«Einst wird der Glockenschlag an mich erinnern»

Margrit Baltazar (89) wurde in Wolhusen geboren – heute lebt sie in Oregon (USA). Die Wanduhr ihrer Eltern erinnert die Luzernerin an die Jugend und an ihre Liebsten. Das Familienstück begleitet die Weltenbummlerin seit fast 60 Jahren.

Aufgezeichnet von Roland Grüter

«Ich habe fünf Kinder. Das erste ist 1955 in Washington geboren, das zweite in Berlin, deren Geschwister in Paris, Texas und auf den Philippinen. Ein rechtes Potpourri! Mein Mann und ich sind weit in der Welt herumgekommen. Er war Offizier und wurde regelmässig an neue Standorte versetzt. Also packten wir regelmässig unsere Koffer und zogen weiter. Ich kann deshalb mit aller Bescheidenheit von mir behaupten, Kosmopolitin zu sein.

Wo immer wir stationiert waren – die hölzerne Wanduhr, die auch heute noch in meinem Wohnzimmer in Washington hängt, begleitete uns. Meine Grosseltern hatten das gute Stück im luzernischen Sursee gekauft und meinen Eltern zur Hochzeit geschenkt. Das war am 16. Oktober 1926 – am Geburtstag meiner Mutter.

Margrit Baltazar mit ihrer Standuhr
© zVg

Die Uhr hing lange Jahre in meinem Elternhaus in Wolhusen. Mein Vater zog deren Federwerk immer sonntags auf, nachdem wir aus der Kirchmesse nach Hause zurückkehrten. Leider ist mein Vater früh verstorben – und irgendwann fehlte meiner Mutter die Kraft, die Uhr in Schwung zu halten. Sie vermochte den Schlüssel nicht mehr zu drehen. Also kaufte ich ihr eine andere Uhr und übernahm Anfang der 1960er die alte.

Egal, wohin wir gerade umzogen: Ich liess die Uhr am neuen Ort immer als erstes aufhängen. Denn der Glockenschlag, der alle Viertelstunde erklingt, erinnert mich an uralte Tage: an meinen Vater, die glücklichen Kindertage – an meine Heimat halt. Entsprechend wichtig ist er mir.

Mich hat es früh in die Welt hinausgezogen. Ich wollte andere Länder sehen und vor allem andere Sprachen lernen. Also ging ich als junge Frau für zwei Jahre nach Paris, danach in die USA, nach Washington. Morgens hütete ich Kinder, mittags besuchte ich die Schule. Im Studentenheim lernte ich dann 21-jährig meinen späteren Mann kennen. Wir verliebten uns sofort ineinander, heirateten und bekamen zwei Jahre später unser erstes Kind.

Nun lebe ich alleine in einer Militärsiedlung, mein Mann ist vor vier Jahren mit 96 verstorben und liegt auf einem nahen Friedhof begraben. Unsere Kinder sind längst weggezogen, nur mein Sohn lebt in der Nähe. Wir stehen zwar in engem Kontakt, Besuche aber sind gerade schwierig – Corona steht auch uns im Weg.

Normalerweise reisen wir alle vier Jahre zusammen in die Schweiz und treffen dort meine Verwandten. Nach all den Jahren bin ich mit meinen Liebsten noch immer eng verbunden. Dem Leben in der Schweiz habe ich kaum je nachgetrauert, dafür war ich zu beschäftigt. Die Menschen aber vermisste ich. Manche davon sind längst verstorben: mein Bruder, viele Bekannte, darunter auch meine Schulfreundinnen.

Die Uhr aber tickt weiter. Ich habe sie in all den Jahren ein einziges Mal überholen lassen. Der Zahn der Zeit hat an ihr kaum Spuren hinterlassen, das hat sie mir voraus. Das Glockenspiel erklingt wie vor sechzig Jahren. Irgendwann wird die Uhr im Wohnzimmer eines meiner Kinder hängen – und ein wenig an mich mahnen. Ein schöner Gedanke.»

Süsse Erinnerungen

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