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Vom Tösstal nach Kamerun

Vor fast fünfzig Jahren zog Imai Dah-Steger als Krankenschwester und Hebamme für die Basler Mission nach Afrika. In Kamerun fand sie ihre grosse Liebe und eine neue Heimat. Heute leidet das Land unter dem bewaffneten Konflikt zwischen Regierung und Separatisten.

Zeitlupe Redaktorin Annegret Honegger
© Jessica Prinz

Text: Annegret Honegger

Imai – das könnte asiatisch klingen, japanisch, vielleicht koreanisch? Imai Dah-Steger muss lachen, denn dies hört sie oft wegen ihres ungewöhnlichen Vornamens. Gerade weil sie so weit weg lebt vom Zürcher Tösstal, wo sie geboren wurde. Doch Imai ist einfach die Abkürzung ihres Taufnamens Ida Maria – ein Kosename, den ihr die Mutter als kleines Mädchen gab. Natürlich konnte niemand voraussehen, wohin das Leben das sechste von acht Kindern führen würde, das 1941 im Pfarrhaus in Wila geboren wurde.

Nicht Asien, sondern Afrika wurde zur zweiten Heimat von Imai Steger, die «schon immer» Krankenschwester werden wollte. Nach der Schule absolvierte sie erst ein Haushaltlehrjahr – daheim bei der Mutter, wo es in der grossen Familie genug zu tun gab. Nach Aufenthalten im Welschland und in England hatte sie endlich das nötige Alter erreicht und konnte die Krankenpflegeschule am Zürcher Neumünsterspital besuchen.

Ein Couvert mit Folgen

Imai Steger war glücklich in ihrem Traumberuf und genoss ihre Lehr- und Wanderjahre an verschiedenen Spitälern in der Schweiz. Dann zog es sie in die Welt hinaus. «Ich war schon immer ein bisschen ein Wandervogel», erinnert sie sich. Ein Kibbuz in Israel reizte sie, die Arbeit auf dem Feld und mit den Händen. Doch dann erzählte ihr eine Kollegin vom Plan, sich bei der Basler Mission für einen Einsatz in Afrika zu melden. Im letzten Moment schickte auch Imai Steger ihre Bewerbung ab – und ahnte nicht, wie sehr dieses Couvert ihr Leben verändern würde.

Bereits zwei Tage später konnte sie sich vorstellen. In Afrika brauche man Hebammen, hiess es, und schickte die junge Krankenschwester zur Weiterbildung nach London. Zudem wurde sie wie damals üblich über das alte und das neue Testament sowie in Ethik geprüft.

Schliesslich bestieg Imai Steger 1970 in Marseille ein Schiff nach Kamerun. Im Gepäck hatte sie Werke über Tropenmedizin und Krankenpflege, ihr dickes Hebammenbuch sowie den unerschütterlichen Glauben, dass es schon gut komme. «Ich wusste, dass Gott zu mir schaut. Das gab mir Ruhe.» Im Leben, in der Ausbildung und bei ihrer Arbeit in den Spitälern seien christliche Werte stets ihre Leitlinie gewesen: «Deshalb fühlte ich mich immer schnell daheim.»

Auch in Kamerun. Dort arbeitete sie in Spitälern und Krankenstationen, welche die Mission aufgebaut hatte und betreute. Vieles funktionierte ganz anders, als es Imai Steger in der Schweiz gelernt hatte. «Zum Glück waren wir auf die Situation in einem Drittweltland vorbereitet. Darauf, dass man nicht einfach einen Arzt rufen konnte, wenn es heikel wurde.» Auch bei schwierigen Geburten musste sich die junge Hebamme selbst zu helfen wissen. Und helfen konnte sie oft: «Früher starben viele Frauen unter der Geburt, da konnten wir Hebammen viel bewirken.»

Verliebt in Kamerun

Mit Kamerunerinnen und Kamerunern blieben die Kontakte jedoch meist distanziert und oberflächlich. «Yes, sister. No, sister – mehr hörten wir selten.» Bis Imai Steger den Theologen Jonas Nwiyende Dah kennenlernte. Der junge Mann gefiel ihr. Seine Ruhe, seine Intelligenz, sein Charakter – «und gut sah er auch aus». Wenn sie so schwärmt, blitzt in ihren Augen die Jungverliebte von damals auf. «Jonas wurde meine Brücke zu Kamerun», sagt sie. Die beiden führten und führen bis heute lange Gespräche, «über Gott und den Teufel», über das Leben in Kamerun und in der Schweiz. «Im christlichen Glauben fanden wir eine gemeinsame Welt.»

