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«Hymne à l’amour» von Édith Piaf Songs und ihre Geschichten

Ihre Lieder zählen zum Kulturerbe Frankreichs. Mit «La vie en rose», «Milord», «Padam padam», «Non, je ne regrette rien» und «Hymne à l’amour» wurde Édith Piaf weltberühmt. Bis zu ihrem frühen Tod blieb die Liebe ihr grosses Thema – in ihren Chansons und in ihrem Leben.

Von Urs Musfeld

Edith Gianna Gassion wird als Kind einer italienisch-marokkanischen Kaffeehaussängerin und eines französischen Zirkusakrobaten am 19. Dezember 1915 in einem Pariser Arbeiterviertel geboren. Sie wächst zunächst bei ihren Grossmüttern auf, verhungert fast und erblindet zeitweise nach einer Augenentzündung. Später geht Edith mit ihrem alkoholkranken Vater auf Tournee. Sie verlässt ihn, als sie 15 ist, um sich in Paris als Strassensängerin durchzuschlagen. Kurz darauf wird sie fürs Cabaret entdeckt, erhält den Künstlernamen Piaf – der Spatz – und begeistert das Publikum. 

1935 erscheint ihre erste Single. Wenn Piaf singt, lebt sie, beschwört sie, sucht sie – melancholisch, verzweifelt, trotzig. Mit ihrer kraftvollen, expressiven und leidenschaftlichen Stimme wird sie zum Inbegriff des französischen Chansons und weltweit bewundert. 

«Ein Chanson, das ist nichts Kleines oder Unbedeutendes. In ihm sind alle Schmerzen und Leiden enthalten, aber auch alle irdischen Freuden und sämtliche Hoffnung», bekennt sie in einem Interview. Die Qualität eines guten Chansons macht für Piaf zuerst die Poesie aus. Erst dann die Musik. Sie soll einfach sein, populär und nicht vulgär. Dazu eine schlichte Geschichte, nicht kompliziert – eine Reflexion des Lebens.

Mehrere Texte stammen aus ihrer Feder, zum Beispiel «La vie en rose» (1946), einer ihrer berühmtesten und meist gecoverten Songs.

Chansons als Teil der Liebe

Für Édith Piaf gibt es nur zwei Dinge in ihrem Leben: die Liebe und ihre Chansons. «Meine Chansons sind Teil dieser Liebe», bekennt die Künstlerin. Zahlreiche junge Talente macht sie zu ihren Liebhabern und formt sie zu berühmten Sängern oder Komponisten – darunter Charles Aznavour, Yves Montand oder Georges Moustaki. Ihre Liaisons halten jedoch nie lange.

Auch ihre ganz grosse Liebe dauert nur zwei Jahre und endet tragisch. In New York lernt sie den Boxweltmeister Marcel Cerdan kennen. Ein flüchtiges Glück ohne Zukunft, denn Cerdan hat Frau und Kinder in Marokko, die er trotz der heftigen Affäre mit Piaf nicht zu verlassen gedenkt. 

Der tragische Tod des Champions bricht ihr das Herz. Er stirbt am 28. Oktober 1949 bei einem Flugzeugabsturz auf dem Weg zu ihr nach New York. Trotzdem steht Piaf am Abend im Nachtclub «Versailles» auf der Bühne. Ihre «Hymne à l’amour», die sie ein paar Wochen zuvor geschrieben und am gleichen Ort zum ersten Mal live vorgetragen hat, klingt als sei das Lied allein für diesen Moment gedacht gewesen.

1950 nimmt Édith Piaf den für die Sängerin Yvette Giraud vorgesehenen Song selbst im Studio auf. Im gleichen Jahr erscheint «Hymne à l’amour» als Single. Wie viele andere Chansons der Sängerin stammt die Musik von der Komponistin Marguerite Monnot, inspiriert von der Klassik, in diesem Fall von Robert Schumanns «Frühlingsnacht».

