«Nightclubbing» (1981) © Island records / Jean-Paul Goude

«Slave to the rhythm» von Grace Jones Songs und ihre Geschichten

Sie war ein Star der New Yorker Disco-Ära Ende der 1970er-Jahre und erfand sich in den 1980ern neu: Grace Jones – Sängerin, Schauspielerin, Model, alterslose Stil-Ikone, die Gendergrenzen hinter sich lässt und bis heute zahlreiche Künstlerinnen inspiriert.

Von Urs Musfeld

In ihrer Autobiographie mit dem treffenden Titel «I’ll Never Write My Memoirs» (2015) fasst Grace Jones selbst zusammen, warum sie zeitlos ist. Einmal mehr erscheint sie alterslos und androgyn:

«Auch der Tod stoppt mich nicht. Man kann Fotos von mir finden vor Jahrhunderten. Gesichter, die so aussehen wie meine, in Holz geschnitzt aus dem alten Ägypten. Ich bin schon lange dabei, mit klopfendem Herzen, bereit, mich auf mein Gebet zu stürzen – trippelnd, trauernd, liebend, jagend, erobernd, verführend, kämpfend, träumend, lachend –, und ich werde immer sein».

Geboren 1948 in Jamaicas ehemaliger Hauptstadt Spanish Town als Kind einer strenggläubigen Familie, kommt sie mit 12 nach Syracuse, NY. Nach der Schule beginnt sie mit der Schauspielerei und über den Umweg Paris startet sie in den frühen 1970er-Jahren eine Model-Karriere, zu einer Zeit, als schwarze Frauen noch eine Ausnahme sind.

Von Anfang an begnügt sie sich nicht mit der Rolle als besserer Kleiderständer. Die Oberfläche ist das Kunstwerk – noch heute hält Grace Jones sich daran.

Infizierender Musikmix

Ihre musikalische Laufbahn beginnt mit dem legendären Studio 54 in New York, als sie Andy Warhol kennenlernt und (vermehrt) in Diskotheken singt.

1977 erscheint ihr Debut «Portfolio», das erste von drei Disco-Alben. Die Songs sind zum Grossteil Coverversionen, darunter ihr erster Hit – eine sehr eigene Interpretation von Edith Piafs «La vie en rose» als sinnliche Bossa-Nova-Hymne. Zu Beginn der 1980er-Jahre verabschiedet sich Jones vom Disco-Sound. Begleitet von der bekannten jamaikanischen Rhythmusgruppe Sly & Robbie, dem Schlagzeuger Sly Dunbar und dem Keyboarder und Bassisten Robbie Shakespeare, orientiert sie sich an New Wave, Funk und Reggae. Zu diesem infizierenden Gemisch steuert Grace Jones einen unterkühlt wirkenden Sprechgesang bei.

Vor allem «Nightclubbing» (1981), das zweite Album dieser Phase, etabliert sie als internationalen Popstar. Es wird ihr erfolgreichstes.

Der selbstgeschriebene Hit «Pull up to the bumper» sorgt anfänglich wegen des doppeldeutigen Textes für Kontroversen. Einige Radiostationen weigern sich, ihn zu spielen. Die Zeilen: «Fahr dicht an meine Stossstange ran, Baby / In deiner langen schwarzen Limousine / und fahr dazwischen rein» bieten ein schönes Beispiel für stilvoll «unanständige» Texte im Pop, nicht zuletzt durch das entschieden freimütige Spiel mit einem eher unverfänglichen Bild.

Unnahbares, androgynes Image

Überhaupt passt ein derart unbekümmertes Hantieren mit expliziten Themen zu ihrer Haltung. Eine selbstbewusste Frau, die sich bei Bedarf als Objekt inszeniert, dabei zugleich stets Subjekt bleibt. Auch im freien Umgang mit Geschlechterrollen.

Die Cover-Versionen werden noch raffinierter: So lässt Jones das mysteriöse Thema von «Libertango», ein Song des argentinischen Tango-Komponisten Astor Piazolla, in die Reggae-Ballade «I‘ve seen that face before» einweben. Zwei grundverschiedene Genres, Reggae und Tango, vibrieren plötzlich in Harmonie.

Akkurat geometrischer Bürstenschnitt, metallisch glänzende Haut, Schulterpolstersakko und dieser Blick über die Zigarette im Mund hinweg, der zu sagen scheint: Komm mir besser nicht zu nah. So präsentiert sich Grace Jones auf der Albumhülle, entworfen von ihrem zeitweiligen Lebensgefährten und Vater ihres Sohnes, dem Fotografen Jean-Paul Goude. Dieses unnahbare androgyne Image verhilft ihr zu einer medialen Dauerpräsenz.