Während Imai Steger in Kamerun arbeitete, studierte Jonas Dah mit einem Stipendium in Paris weiter. Und machte ihr schriftlich einen Heiratsantrag. Die junge Frau war etwas überfordert mit dieser grossen Frage. Schliesslich beschied sie ihrem Verehrer diplomatisch, er müsse ihren Vater fragen: «Wenn mein Vater nein sagte, dachte ich, erledigt sich die Frage vielleicht von selbst.»

Falsch gedacht. Als Imai Steger nach drei Jahren in Afrika in die Schweiz zurückkehrte, stand Jonas Dah vor ihrer Tür. Und Vater Steger war begeistert: Einen Pfarrer aus Kamerun, das fand der Schweizer Pfarrer hochinteressant. Die ganze Familie war stolz und verstand sich bestens mit dem Schwiegersohn und Schwager in spe aus der Fremde.

Leben auf zwei Kontinenten

Geheiratet wurde im Glarnerland und gelebt ein paar Jahre auf seinem, ein paar Jahre auf ihrem Kontinent. «So lernte er mein Leben kennen und ich seines, das war gut.»1979 bis 1984 erwarb Jonas Dah in Basel seinen Doktortitel. Ein Sohn wurde dem Paar 1976 in Kamerun, eine Tochter 1979 in der Schweiz geboren.

Nach einigen Jahren in Deutschland liessen sich Imai und Jonas Dah 1997 definitiv im englischsprachigen Teil Kameruns nieder. Er lehrte weiter als Theologe, sie arbeitete als Hebamme und Krankenschwester, spezialisiert auf HIV-Patientinnen. «Aids war damals ein grosses Problem, das zum Glück dank der Medikamente in den letzten Jahren überwunden werden konnte.»

Unterdessen sind die beiden bald zwanzig Jahre pensioniert und leben in Bamenda, der drittgrössten Stadt Kameruns auf 800 Metern über Meer. Auf den Ruhestand hin bauten sie ein Haus: «Für unseren ‚Alterssitz‘ wünschten wir uns viel Platz für unsere Bücher und Besuche.» «Quelle» heissen Haus und Hof, nach dem theologischen Begriff des An-die-Quelle- und Auf-den-Grund-Gehens. Das Haus wurde Dreh-und-Angelpunkt für einen grossen Familien- und Freundeskreis.

Am Rande eines Bürgerkriegs

Schliesslich wurde diese «Quelle» auch Zufluchtsort. Denn seit 2016 wird in Kamerun der Konflikt zwischen dem englischsprachigen Westen und dem französischsprachigen Rest des Landes mit Waffen ausgetragen. Dieser schwelte bereits Jahrzehnte, seine Wurzeln gehen auf die Kolonialzeit zurück. Die Soldaten der Zentralregierung und die Milizgruppen, welche eine unabhängige Republik «Ambazonien» verlangen, bekämpfen sich erbittert. «Wir stehen am Rande eines Bürgerkriegs», erklärt Imai Dah. Schiessereien, Überfälle, Entführungen, willkürliche Festnahmen, Folter und Mord sind an der Tagesordnung. Dörfer brennen nieder, Familien verlieren ihr Zuhause, Kinder ihre Eltern, Eltern ihre Kinder. Hunderttausende sind auf der Flucht, Hunderttausenden fehlt es am Nötigsten.

Imai und Jonas Dah-Steger (ganz rechts) mit ihren Mitbewohner:innen vor ihrem Haus «Quelle»

«Wer konnte, verliess das Land», berichtet Imai Dah. Sie und ihr Mann blieben, um zu helfen. Sie beherbergen Verwandte und Bekannte, die obdachlos geworden sind. Imai Dah unterrichtet Kinder, die nicht mehr zur Schule gehen können. «Wir Älteren haben unser Leben hinter uns. Wir leben eher in der Vergangenheit und haben längst erfahren, dass einem das Leben nicht alle Träume erfüllt. Aber für die Jungen ist der Krieg verheerend. Sie verlieren ihre Zukunft.»

