klingt – dabei sind diese Zeiten nicht einmal so lange her.
Nach und nach erwarb ich mir durch meine Zuverlässigkeit und harte Arbeit den Respekt der Bauern im Dorf. Doch das Heimweh blieb. Ich schrieb meinen Eltern Briefe und schickte meiner Mutter Blumen, die ich verbotenerweise pflückte. Das Wissen, dass sie diese am nächsten Tag in den Händen halten würde, war für mich eine Verbindung nach Hause. Das Geld fürs Porto verdiente ich, indem ich den vornehmen Touristen aus Bad Ragaz abends bei der Postautohaltestelle Alpenblumen verkaufte.
Endlich blüht die Herbstzeitlose
Nahte der Herbst, begann meine Lieblingsblume zu blühen: Die Herbstzeitlose zeigte mir jeweils an, dass endlich die Heimkehr nahte. Ende Oktober begann die Schule wieder, wo ich auch vieles erlebte, was heute undenkbar wäre. Etwa dass der Lehrer im Schulzimmer Pfeife rauchte. Oder die Tatzen mit der Rute, für die man die drei Fingerbeeren von Daumen, Zeige- und Mittelfinger hinhalten musste.
Auch daheim mussten wir Kinder überall mithelfen, das war von klein auf selbstverständlich. Wir waren eingebunden in den Alltag auf dem Hof und lernten durch Abschauen von den Erwachsenen. Mit sechs Jahren beaufsichtigte ich etwa als «Stumper-Bub» unsere Kühe beim Weiden. Das Foto zeigt mich mit Irma an einer Kette, links von mir meinen älteren Bruder. Hatte eine Kuh alles Gras in ihrer Reichweite gefressen, musste ich «nachstumpen», also den Pfahl neu setzen. Meist waren wir bis spät in den Herbst hinein barfuss unterwegs. War es kalt, standen wir gerne in frische Kuhfladen, um unsere Füsse zu wärmen.

Nach der Schulzeit machte ich eine Lehre als Zimmermann – und war gar nicht glücklich. Da ich beim Lehrmeister wohnte, musste ich oft auch abends arbeiten. Im Gegensatz zu meinen Sommerjobs fühlte ich mich ausgenutzt und wenig respektiert. Trotzdem hielt ich durch.
Mit unserer Heirat in Aussicht, suchte ich später eine sichere Stelle beim Bund. Für 4.17 Franken Stundenlohn zimmerte ich in der Kaserne Frauenfeld Mobiliar für Schweizer Kasernen. Später wechselte ich in die Kaserne Rapperswil – obwohl ich die Stadt überhaupt nicht kannte. Barbara und ich heirateten 1967 und wurden glücklich in unserer neuen Heimat. Unsere erste Wohnung kostete 183.50 Franken pro Monat. Auch das kann man sich heute kaum mehr vorstellen…
Wir bekamen zwei Söhne und wählten eine traditionelle Rollenverteilung: Solange die Kinder die Mama brauchten, blieb Barbara daheim. Die Jahre mit der Familie genossen wir beide sehr. In der Küche mache ich bis heute nichts, bei der nächsten Generation ist das natürlich anders. Lustigerweise wurden sowohl mein Sohn wie auch mein Enkel Zimmermann – aber auch sie blieben nicht auf dem Beruf.
Frühpensionierung: Ein Sechser im Lotto
Pensioniert wurde ich schliesslich in der Logistik bei der Swisscom – mit 55 Jahren bei voller Leistung. Ein Alter, in dem man nicht einfach die Füsse hochlegen kann. Mich berührten die schrecklichen Bilder aus Rumänien nach der Ceausescu-Herrschaft. Diese Kinder in den Waisenhäusern, die gar nichts hatten, während wir so viel wegwerfen! So begann ich, Hilfsgüter zu sammeln, sortierte und verpackte stundenlang, tagelang. Das Hilfswerk, das ich gründete und dreissig Jahre leitete, baute und renovierte Schulen, Kindergärten und Spitäler. Wir führten Kurse für Raumpflegerinnen und Hauswarte, Automechaniker und Autospengler durch. Wir beschafften Reinigungsgeräte oder Computer und für unsere Spitex Gehhilfen und Rollstühle. So war meine Frühpensionierung fast wie ein Sechser im Lotto.
Heute geniessen wir unseren ersten Urenkel. Wir sind seit 59 Jahren verheiratet und ich kann sagen: Barbara nähme ich sofort wieder. Seit vierzig Jahren trinken wir morgens selbstgemachte Kombucha auf nüchternen Magen und sind meist gesund. Über mein Gedächtnis staune ich selbst: An vieles erinnere ich mich, als ob es erst gestern gewesen wäre.
An meine karge, aber glückliche Kindheit denke ich gerne – auch an die Heimweh-Sommer weg vom geliebten Elternhaus. Selbst wenn die Arbeit meist hart und die Bedingungen oft schwierig waren: Dass ich früh lernte, Verantwortung zu übernehmen und durchzubeissen, prägte mein ganzes Leben. Heute blicke ich mit Stolz darauf zurück.
Aufgezeichnet von Annegret Honegger
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