© Claudia Herzog

Auf ewiger Songsuche

Welches Lied passt als nächstes? Der langjährige SRF-Musikredaktor Urs Musfeld beschäftigt sich seit über 40 Jahren mit dieser Frage. Der Stadtbasler tut dies nun über seine Pensionierung hinaus – auch für sich selbst.

Text: Fabian Rottmeier

Noch immer stöbert Urs Musfeld nach neuen Liedern zum Weiterempfehlen. Bloss: Heute trägt er sie nicht mehr (wie 39 Jahre lang) als Musikredaktor für das SRF-3-Radioprogramm «Sounds!» zusammen, sondern für seine Website. Diese Aufgabe gebe seinem Alltag eine Struktur, sagt der 67-Jährige, der Deutsch und Geschichte studiert hat. Sein Anspruch ist derselbe: «Die Liederabfolge ist nie beliebig.» Und so soll hier eine Mini-Wiedergabeliste, Neudeutsch «Playlist», aus seinem Leben erzählen.

Freddy Quinn: «Junge, komm bald wieder»

Urs Musfeld war elf Jahre alt, als er seine erste Platte kaufte: «Junge, komm bald wieder», eine Single von Freddy Quinn. Er besitzt sie noch immer. Die Hülle fällt nur dank Klebestreifen nicht auseinander. Es war der erste Song, den er 2017 an seiner Sounds-Abschlusssendung gespielt hat. Dank seiner Cousins entdeckte er früh Musikstile wie New-Orleans-Jazz oder Rock ’n’ Roll, später inspirierte ihn ein französischer Radiosender. Als Teenager tauschte er mit seinen Kollegen Platten aus – oder sie hörten sie sich zusammen an, sobald sie genug vom Lernen hatten.

Beach Boys: «God Only Knows»

Der Beach-Boys-Song von 1966 ist für Urs Musfeld der perfekte Popsong. «Welches Liebeslied beginnt schon mit den Zeilen ‹I may not always love you›?», fragt er. Musik, die kalkuliert und nach Schema X tönt, lässt den Musikredaktor kalt. Wenn eine Band jedoch mit verschiedenen Stilen spielt, wird er hellhörig. Er hat auch in seinen Sendungen immer angestrebt, verschiedene Musikrichtungen mit einem roten Faden zu verknüpfen: «Radio sollte eine Stimmung und eine Dramaturgie erzeugen, die einen eintauchen lässt.» Dabei hatte er den Anspruch, neue mit bekannten Liedern in einen Kontext zu stellen. Etwas, das die Algorithmen der Musikstreaming-Dienste wie etwa Spotify nicht bieten können.

Jacques Brel: «Ne me quitte pas»

Jacques Brel, der belgischen Chansonnier, fleht seine Geliebte an, ihn nicht zu verlassen. Doch nicht nur eine Liebesbeziehung, sondern auch der eigene Musikgeschmack kann zur Routine verkommen. Viele würden ab 30 an ihrer geliebten Musik, die sie kennen, festhalten und ihr Interesse an Neuem verlieren, sagt Urs Musfeld. «Musik erinnert mich immer an verschiedene Lebensphasen, aber auch an das gesellschaftliche Umfeld, aus dem sie entstanden ist.» Seine letzte Sendung, in der er als Gast seine 30 liebsten Platten mitnehmen durfte, war eine persönliche Zeitreise. Er brauchte mehrere Tage, um seine Auswahl zu bestimmen. Er vermisse gelegentlich den täglichen Austausch mit seinem Radioteam, gesteht er, freue sich aber auch, dass er heute Zeit hat, beliebig lange Musik zu hören, viel zu lesen, Fussball zu gucken oder durch Basel zu schlendern. Als musikalische Herausforderung hat er sich einmal pro Monat die Sendung «Jazz X» auf Radio X bewahrt, für die er die Lieder aussucht und die Ansagen verfasst. Zudem schreibt der Vater eines erwachsenen Sohnes regelmässig für die Zeitlupe-Website über «Songs und ihre Geschichten».

David Bowie: «Lazarus»

David Bowie starb 2016, zwei Tage nachdem sein letztes Album veröffentlicht worden war. Im sehr persönlichen Song «Lazarus» liess er tief in seine Seele blicken. Es sind Künstler wie Bowie, aber auch Prince oder Leonard Cohen, deren Tod Urs Musfeld besonders nahe ging. Sie hatten ihn ein Leben lang begleitet. «Alle drei haben sich nie wiederholt, haben ihre Fans herausgefordert und sich nie hinter Posen versteckt. Sie hätten musikalisch noch viel mitzuteilen gehabt.» Ihr Ableben fiel auch in eine Zeit, in der Urs Musfeld die zunehmende «Gratismentalität» in Bezug auf Musik, Filme oder Medien zu denken gab. Aus Liedern auf Vinyl – deren Spieldauer er in den Anfangszeiten beim Radio per Stoppuhr mass – sind Songs auf Internetservern geworden, sofort und stets verfügbar. Doch gerade dadurch sind persönliche Playlists, die man teilen kann, beliebt geworden. Doch diese wollen sorgfältig zusammengestellt sein. Wird es deshalb einst auch eine Abdankungs-Playlist geben, Urs Musfeld? Das habe er sich tatsächlich schon überlegt. «Bowie und Brel wären darauf bestimmt enthalten, Nick Cave ebenso. Wichtig wäre, dass der Ablauf eingehalten wird – wie ein letzter Wille.» ❋

❱ Urs Musfelds Rubrik «Songs und ihre Geschichten»: zeitlupe.ch.
❱ Seine Lieblingslieder der Woche: musi-c.ch.

Beitrag vom 14.01.2020