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Eine Handvoll Glück

Wer zügelt, muss seinen Garten in der Regel zurücklassen. Der Abschied kann schmerzen: Doch Buddha hat dagegen ein gutes Rezept. Unserem Gartenkolumnisten hat es jedenfalls geholfen.

Text: Roland Grüter

Das Leben hat mich immer wieder um die Häuser getrieben. Ich bin insgesamt 19 Mal umgezogen, im Schnitt also jedes dritte Jahr. Wahrscheinlich wirkt in mir ein seltsames Gen, denn schon meine Eltern waren nicht besonders sesshaft. Vater arbeitete als Knecht. Folglich musste er der Arbeit auf den Bauernhöfen ständig hinterher reisen. Dadurch blieb mir und meinen Geschwistern kaum Zeit, Wurzeln zu schlagen. Kaum hatten wir ausgepackt, ging die Reise weiter. Was nicht immer leicht, aber erhellend war. Denn dadurch habe ich gelernt: Wer loslässt, wird mit Neuem beschenkt.   

Doch ich schweife ab, zurück zum Thema. Ich bin also 19 Mal umgezogen und in diesem Fach entsprechend erfahren. Mir bereiten beispielsweise Veränderungen weit weniger Sorgen als andern. Und da ich ständig ein- und auspacken durfte, gelangte ich zur Einsicht: Weniger ist mehr. Denn Ballast passt nicht ins Handgepäck und ist unterwegs nur hinderlich. Also fort damit! Will heissen: Ich kann Möbel, Erinnerungsstücke und andere Dinge problemlos los- oder zurücklassen. Hauptsache, die Menschen bleiben.

Die Fähigkeit, loslassen zu können, erleichtert mein Leben als Hobbygärtner ungemein. Denn darin ist ein Zickzack-Kurs, wie ich ihn führe, nicht vorgesehen. Im Gegenteil: Ein Garten ist das Anti-Konzept jeglicher Mobilität. Er ist ein Symbol für Bestand (ausser ein Baggerzahn pfuscht dazwischen). Fühlen sich die darin wachsenden Pflanzen wohl, bleiben sie ihrem Standort für immer und ewig treu. Sie sind gewissermassen dazu gezwungen: Denn Pflanzen können nicht einfach die Koffer packen und weiterziehen. Sie müssen sich mit dem Hier und Jetzt abfinden und sind wahre Meisterinnen darin, sich dem Umfeld anzupassen. Gerade jetzt, wo sich der Klimawandel an ihnen zu schaffen macht, ist diese Gabe ein grosser Segen: Sonst gingen sie unter.

Dem Grünzeug ist es entsprechend egal, wer sich um sie kümmert. Zieht der Heger weiter, gedeihen Bäume und Stauden weiter – so sehr man sich um deren Gedeihen bemüht. Die untreuen Tomaten!

Auch das weiss ich aus Erfahrung – ich habe in meinem Leben bereits fünf Gärten angelegt. Erst vor kurzem verabschiedete ich mich neuerlich von einem dieser Paradiese: Ein Naturgarten, der unweit vom Rummelplatz Zürich aber in einer anderen Welt liegt. Die Senke ist von einer Blumenwiese überzogen, dichte Hecken schützen Vögel vor fiesen Katzen. Darin wurzeln Bäume mit mächtigen Kronen. Gleich neben dem Gartenhaus lebte lange Jahre eine Igelfamilie, auf der Tanne wohnt ein Käuzchen. Und manchmal, wenn ich frühmorgens aufstand, graste das Haus-Reh auf dem Rasen.

Dieses Stück Erde war schon vor meinem Zuzug perfekt – trotzdem krempelte ich die Ärmel hoch, legte allenthalben neue Beete an, wies die Natur in die Schranken und pflanzte im Gegenzug 1001 Wildstauden, damit Schmetterlinge, Bienen und andere Tiere Nahrung und eine Zukunft haben. Viele Pflanzen davon zog ich aus Samen gross, den Rest sammelte ich aus aller Welt zusammen. Sowas verbindet.

Zwölf lange Jahre verbrachten wir zusammen. Dann war es an der Zeit, dem Paradies Adieu zu sagen. Der Abschied fiel mir erstaunlich leicht. Nun wachen andere darüber und ich hacke und grabe an anderer Stelle. Zwar habe ich ein paar besonders rare Sorten auf meine Reise mitgenommen – vor allem einzelne Hortensien. Sie begleiten mich schon seit je durchs Leben. Den überwiegenden Teil aber liess ich guten Mutes zurück. Die Stauden sollten nicht unnötig unter meiner Unruhe leiden.

Was ich aber sehr wohl gemacht habe: Ich füllte zwei Kisten mit Gartenerde und verstreute diese im neuen Garten. Nun wachsen auch im neuen Zuhause auf Zeit Eisenkraut, Frauenmäntel, Steinnelken und andere Pflanzen in den neuen Beeten. Deren Samen schlummerten in der mitgebrachten Gartenerde und schenken mir nun alte Freuden, ohne dass ich dafür die Mutterpflanzen (ver-)schleppen musste.

Falls auch Sie vor einem Umzug stehen und einen Garten zurücklassen müssen. Denken Sie daran: Die Samen der Vergangenheit sind die Früchte der Zukunft. Das wusste bereits Buddha, auf den dieser Merksatz zurückgeht. Er muss ein leidenschaftlicher Hobbygärtner gewesen sein. Oder ein unruhiger Geist, so wie ich es einer bin.

Roland Grüter (60) ist leidenschaftlicher Hobbygärtner und folgt strikt den Regeln des Bio-Gärtnerns. Sein erstes Reich hat er vor 40 Jahren aus Not angelegt – er wollte die Pflanzen aus dem Garten eines Hauses retten, das abgerissen wurde. Heute lebt er in der Nähe von Zürich und hegt und pflegt einen kunterbunten, wilden Blumengarten. Eine Ecke ist darin für Gemüse reserviert. Roland Grüter schreibt an dieser Stelle regelmässig über seinen Spass und seine Spleens im grünen Bereich.



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