Goude zeichnet auch verantwortlich für das Artwork des 1985er-Konzeptalbums «Slave To The Rhythm» und das Video zum Titelsong.

Einmal mehr erfindet sich Grace Jones neu. Das von Trevor Horn produzierte Album dreht sich musikalisch im Bereich der Single-Auskopplung und inhaltlich um ihr Leben. 

Ursprünglich als Single für Frankie Goes To Hollywood nach ihrem Debüt «Relax» (1983) gedacht, wird dieser Dance-Track, ein Mix aus Funk und R&B, zu Jones’ grösstem Hit: Er behandelt nicht nur die Sklaverei, sondern auch die Ausbeutung von Musiker*innen durch die Industrie. Vielschichtig und komplex wie Jones selbst, ist der Song samt Video bis heute ein ikonografischer Meilenstein.

Indem sie sich selbst als «Slave to the rhythm» bezeichnet, scheint sie sich allzu bewusst zu sein, dass Rhythmus nicht nur das perkussive Tempo eines Songs ist, sondern auch die ständigen Machenschaften der Industrie rund um ihr Image, ihre Musik, ihr Leben und ihren Stil. Das Wort «Sklave» bezeichnet hier auch die fehlende Kontrolle. Aber Jones handhabt es auf eine Art, die auf beides schliessen lässt: die Freude an musikalischer Hingabe und das Unbehagen an einem Leben, gefiltert durch den Blick der andern.

Work all day, as men, who know
Wheels must turn, to keep, to keep the flow
Build on up, don’t break the chain
Sparks will fly, when the whistle blows
Never stop the action
Keep it up, keep it up

Arbeite den ganzen Tag, wie Männer, die sich auskennen
Die Räder müssen sich drehen, um sie in Gang zu halten
Schliess auf, brich nicht die Kette
Funken fliegen, wenn die Pfeife ertönt
Stoppe nie die Arbeit
Weiter so

Work to the rhythm
Live to the rhythm
Love to the rhythm
Slave to the rhythm

Arbeite zum Rhythmus
Lebe zum Rhythmus
Liebe zum Rhythmus
Sklave des Rhythmus

Axe to wood, in ancient time
Man machine, power line
Fire burns, heart beats strong
Sing out loud, the chain gang song
Never stop the action

Axt zu Holz, in alter Zeit
Mensch-Maschine, Stromleitung
Feuer brennen, das Herz schlägt stark
Singe laut, das Chain Gang Lied
Stoppe nie die Arbeit

In der leicht veränderten LP-Fassung von «Slave to the rhythm» hört man im leise geprochenen Intro die Worte: «Sein Grossvater kam aus Nigeria, vom Igbo Stamm / Ich schaue nicht aus wie meine Mutter und nicht wie mein Vater / Ich schaue gleich aus wie mein Grossvater / Und ich handle wie er / Handelts du immer so?/ Nein, nicht die ganze Zeit»

Im Musikvideo gerät der Mund von Grace Jones zur Edelstahlgarage, aus der die barfüssige, kreischende Diva in einem schnittigen Auto sitzend herausbraust. Ursprünglich ein Werbespot für ein neues Automodell. Die ständige Vermischung ist zu ihrem Thema geworden.

Das Leben als Inszenierung

Auf der Bühne spielt Grace Jones eine Grace Jones, die Werbeikone wird zum Teil der Musikerin. Ihr ganzes Leben wird noch mehr zur Inszenierung als zuvor.

In den 1990er nimmt Grace Jones keine Alben auf, hat aber 2008 ein starkes Comeback mit «Hurricane», das an ihre grosse Zeit Anfang der 1980er anknüpft.

Noch immer steht die 74-Jährige auf der Bühne. Jeder ihrer Auftritte ist auf Überwältigung angelegt. Barbusig, mit Totenkopfmaske und Bodypainting begeisterte sie  beispielsweise das Publikum 2017 am Montreux Jazz Festival. Ihr bisher letztes Kontert fand im Juni dieses Jahres am Meltdown Festival in der Royal Festival Hall in London statt.


Urs Musfeld alias Musi

Portrait von Urs Musfeld

© Claudia Herzog

Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.

Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/

Beitrag vom 26.10.2022

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