Waschbrett, Weltreise und Wiederkehr

Fast wie ein Gemälde sieht das Bild der beiden jungen Wäscherinnen am Bündner Brunnen aus. Es zeigt Heidi Schlegel Weber mit ihrer grossen Schwester etwa 1965 vor ihrem Elternhaus in Ardez GR. Mithilfe daheim war im Bauerndorf von klein auf selbstverständlich.

Heidi Schlegel und ihre Schwester waschen am Brunnen in Ardez Wäsche, ca. 1965.
Der Blick aus dem Stubenfenster zeigt Heidi Schlegel Weber und ihre ältere Schwester beim Waschen am Brunnen. © privat

In alten Engadiner Häusern hatten die Tiere meist mehr Platz als die Menschen. Das Haus, in dem mein Vater aufwuchs und in dem wir heute wohnen, war nicht anders. In meiner Kindheit gab es kein Bad, nur eine freistehende Wanne. Einmal die Woche badete die ganze Familie und zog frische Kleider an. Die Mutter legte uns Mädchen jeweils einen Rock, eine Schürze und gestrickte Strumpfhosen bereit. Zur Schule trugen wir eine Halbschürze, zum Arbeiten zuhause eine ganze.

Für die wöchentliche Wäsche heizten wir den grossen Kupferkessel in der Küche ein. Zu den Aufgaben von mir und meiner älteren Schwester gehörte es, Kleider und Bettzeug am Brunnen vor unserem Haus zu spülen. Ein Brett verhinderte, dass wir allzu nass wurden. Das Foto aus unserem Stubenfenster hinaus wurde wohl im Frühling aufgenommen, noch sieht man Schneereste am Boden. Ich war etwa zehn Jahre alt und trug lange Zöpfe. Diese schnitt ich mit fünfzehn ab – gar nicht zur Freude meines Vaters.

Der Dorfbrunnen als Treffpunkt

Unseren Brunnen baute mein Grossvater 1909, um morgens und abends die Kühe zu tränken. Wer keinen eigenen Brunnen besass, nutzte den Dorfbrunnen. Dort traf man sich, plauderte und tauschte Neuigkeiten aus.

In unserem Haus gab es fliessendes kaltes Wasser. Warmes Wasser stand stets im sogenannten «Schiff» im Holzherd bereit, wo es sich erwärmte, wenn man einfeuerte. Geheizt waren nur Küche und Stube, von wo aus warme Luft durch eine kleine Falltür in der Decke ins Schlafzimmer im Obergeschoss gelangte.

Dass wir Kinder von klein auf zuhause mithalfen, war in unserem Bauerndorf selbstverständlich. Wir Mädchen eher im Haus, meine Brüder draussen und im Stall. Wir murrten kaum, denn die Arbeit musste erledigt werden, ob wir Lust hatten oder nicht. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, zu kurz zu kommen. Aber ich staunte, als mir eine auswärtige Aushilfe im Sommer einmal erzählte, in Zürich spielten die Mädchen den ganzen Tag mit Puppen …

Erste Traktorfahrerin im Dorf

Im Rückblick fällt mir auf, wie wenig Freizeit meine Eltern hatten. Besonders meine Mutter war ständig auf den Beinen, ging doch die Arbeit für die Frauen auch am Abend weiter, wenn sie im Stall und auf dem Feld erledigt war. Selbst als irgendwann ein Fernseher ins Haus kam, häkelte, strickte und flickte meine Mutter dabei.

Sie war eine starke Frau und gab zuhause den Ton an. Im Dorf war sie die erste, die einen Traktor besass, darauf war sie stolz. Anfangs lachten alle über das schwere Ding, merkten jedoch rasch, wie viel Arbeit er ersparte. Mein Vater hatte es weniger mit den Maschinen. Als gelernter Metzger verarbeitete er dafür unser eigenes Fleisch, wie das Foto von ihm mit meinen Geschwistern am Brunnen zeigt.

© privat

Neben der Mithilfe daheim genossen wir Kinder viel Freiheit. Wir spielten im Dorf, im Wald, auf den Wiesen – niemand beaufsichtigte oder kontrollierte uns. Spielsachen besassen wir kaum, konnten uns aber stundenlang mit ein paar Tannzapfen, Steinen oder einer alten Konservenbüchse vergnügen. Erst wenn die Kirchenglocken läuteten, hiess es ab nach Hause.

Schlittelspass frühmorgens

Die Arbeit ruhte nur am Sonntag. Im Sommer gingen wir meist wandern. Im Winter jassten wir miteinander oder fuhren Ski auf der selbst präparierten Piste hinter dem Haus. Wenn gegen den Frühling hin am Tag der Schnee schmolz und sich über Nacht eine Eiskruste bildete, weckte uns die Mutter früh zum Schlitteln. Bäuchlings und mit den Füssen im nächsten Schlitten eingehängt, sausten wir auf der glatten Oberfläche bis zum Inn hinunter. Je länger die Kette, desto grösser der Spass!