«Hymne à l’amour»:

Le ciel bleu sur nous peut s’effondrer
Et la Terre peut bien s’écrouler
Peu m’importe si tu m’aimes
Je me fous du monde entier

Der blaue Himmel über uns kann einstürzen,
Und die Erde unter uns zusammenbrechen,
Was macht das, wenn Du mich liebst,
Mir wäre die ganze Welt egal.

Tant qu’l’amour innondera mes matins
Tant qu’mon corps frémira sous tes mains
Peu m’importe les problèmes
Mon amour, puisque tu m’aimes


Solange die Liebe am frühen Morgen meine Tage durchflutet,
Solange mein Körper unter deinen Händen zittert,
Alle Probleme wären für mich egal
Mein Geliebter, weil du mich liebst

J’irais décrocher la Lune
J’irais voler la fortune
Si tu me le demandais

Ich würde für dich die Sterne vom Himmel holen
Ich würde das Glück stehlen
Wenn du es von mir verlangst

Im 2003 erschienenen Sammelband «Moi pour toi: lettres d’amour» sind 43 unveröffentlichte Briefwechsel zwischen Édith Piaf und Marcel Cerdan in der Zeit von Mai bis September 1949 zusammengefasst. Der Schriftauszug «Für das Glück, glaub mir, würde ich alles für dich tun. Ich würde dich lieben, egal wie, sogar als Mörder. Oh, ja ich bin fähig, wenn du eines Tages Scherereien hast, sie ganz mit dir zu teilen. Ich würde alles für dich verlassen, ich würde alles für dich verleugnen, ich würde alles Unmögliche für dich tun, in einem Wort: Ich würde alles, absolut alles für dich tun», gleicht ganz besonders den anschliessenden Zeilen des Liedes:

Je renierais ma patrie
Je renierais mes amis
Si tu me le demandais
On peut bien rire de moi
Je ferais n’importe quoi
Si tu me le demandais

Ich würde meine Heimat verleugnen
Ich würde meine Freunde verleugnen
Wenn Du es von mir verlangst
Man kann ruhig über mich lachen
Ich würde alles machen
Wenn Du es von mir verlangst

Si un jour, la vie t’arrache à moi
Si tu meurs, que tu sois loin de moi
Peu m’importe si tu m’aimes
Car moi je mourrais aussi

Wenn eines Tages das Leben Dich mir entreisst,
wenn Du fern von mir stirbst,
macht das nichts, wenn Du mich liebst,
denn ich, ich werde dann auch sterben.

Nach dem Tod treffen sich die beiden im Paradies und sind für immer vereint:

Nous aurons pour nous l’éternité
Dans le bleu de toute l’immensité

Wir werden die Ewigkeit für uns haben,
im Blau der Unendlichkeit

Édith Piafs «Hymne à l’amour» ist in Frankreich auch heute noch das beliebteste Liebeslied, vor «Ne me quitte pas» von Jacques Brel und «La maladie d’amour» von Michel Sardou.

1960 erscheint ihr weltweit berühmtestes Chanson: «Non, je ne regrette rien», eine Art trotzige Hymne an das Leben.

Am 10. Oktober 1963 stirbt «Der Spatz von Paris» mit 47 Jahren, abgemagert, ausgezehrt und gezeichnet von jahrzehntelangem Alkohol-, Tabletten- und Morphiummissbrauch, von Entzügen und Rückfällen.


Urs Musfeld alias Musi

Portrait von Urs Musfeld

© Claudia Herzog

Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.

Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/

Schwerpunkt «Liebe ist…»

Zwei rote Herzen, handgemalt

Im Juni geben wir uns ganz der Liebe hin: Welches sind die Traumpaare im Garten, wie diskutieren Jung und Alt über die Liebe, wohin führt der Liebesweg und was genau ist eine Surrogatpartnerschaft…? Das und vieles mehr finden Sie auf zeitlupe.ch/liebe-ist

Beitrag vom 21.06.2022

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