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«Heart of glass» von Blondie Songs und ihre Geschichten

Den Gegensatz von Punk und Disco vereinend, visionär bereits in Richtung zu Rap und New Wave überleitend, besetzten Blondie wie keine andere Band die Schnittstelle zwischen den späten 1970er- und 1980er-Jahren. Ihr Motor war Debbie Harrie, eine Ikone.

Von Urs Musfeld

Wasserstoffblonde Haare, rot geschminkte Lippen und sehr selbstbewusst – so blickt Debbie Harry auf Andy Warhols Siebdruck-Porträt von 1980 den Betrachtenden entgegen. Geboren wird sie am 1. Juli 1945 in Miami und wächst bei Adoptiveltern in New Jersey auf. Mit 19 zieht sie nach New York.

Dort jobbt sie unter anderem als Tänzerin und Bunny-Kellnerin in einem Playboy-Restaurant. In angesagten Bars und Nachtclubs wie Max’s Kansas City oder dem berühmten Punk-Club CBGB findet sie schnell Anschluss an die Kunst- und Musikszene. Harry ist in beiden Welten zu Hause.

New York, die 1970er Jahre und Punk – das sind wichtige Eckpunkte für das Leben und die Karriere von Debbie Harry. Vor allem die Haltung hinter Punk ist entscheidend: Alles nicht so ernst nehmen. Traditionen anzweifeln, Konventionen hinter sich lassen. «Musikalisch setzte Punk sich aber zumindest in New York aus vielen Bands mit vielen Sounds zusammen, die sich zusammen gegen den langweiligen Rock mit seinen ausufernden Soli auflehnten. Erst über die Jahre wurde Punkrock simpler, einheitlicher», erklärt Harry in einem Interview.

Bevor Harry mit dem Gitarristen Chris Stein – mit dem sie 15 Jahre ein Paar bildet – 1974 Blondie gründet, hat sie schon in mehreren Bandkonstellationen gesungen. 1976 erscheint das Debut-Album «Blondie». Schon von Beginn an sind Blondie melodienbetont und experimentierfreudig. Sie leisten sich ein unverblümtes Bekenntnis zum Pop ohne die Anbiederung an den möglichen Erfolg.

Debbie Harry singt nicht nur, sie sorgt für die Show und schreibt auch an den Songs mit: «Ich habe allerdings erst im Lauf der Jahre begriffen, wie Blondie funktioniert – wir schreiben diese schönen, musikalisch interessanten Popmelodien, doch was wir sagen, ist Punk».

Karriere in einem Macho-Umfeld

Debbie Harry hat mit ihrer Energie, mit ihrer Lust an der Selbstinszenierung und der Selbstvermarktung ziemlich überzeugend vorgemacht, wie eine selbstbestimmte Karriere als Frau im Pop aussehen kann. Sie verkörpert den wasserstoffblonden Archetypen der Marilyn Monroe. «Meine Rolle war die einer extrem femininen Frontfrau in einer männlichen Rockband in einem klaren Macho-Umfeld», erzählt Harry in ihrer 2019 erschienenen Biografie «Face it». «Dieser vom Kino geprägte weibliche Glamour war noch nie von der Leitfigur einer Rockband verkörpert worden. Ich fühlte mich Filmstars immer sehr verbunden».

Die dritte LP «Parallel Lines» (1978) zeigt die ganze Bandbreite von Blondie. Mit dem rockigen «Hanging on the telephone» oder dem Sonnenscheinpop von «Sunday girl». Es geht darum, in jedem Stil zu überzeugen und dabei die Genregrenzen einzureissen. Beispielsweise mit «Heart of glass». In der Punk-Szene ist Disco zu jener Zeit das Uncoolste überhaupt, doch genau darum wollen sie diesen Song veröffentlichen. 

Spätestens mit dem Erfolg des Films «Saturday Night Fever» und des dazugehörenden Soundtracks Ende 1977 ist Disco in der breiten Masse angekommen. Der neue Produzent Mike Chapman, ein Mann mit Instinkt für radiotaugliche Hits, sucht für «Parallel Lines» noch ein besonderes Stück. Harry und Stein holen den «The disco song», wie «Heart of glass» ursprünglich heisst, aus ihrem Archiv. Die Band unterlegt das Ganze mit einem Disco-Beat, sowie diversen Synthesizer-Klängen. 

Der Text des Songs stellt das traditionelle Liebeskummerthema auf den Kopf:

Once I had a love and it was a gas
Soon turned out had a heart of glass
Seemed like the real thing, only to find
Mucho mistrust, love’s gone behind

Ich hatte einmal eine grosse Liebe – das war der Hammer
Aber bald stellte sich heraus, dass mein Herz zerbrechlich wie Glas war.
Anfangs fühlte sich alles super an, aber dann erwachte das Misstrauen,

und die Liebe blieb auf der Strecke.

Lost inside
Adorable illusion and I cannot hide
I’m the one you’re using, please don’t push me aside
We coulda made it cruising, yeah

Innerlich verloren
Wundervolle Illusionen

und ich kann sie nicht verleugnen.
Ich bin diejenige, die du benutzt, bitte schieb mich nicht zur Seite
Wir hätten es schaffen können, yeah
.

Debbie Harry bedauert, dass junge Sängerinnen in ihren Liedern bezüglich Liebesdingen oft die Opferrolle einnehmen. Also sagt sie: es gibt viele junge Frauen, die davonlaufen:

Once I had a love and it was a gas
Soon turned out to be a pain in the ass
Seemed like the real thing only to find
Mucho mistrust, love’s gone behind

Ich hatte einmal eine grosse Liebe – der absolute Wahnsinn!
Aber dann stellte sich heraus, es war völlig schrecklich
Schien die wahre Liebe zu sein, doch was ich fand war unglaubliches Misstrauen,

hinter der die Liebe verschwand.

Im letzten Refrain schlägt Harry eine andere Richtung ein und singt «Soon turned out to be a pain in the ass» – die Schlüsselzeile des Songs, seit die Protagonistin realisiert hat, dass diese Beziehung den Ärger nicht wert ist und ihr «Heart of glass» dauerhafter sein könnte, als sie gedacht hat.

Unglücklicherweise ist das amerikanische Radio zu jener Zeit im Allgemeinen «ass-frei». Um sicherzugehen wird den Radiostationen eine überarbeitete Version zugestellt. Die betreffende Zeile wird ersetzt durch «Soon turned out I had a heart of glass.»

«Heart of glass» wird 1979 als Single-Auskopplung zum Riesenerfolg: Nummer eins in den USA, Grossbritannien, Deutschland, Österreich und der Schweiz. Es folgen weitere Hits wie «Sunday girl» (1979), «Call me» (1980) und «Atomic» (1980). Ebenfalls 1980 erobern Blondie mit dem Reggaestück «The tide is high» die Charts und mit «Rapture» haben sie 1981 als erste einen Rap-Song an der Spitze der US-Hitparaden.

Nachdem sich Blondie 1982 vorläufig auflösen, feiert Harry als Solokünstlerin Erfolge. Gleichzeitig widmet sich die Künstlerin ihrer Schauspielkarriere. 1997 gelingt Blondie ein Comeback mit dem Album «No Exit» und dem Hit «Maria». Nach drei weiteren erscheint 2017 ihr elftes und bisher letztes.


Urs Musfeld alias Musi

Portrait von Urs Musfeld

© Claudia Herzog

Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.

Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/

Beitrag vom 19.03.2022

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