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«(Ich brauch›) Tapetenwechsel» von Hildegard Knef Songs und ihre Geschichten

Während ihrer jahrzehntelangen internationalen Karriere suchte Hildegard Knef immer wieder neue Herausforderungen, wandelte sich erfolgreich von der Schauspielerin zur Sängerin und Autorin. Sie kämpfte mit Rückschlägen, verstand es, sich selbst zu inszenieren. Ein Leben der Extreme, privat und beruflich: «Ich will alles oder nichts».

Von Urs Musfeld

1925 in Ulm geboren, zieht Hildegard Knef schon ein Jahr später, nach dem Tod ihres Vaters, mit der Mutter nach Berlin. Als 15-Jährige startet sie ihre Schauspielkarriere, erst im Film des nationalsozialistischen Deutschlands, dann auf den Theaterbühnen und den Leinwänden des Nachkriegsdeutschlands («Die Mörder sind unter uns» /1946, «Die Sünderin»/1951). Ein Weg, der sie bis nach Hollywood und New York führt.

Ihr Auftritt am Broadway im Cole Porter Musical «Silk Stockings» und die Plattenaufnahme des Stücks verhelfen Hildegard Knef zur zweiten Karriere als Sängerin. Jazz, Blues und Chanson prägen sie. Die dunkle Stimme, die Kunst der lasziven Verlangsamung: Die Knef beherrscht jenes Flair direkter Körperlichkeit, aus dem das Chanson seine Wirkung bezieht. Sie sucht sich kongeniale Komponisten und Arrangeure, die sich musikalisch an französischen, italienischen und amerikanischen Massstäben orientieren. So entstehen Sehnsuchtsmelodien voller Grandezza, Schwermut und Glanz.

Zurück in Deutschland feiert Hildegard Knef mit Singles wie «Aber schön war es doch» (1962) und «Eins und eins, das macht zwei» (1963) bereits erste Hitparaden-Erfolge. Im Lied «Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen» besingt sie 1966 die ambivalente Schönheit ihrer Heimatstadt. 

Federleichte Lieder

Im gleichen Jahr läutet Hildegard Knef mit dem Album «Ich seh die Welt durch deine Augen» die produktivste Phase ihrer Musikkarriere ein. Erstmals textet sie nun selbst. Sie stattet den Alltag mit Poesie, einer Prise Weltschmerz und trockenem Humor aus. Die LP «Halt mich fest» begründet 1967 ihre Zusammenarbeit mit dem österreichischen Komponisten und Arrangeur Hans Hammerschmid. Im Stück «Von nun an ging`s bergab» resümiert die damals 41-jährige Sängerin zu swingender Barmusik ihre wechselvolle Karriere selbstironisch und lakonisch im Ton als absehbaren Abwärtsstrudel. 

In Knefs grösstem Hit «Für mich soll`s rote Rosen regnen» (1968) ist das Ich wichtig, das hier für sich nicht nur Rosen einfordert, sondern gleich sämtliche Wunder für sich in Anspruch nimmt, dauerhafte Liebe erwartet und lebenslanges Glück: «Ich will, will alles oder nichts». Hier spricht der Übermut der Jugend, aber auch Trotz, sich selbst im Alter noch etwas von dieser Absicht zu bewahren.

Ihr ganzes Potenzial entfaltet sich aber erst 1970 auf dem Album «KNEF», als sich das Duo Knef/ Hammerschmid für Einflüsse aus Jazz, Folk, Pop und Psychedelic-Rock öffnet. Knef singt über die Vereinsamung («80. Stockwerk»), führt die menschliche Sinnfrage ad absurdum («Schwertfisch»), wirft einen ironischen Blick auf die Liebe («Liebe auf den hundertsten Blick»), schaut aus der Säuglingsperspektive auf die Welt («Mein Zeitbegriff») oder erinnert sich wehmütig an vergangene Zeiten wie in «Elvira O» oder «(Ich brauch`) Tapetenwechsel»:

Ich brauch Tapetenwechsel, sprach die Birke
Und macht’ sich in der Dämmerung auf den Weg

Ganz trocken und lapidar, begleitet nur von ein wenig Gitarren-Swing, trägt Hildegard Knef dieses Lied vor. Völlig absurd die Geschichte, wie selbstverständlich die Begründung:

Ich brauche frischen Wind um meine Krone
Ich will nicht mehr in Reih und Glied
In eurem Haine stehen, die gleiche Wiese sehen
Die Sonne links am Morgen, abends rechts

Anfänglich denkt man als Hörer*in an eine Metapher für eine grosse Befreiung, passend zur Aufbruchstimmung jener Jahre. Doch nach allerlei absurden Begegnungen 

Und auf dem Flugplatz war sie ernsthaft in Gefahr
Zwei Doggen folgten ihr um Astes Breite
Und kurz nach zwölf traf sie ein Buchenpaar

landet die Wanderbirke nach ihrem mentalen Höhenflug als Möbelstück:

Des Försters Beil traf sie im Morgenschimmer
Gleich an der Schranke, als der D-Zug kam
Und als Kommode dachte sie noch immer
Wie schön es doch im Birkenhaine war

Hildegard Knef ist eine Meisterin der bittersüssen Melancholie. Sie versteht es, einen doppelten Boden in ihre Verse einzuziehen. Es geht immer um das wirkliche Leben als Desaster, verpackt in federleichte Lieder.

Egal ob Hildegard Knef ein Interview gibt oder ein Chanson singt, der Klang ihrer Stimme allein ist schon so etwas wie Lebenseinstellung und Weltsicht. Spröde, durchaus sensibel, aber voller Selbstbewusstsein und ironischem Witz. Auch als Autorin macht sie sich einen Namen. Ihr 1970 erschienener autobiografischer Roman «Der geschenkte Gaul» verkauft sich mehrere Millionen Mal.

Knef bleibt risikofreudig, modern, widersprüchlich, eine Mutige, die sich viel zumutet. 1999 nimmt sie mit 74 das letzte Album auf. Der damals 28-jährige Trompeter Till Brönner ist ihr Produzent.

Begleitet wird ihre Karriere über Jahrzehnte von einem Krebsleiden, von dem sie sich nie richtig erholt. 2002 stirbt Hildegard Knef im Alter von 76 Jahren an den Folgen ihres chronischen Lungenleidens.


Urs Musfeld alias Musi

Portrait von Urs Musfeld

© Claudia Herzog

Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.

Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/

Beitrag vom 26.01.2022

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