Als die Bomben «wie Kartoffeln» auf Schaffhausen fielen

Der Angriff kam buchstäblich aus heiterem Himmel. An einem Samstag, dem 1. April 1944, um 10.55 Uhr, warf die US-Luftwaffe 378 Bomben über Schaffhausen ab.

Von Claudia Herzog

Die knapp sechsjährige Frida Garrood war auf dem Heimweg vom Kindergarten und rannte in grosser Angst Richtung Munot. Für das kleine Mädchen war es, als «würden Flugzeuge grosse Kartoffeln auf die Stadt werfen». Auch Els Peyer-Von Waldkirch sah die «in der Sonne glitzernden Fliegerstaffeln». Sie erinnert sich: «Im fast selben Moment erdröhnte die Luft von schweren Donnerschlägen und unheimlichem Pfeifen. In ein paar Sätzen waren wir im Schutzraum – oben war die Hölle los.»

40 Sekunden dauerte das Bombardement. Danach waren 40 Menschen tot, Hunderte verletzt, über 300 obdachlos, noch mehr brotlos und sehr verzweifelt.

Das hier gezeigte Videoarchiv-Material stammt aus: «Bomben auf Schaffhausen», Schweizer Filmwochenschau vom 07.04.1944. Quelle: Cinémathèque suisse / Schweizerisches Bundesarchiv.

Die etappenweise Online-Veröffentlichung der Schweizer Filmwochenschau ist ein Gemeinschaftsprojekt der Cinémathèque suisse, des Schweizerischen Bundesarchivs und von Memoriav. Der gesamte Bestand steht im Sommer 2020 der Öffentlichkeit online zur Verfügung. www.memobase.ch

Trügerische Sicherheit

Vor diesem Samstagmorgen keimte auch in den Menschen in Schaffhausen langsam eine zage Hoffnung auf Frieden. Die Alliierten hatten bereits zahlreiche wichtige Siege gegen das nationalsozialistische Deutschland errungen. Die Landung in der Normandie stand unmittelbar bevor. An die Fliegeralarme hatte man sich längst gewöhnt. Statt in die Luftschutzräume zu flüchten, ging manch einer lieber auf die Strasse, um das vermeintliche Flieger-Spektakel mit eigenen Augen zu sehen. Diese trügerische Sicherheit wurde am 1. April 1944 mit aller Härte und auf einen Schlag zerstört: Wollte die USA die Schweiz etwa bestrafen, weil die Schaffhauser SIG Neuhausen Nazi-Deutschland mit Industriegütern beliefert hatte?

Verlorene Orientierung

Nein! Historiker Matthias Wipf weist in seinem eben erschienenen Buch «Die Bombardierung von Schaffhausen – ein tragischer Irrtum» ganz klar nach, dass Schaffhausen Opfer eines Navigationsfehlers der US-Air-Force wurde. Eigentlich hätte die Bomberstaffel von Grossbritannien aus das deutsche Ludwigshafen und die dortige IG Farben als Produzentin von Chemiewaffen angreifen sollen.

«Die Bombardierung Schaffhausens war eine tragische Verkettung unglücklicher Umstände», so Wipf, dessen Buch nach wenigen Wochen bereits in der dritten Auflage erschienen ist. Dabei hat er zahlreiche neue Quellen aus schweizerischen, amerikanischen und englischen Archiven ausgewertet und zeigt auch bisher unveröffentlichtes Bildmaterial.


«Die Bombardierung Schaffhausens war eine tragische Verkettung unglücklicher Umstände.»

Schaffhausen – ein «Gelegenheitsziel»

Schon bald nach dem Start von ihren Luftwaffenbasen in England – und spätestens dann über Frankreich – hatten sich die Piloten der US-Air-Force komplett verirrt. Es herrschte schlechtes Wetter über dem europäischen Festland, die Radartechnologie sei damals neu gewesen und habe nicht richtig funktioniert. Auch die Briefings und das Kartenmaterial seien mangelhaft gewesen, fasst Matthias Wipf seine Erkenntnisse zusammen. «Die Piloten wussten überhaupt nicht mehr, wo sie waren. Das geht aus den bis heute erhaltenen Logbüchern klar hervor.»

Die beiden Bombergruppen hatten Rückenwind und kamen so schliesslich 200 Kilometer südlich vom eigentlichen Ziel ab. Durch die aufgerissene Wolkendecke über Schaffhausen meinten sie eine süddeutsche Stadt zu erkennen, so Wipf, und orteten ein «Gelegenheitsziel», wie es im Militärjargon beschönigend hiess. Die Piloten beschlossen deshalb, «auf Sicht», also auch ohne funktionierende Navigationsgeräte, zu bombardieren.

George Insley war als Bomberpilot am Angriff von Schaffhausen beteiligt.
George Insley war als Bomberpilot am Angriff von Schaffhausen beteiligt. © Matthias Wipf

Fataler Irrtum

Während seinen umfassenden Recherchen stiess Historiker Matthias Wipf dank einem Aufruf in den sozialen Medien und über x Ecken auf George Insley. Der 96-Jährige ist der einzige noch lebende Bomberpilot, der damals am Angriff auf Schaffhausen beteiligt war. Er wohnt heute mit seiner Ehefrau, deren Vater ursprünglich aus St. Gallen stammte, wieder in seinem Elternhaus in Oregon. Matthias Wipf: «Auch George Insely kann sich diesen Irrtum nicht erklären. Ihm tut die Bombardierung immer noch wahnsinnig leid. Er ist ein sehr religiöser Mann und sagt, dass er bis heute für die Opfer und ihre Angehörigen bete.»

Matthias Wipf

Matthias Wipf

© Claudia Herzog

«Mich interessiert Geschichte, die gewissermassen noch greifbar ist. Ich will mit Zeitzeugen reden, die mir – ergänzend zu den Quellen aus Archiven und Bibliotheken – ihre ganz persönlichen Erlebnisse erzählen können. Geschichte soll erlebbar und spürbar sein und dann –, trotz aller wissenschaftlichen Genauigkeit, auch gut lesbar», sagt Matthias Wipf. «Ein Stück weit empfinde ich es auch als Verpflichtung der Historiker, mit Zeitzeugen zu sprechen. Sonst geht deren Wissen für immer verloren.»

Dr. Matthias Wipf, 1972 in Schaffhausen geboren, hat zeitgenössische Geschichte, Politologie und Medienwissenschaften an den Universitären Bern und Fribourg studiert und ist heute als Publizist, Moderator und Kommunikationsberater tätig. Er publiziert regelmässig auch zu lokalhistorischen Themen, so z.B. in seinen Büchern «Bedrohte Grenzregion» und «Als der Krieg zu Ende war», die sich ebenfalls mit dem Zweiten Weltkrieg befassen. Anlässlich des 75. Jahrestages der Bombardierung von Schaffhausen erschien nun sein jüngstes Werk: «Die Bombardierung von Schaffhausen – ein tragischer Irrtum».

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