Imai und Jonas Dah-Steger leisten ihren Beitrag auch, indem sie immer wieder daran erinnern, was in ihrem Land passiert. Indem sie über diesen Konflikt berichten, der es kaum je in die Schlagzeilen der Weltmedien schafft. Sie veröffentlichen Bücher mit Begebenheiten, die zeigen, was ein Krieg mit den Menschen macht, die ihn erleben. Wie es ist, wenn Gewalt und Tod allgegenwärtig sind. Wenn man die Liebsten und alles, was einem wichtig ist, jederzeit verlieren kann. Wie Tausende entwurzelt und traumatisiert werden. Mit Folgen, die noch Generationen werden tragen müssen.

Der Glaube gibt Kraft

Wie lebt sie persönlich mit der ständigen Angst? Mit wenig Hoffnung auf einen baldigen Frieden? «Der Glaube», sagt Imai Dah, «gibt uns Kraft und Zuversicht. So können wir die Herausforderungen bewältigen, die uns das Leben immer wieder stellt.» Sie hätten Familie, gute Freunde und Nachbarn, man schaue zueinander. Und so unglaublich es klingt: Auch ein Krieg werde mit der Zeit irgendwie alltäglich. «Am Anfang schreckten wir bei jeder Schiesserei auf. Heute hoffen wir einfach, dass nichts passiert.»

In Haus und Hof, die eine Mauer umgibt, fühlt sich die Familie sicher. Im grossen Garten mit vielen Vögeln und Hühnern wächst und gedeiht, was sie zum Leben braucht. «Wir haben genug zu essen. Und hier fallen keine Bomben wie etwa im zweiten Weltkrieg oder in der Ukraine.»

Nach draussen wagt sich Imai Dah-Steger nur noch selten und nicht mehr ohne Fahrer. Zu gross ist die Gefahr einer Entführung, da die Separatisten ihren Kampf mit Lösegeldern finanzieren. Überall haben Soldaten und Milizen Checkpoints errichtet. Im überhitzten Klima zücken beide Seiten rasch ihre Waffen

Mit ihrer Familie, mit Freundinnen und Freunden hält Imai Dah über WhatsApp und das nicht immer zuverlässige Internet Kontakt. Nach zwei Jahren Corona-Pause kann sie dieses Frühjahr endlich wieder einige Wochen in der alten Heimat verbringen. Die Reise dauert jeweils 24 Stunden und ist viel weiter als die 4600 Kilometer, die Kamerun und die Schweiz trennen. Landet Imai Dah in Zürich-Kloten, staunt sie erst einmal: «Alles ist so sauber und so schön!»

Alte und neue Heimat

Das Ordentliche, Pünktliche sehe sie auch bei sich selbst: «Da bin ich eine typische Schweizerin.» Mit der Pingeligkeit, die sich hierzulande manchmal zeige, hat sie hingegen Mühe. Sie schätzt die Lockerheit, Offenheit und Herzlichkeit, mit der die Menschen einander in Kamerun begegnen. Und noch etwas ärgert sie: Dass Haustiere hier wie Menschen behandelt würden. In Kamerun landen Katzen meist im Kochtopf.

Für ihre Besuche in der Schweiz besitzt Imai Dah-Steger eine eigene Garderobe. Wer braucht schon eine Regenjacke, warme Pullover und feste Schuhe, wenn die Temperatur nie unter 18 Grad sinkt? Im Koffer bringt sie dafür ein Stück Afrika mit. Maismehl, aus dem sie kleine Brötchen bäckt. Duftende Tees, Gewürze und Wurzelpulver, geriebene Erdnüsse und Gemüse. Hört man sie von ihrem Garten schwärmen und vom üppigen Angebot an Gemüsen und Früchten auf dem Markt, dann spürt man, dass ihr Afrika längst zur Heimat geworden ist. Und was isst sie gern, wenn sie in der Schweiz ist? Die Antwort kommt blitzschnell: «Bratwurst und Stocki!»

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Beitrag vom 31.05.2022
  • Yvonne Grau sagt:

    Das war eine schöne Erzählung von Dah Imai Steger. Ich wollte auch in den 70iger-Jahren nach Israel in den Kibuz aber durfte nicht. Jetzt bin ich 66 Jahre alt und glücklich Verheiratet mit 2 Kindern, 35 und 33 Jahren.

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