Auf den ersten März fieberten wir wegen «Chalanda Marz» besonders hin. Die Buben zogen mit ihren Glocken von Brunnen zu Brunnen, wir Kinder sangen, die Erwachsenen hörten zu. Abends gab es im Schulhaus einen kleinen Ball. Bis heute freuen sich die Kinder auf diesen Anlass, wobei unterdessen natürlich auch die Mädchen Glocken tragen dürfen. Der Schellen-Ursli-Film entstand hier ganz in der Nähe in Sur En auf der anderen Inn-Seite.

Da wir kaum verreisten, kannte ich in meiner Kindheit fast nur die Menschen in unserem Dorf. Bis zur dritten Klasse sprach ich ausschliesslich Romanisch, dann lernten wir in der Schule Deutsch, dazu übers Radio und von den Touristen. Selbst als ich viele Jahre in Zürich lebte und längst auf Deutsch träumte: Bis heute zähle ich immer auf Romanisch.

Vom Zürcher Kreis 4 um die Welt

Nach der Sekundarschule in Ardez besuchte ich die Handelsschule in Ftan am «Hochalpinen Töchterinstitut», wie das damals noch hiess. Wegen des guten Rufs der Schule stammten meine Mitschülerinnen aus aller Welt. Mit dem Handelsdiplom in der Tasche sagte ich dem Berufsberater, ich wolle nicht den ganzen Tag drinnen arbeiten und nie in einer Stadt leben.

Trotzdem landete ich in Zürich an der Reception eines Hotels – und erst noch mitten im Kreis 4, von dessen Ruf ich keine Ahnung hatte. Wie die Städter miteinander redeten und über welche Themen sie sprachen, war ein Schock für mich als Landei… Doch ich gewöhnte mich daran und hatte mit meiner Arbeitskollegin, einer urchigen Bernerin, immer viel zu lachen.

Nach zwei Jahren fragte mich der Sohn des Chefs, ob ich mit meinem damaligen Freund mit auf eine Weltreise käme. Wir arbeiteten hart und zogen am 1. Mai 1978 los: zu viert mit zwei Töffs, Zelt und Gaskocher und bloss einem Reiseführer von Marco Polo. So blauäugig geht das wohl nur, solange man jung ist … Es gab natürlich noch kein Handy und kein Internet, Telefonieren konnten wir uns nicht leisten. Unser Budget lag bei etwa fünf Franken pro Tag. So schrieben wir Briefe und erhielten «poste restante» Antwort.

Bratwurst in Afghanistan

Unterwegs holten wir auf den Schweizer Botschaften und Konsulaten Informationen ein oder fragten uns mit Händen und Füssen durch. Im Iran, damals noch Persien, erlebten wir den Beginn der Unruhen, die später zum Sturz des Schahs führten. In Kabul lud uns der Schweizer Konsul zur Erst-August-Feier ein, wo es nach Monaten endlich wieder eine Bratwurst und ein Glas Wein gab.

Von Afghanistan reisten wir weiter über Pakistan und Indien nach Nepal, Malaysia und Singapur, wo wir unsere Motorräder nach Hause schickten. In Japan mussten wir unsere Reiseziele im Hotel auf Kärtchen schreiben lassen – Englisch sprach damals kaum jemand und im Land gab es erst wenige Touristen. Wir flogen via Südpazifik weiter nach Amerika, bereisten Kalifornien per Auto und in New York sah ich nach einem Jahr meine Eltern wieder.

Für mich war diese Reise eine fantastische Lebensschule und in jener Zeit recht aussergewöhnlich. Dass meine Eltern das Unterfangen moralisch unterstützten, war mir wichtig. Geld konnten sie uns Kindern zwar nicht geben, aber wir wussten, dass wir daheim willkommen waren, was immer auch geschah.

Vom Reisebüro zum eigenen Bed&Breakfast

Nach der Heimkehr war Geldverdienen angesagt. 17 Jahre organisierte ich für ein Reisebüro thematische Gruppenreisen – etwa für Amerikaner, die möglichst viele gedeckte Holzbrücken oder botanische Gärten in Europa sehen wollten. Das bedeutete viele Telefone und viele Offerten per Schreibmaschine, die per Post hin und zurück vierzehn Tage brauchten. Heute ist das kaum mehr vorstellbar. Nur schon der Telefax bedeute eine unglaubliche Zeitersparnis.

Dem Engadin blieb ich verbunden und erinnere mich gerne an meine Kindheit. Auch in meinem Berufsleben hatte ich immer Glück mit spannenden Stellen und einem anregenden Umfeld. Mit 55 war es Zeit, zurück nach Ardez zu ziehen. Seit meiner Pensionierung leite ich im Winterhalbjahr Turnkurse für Pro Senectute und organisiere als Ortsvertreterin mit einer Kollegin Vorträge, Spielnachmittage oder Filmvorführungen. Besonders während unserer langen Winter ist es wichtig, dass auch ältere Menschen unter die Leute kommen. Mein Mann und ich renovierten mein Elternhaus und eröffneten ein Bed&Breakfast. Es ist schön: Während ich früher die Welt bereiste, kommt die Welt heute zu uns.

Aufgezeichnet von Annegret Honegger


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Beitrag vom 19.08.2026

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