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«Such a shame» von Talk Talk Songs und ihre Geschichten

Mit den Ohrwürmern «It’s my life» und «Such a shame» eroberten Talk Talk 1984 die Hitparaden. Doch sie wollten mehr sein als nur eine weitere Synthie-Pop-Band. In den folgenden Jahren sprengten sie die musikalischen Grenzen und entwickelten sich zu rätselhaft faszinierenden Avantgardisten. Ihr Sänger und Songschreiber Mark Hollis war ein Meister der Melancholie und der Neuerfindung.

Von Urs Musfeld

Eigentlich will der 1955 in Tottenham geborene Hollis Kinderpsychologe werden. Doch schon bald hängt er sein Studium an den Nagel, um in die Londoner Musikszene einzutauchen. Im Sog des Punk gründet er 1977 seine erste Band The Reaction, die sich nach kurzer Zeit wieder auflöst.

1981 ruft Hollis Talk Talk ins Leben. Auf ihrem Debüt-Album «The Party’s Over» (1982) reihen sie sich nahtlos in den aktuellen, eingängigen Synthie-Pop dieser Epoche ein. Aber schon auf dem zweiten Album «It’s My Life» (1984) beweisen sie, dass sie nicht nur Trittbrettfahrer sind. Sie beginnen, zunehmend ihren eigenen Sound zu entwickeln, der gleichzeitig mit einem kommerziellen Erfolg einher geht. Neben dem Titelstück ist «Such a shame» der ganz grosse und eigenwillige Hit, der den Unterschied ausmacht. 

Hollis verarbeitet in «Such a shame» den Kultroman «The Dice Man» (deutsch: «Der Würfler»), den der amerikanische Schriftsteller George Cockcroft 1971 unter dem Pseudonym Luke Rhinehart veröffentlicht hat.

Das zum Teil autobiographische und in der Popkultur mehrfach zitierte Werk handelt vom Leben eines gelangweilten Psychiaters, der sich auf ein Experiment einlässt, wichtige Lebensfragen durch einen Würfel entscheiden zu lassen. Das reicht von Sexualpraktiken, über Mord bis zum Ausbruch von Psychiatriepatienten.

Für Mark Hollis ist dieses Unterfangen faszinierend, weil man sich so aus der Verantwortung stehlen würde.

Such a shame to believe in escape
A life on every face
And that’s a change
‹Til I’m finally left with an eight

Tell me to relax, I just stare
Maybe I don’t know if I should change
A feeling that we share

Es ist eine solche Schande, an ein Entkommen zu glauben
Jede Würfelseite zeigt ein anderes Leben
Und das bedeutet Veränderung
Bis ich schliesslich mit einer Acht sitzen bleibe

Sagst mir, ich solle mich entspannen – ich glotze nur
Vielleicht weiss ich nicht, ob ich etwas verändern soll
Ein Gefühl, das wir teilen
Es ist eine Schande

Mark Hollis sinniert über die möglichen Gefühle und Gedanken des Psychiaters nach seinem Entschluss zum Würfelexperiment (nachdem er sich zum Würfelexperiment entschlossen hat). Es sind höchst ambivalente Emotionen. Irgendwann aber werden die Würfel eine Acht und damit – im mystischen Kontext – die Todeszahl anzeigen. 

The dice decide my fate
That’s a shame
In these trembling hands
My faith tells me to react, I don’t care
Maybe it’s unkind that I should change
A feeling that we share

It’s a shame

Die Würfel entscheiden mein Schicksal
Das ist eine Schande
In diesen zitternden Händen
Mein Glaube sagt mir zu reagieren, es ist mir egal
Vielleicht ist es grausam, dass ich ein Gefühl, das wir teilen, ändern soll

Es ist eine Schande

Der Text von «Such A Shame» betont die Ambivalenz des Würfelexperiments, die Musik unterstreicht sie. Der Song beginnt mit einem Loop trompetender Elefanten. Perkussion und Synthesizerflächen setzen ein, Klavierakkorde kurz vor dem Refrain und ein Orgelsound danach. Gitarren fallen kaum auf. 

Im dazugehörenden Video gibt Mark Hollis, in wechselnden dunklen Mänteln und Mützen, den Würfelspieler. Ein Kobold, der Grimassen schneidet und die Schande illustriert, als Songschreiber und Sänger einen Popstar spielen zu müssen. Kaum merklich interagiert Hollis von Zeit zu Zeit mit einem per Trickfilm eingeblendeten Würfel. Ab und zu taucht die Band auf. Das Video sei der Versuch gewesen, den 500 Seiten langen Roman «The Dice Man» in vier Minuten pantomimisch darzustellen, sagt Hollis einmal.

Elegischer, zeitloser Pop

Doch der schnelle, oberflächliche Ruhm, die Auftritte bei der BBC-TV-Sendung Top of the Pops, die schicken Videos, selbst die Aussicht, mit seiner Band Talk Talk zum Weltstar zu werden – all das reicht Mark Hollis irgendwann nicht mehr. Der Brite strebt nach Entschleunigung, nach Abstraktion, nach klanglicher Raffinesse – mit einem Sound, der sich über Jazz und Neoklassik der Stille nähert. Sein Verständnis von Musik beschreibt er so: «Es gibt zwei Bereiche in der Musik: Spontanität und Freiheit auf der einen, und strukturierte Tiefe des Arrangements auf der anderen Seite. Wir haben versucht, beide zu verbinden.»

Bei den Aufnahmen zum dritten Album «Colour Of Spring» wird klar, dass künftig nur noch klassische Instrumente das Klangbild von Talk Talk dominieren. Es präsentiert die Sounds, für die die Band heute noch in Erinnerung ist: elegischer, wohltemperierter, zeitloser Pop. Es sollte jedoch ihre letzte Platte sein, die noch vom Massengeschmack mitgetragen und in grossen Mengen gekauft wird.

Die sechs Stücke auf «Spirit Of Eden» (1988) sind schon nicht mehr als Pop erkennbar. Mit dem minimalistisch-experimentellen Werk «Laughing Stock» von 1991 endet die Geschichte von Talk Talk. Die Verweigerung herkömmlicher Klänge zog Hollis bis zu seinem Soloalbum von 1998 durch. Er starb 2019 im Alter von 64 Jahren.


Urs Musfeld alias Musi

Portrait von Urs Musfeld

© Claudia Herzog

Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.

Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/

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