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Die Götter des Rock-Minimalismus

Nach den letzten Nachrichten über die australische Rockband AC/DC musste man sich ernsthaft Sorgen machen. Das neue Album «Power Up» beweist zum Glück das Gegenteil.

Von Marc Bodmer

Ein Schock ging durch die grosse Fan-Gemeinschaft der australischen Rockband AC/DC, als im November 2017 Malcom Young, Rhythmusgitarrist und älterer Bruder von Angus Young, an den Folgen einer langjährigen Demenz starb. Wenige Wochen zuvor war der älteste Bruder George gestorben. Es muss ein grauenhaftes Jahr für Angus Young gewesen sein. Die Zweifel waren gross, dass sich die berühmteste Band Australiens noch einmal zusammenrafft.

Die Hard-Rock-Formation AC/DC wurde 1973 von den in Schottland geborenen Brüdern Angus und Malcom Young gegründet. Während Angus in seiner Schuluniform die Lead-Gitarre auf Teufel komm raus spielte und die Blicke auf sich zog, lieferte sein jüngerer Bruder auf der Rhythmusgitarre die treibende Komponente und die Struktur von manchen Hits wie «Dirty Deeds Done Dirt Cheap» oder «What Do You Do for Money Honey». George agierte mehr im Hintergrund.

Bereits 2014 hiess es, dass die Band sich auflösen würde, weil Malcom aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr dabei sein konnte. Die Gerüchteküche brodelte förmlich über, doch AC/DC spielten das legendäre Album «Rock or Bust» ein – zusammen mit Malcoms Neffe Stevie Young. Die anschliessende Welt-Tournee zeigte definitiv, dass von einem Ende keine Rede sein konnte.

Schicksalsschläge und Skandale

Doch nach 2016 tauchte die Band ab. Mit dem Tod von Malcom, den Hörproblemen von Sänger Brian Johnson (Der Gehörverlust sei auf seine Liebe zum Autorennsport und nicht die 36 Jahre mit AC/DC zurückzuführen, sagte Johnson in einem Interview) und den Drogenproblemen von Schlagzeuger Phil Rudd, die weitere Tourneen verunmöglichte, stand die Zukunft der Hardrocker einmal mehr sehr infrage. Es half auch nicht, dass Sänger Johnson vom winselnden Axl W. Rose, vormals «Guns n› Roses», auf den verbleibenden Tourneedaten «ersetzt» wurde.

In Anbetracht all dieser Schicksalsschläge und Skandale kochten einmal mehr Spekulationen hoch über die Zukunft von AC/DC oder ob nun endgültig der Stecker gezogen wurde. Diese erreichten am 28. September 2020 den Höhepunkt, als auf den sozialen Netzwerken ein kurzes Video mit einer roten Neon-Leuchtschrift des Band-Logos auftauchte. Zwei Tage später wurde bestätigt, dass die Formation, die das Album «Rock or Bust» eingespielt hatte, wieder zusammengefunden hatte – trotz aller Unwegsamkeiten. Das Resultat heisst «Power Up», das 17. Album von AC/DC.

Und es klingt – wie die Vorgänger. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn der «Architekt und musikalische Anker» (Chris von Rohr) Malcom Young fehlte. Doch die «klassischen Tugenden des Rock’n’Roll», wie es Angus Young einmal in einem Interview mit der Weltwoche festhielt, sind von den anderen Mitgliedern so verinnerlicht, dass sie wohl nicht anders können, und Angus hatte noch zig halbfertige Songs und Riffs auf Lager, die er zusammen mit Malcom ausgetüftelt hatte. «Power Up» reiht sich nahtlos in die Albumgeschichte von AC/DC, die von Selbstreferenzierungen nur so strotzt. Selbst die Titel ähneln sich. Hiess auf «Rock or Bust» noch «Baptism by Fire» (Feuertaufe), so haben wir nun «Demon Fire» (Teufelsfeuer) und auch die schlüpfrigen Zweideutigkeiten fehlen nicht. Dafür ist «Money Shot» da.

Die Erwartungen erfüllen

Was nach harscher Kritik klingen mag, ist eine Respektbezeugung. AC/DC verstehen sich seit bald 50 Jahren darauf, zwei, drei Song-Grundschemen so zu variieren, dass sie mit ihren knackigen Gitarrenriffs, den geradlinigen Rhythmen, die mitziehen, und dem Gesang, der gelegentlich den Charme einer Kreissäge versprüht, immer wieder aufs Neue begeistern – obschon alles beim Alten bleibt.

Wenn in «Code Red» Bass und Gitarre die Akzente in den Läufen synchron setzen, dann ist Präzision gefordert. Da gibt es keinen Raum für Fehler. Zu rudimentär ist der Aufbau. Das Gleiche gilt für den stärksten Song des Albums «Kick you when you’re down», der der berechtigten Frage nachgeht, warum nach Leuten getreten wird, wenn sie bereits am Boden liegen. Geradezu amüsant nimmt sich dagegen «Wild Reputation» aus, in dem der 73-jährige Sänger Brian Johnson freie Bahn einfordert, wenn er die Hauptstrasse herunterschreitet.

Ob man AC/DC ernst nehmen will oder nicht, ist allen natürlich freigestellt. Eines ist aber sicher: dass es keine zweite Band auf der Welt gibt (nicht einmal die Rolling Stones), die den Rock-Minimalismus so perfekt beherrschen und mit jedem Album die Erwartungen der Fans erfüllen – und dies seit bald 50 Jahren.

AC/DC, «Power Up» hören und herunterladen

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