«Gesund altern: Eine Betrachtung» Von Nora Dubach

Auch wenn meine äussere Hülle, inzwischen sechsundsiebzigjährig, schon ein wenig ramponiert ist und die Spuren des Alters sich nicht mehr wegwischen lassen, soll mir mein jugendliches Ich die Fesseln lockern, die ich mir im Laufe der letzten Monate enger anzogen habe. Warum nicht einmal das Innere nach aussen stülpen oder das Äussere nach innen?

Meine Freundin Hilde und ich geniessen den herrlichen Sommertag im Strandbad. Ölig glänzend liegen wir auf einem Badetuch, cremen die letzten faltenfreien Stellen unseres nicht mehr so prallen Körpers ein. Das Sonnenöl wird als Anti-Aging angepriesen. Kritisch fällt der Blick auf uns herunter und auf andere Badegäste mittleren Alters. Wir stellen Vergleiche zu unseren Körpern an. Ich frage Hilde, wie sie die ersten Zeichen vom Altern wahrgenommen hat.

«Während eines Tennisspiels, ich war so um die sechzig Jahre alt», antwortet sie: «Ich trug damals Shorts und schaute nach einem Stoppball auf meine Oberschenkel. Sie hatten wie Wackelpudding ausgesehen. Ich war dermassen geschockt. Seitdem trage ich beim Sport nur noch lange Hosen.»

«Auch ich wurde nicht mit einschneidenden Hinweisen verschont. So ein Altersschub kommt über Nacht, lautlos und unangemeldet. Eine Unverschämtheit ist das. Die Anzeichen machen sich schleichend und vernichtend bemerkbar. Etwa alle zehn Jahre kommt so ein massiver Schub.» Lachend erzählt Hilde: «Nach dem Duschen während des Abtrocknens der Beine fiel rein zufällig mein Blick auf meine Oberarme. Ein Schock durchfuhr mich. Nein, diese schlaffen Oberarme gehörten nicht zu mir. Das war letzte Woche noch nicht so, hundert Prozent! Dieser Augenblick der Wahrnehmung liess mich in einen Abgrund fallen.»

Was bringt mir der Sport, wenn er dem Körper Wasser entzieht und ihn schrumpelig macht», dachte ich missmutig. «Dabei trinke ich doch jeden Tag eineinhalb Liter Wasser.»

«Noch viel bedeutsamer war für mich Folgendes: Als ich während eines Städtetrips mit einer Freundin in einem Hotel vor dem Schlafengehen das Licht ausknipste, bemerkte ich, dass ein Spiegel anstelle einer Glasplatte als Nachttischabdeckung montiert war. Beim Bedienen des Schalters packte mich das Grauen. Eine Greisin schaute mich von unten her an. Alles hing schlaff und faltig herunter. Innerhalb eines Wimpernschlags sah ich der nackten Wahrheit ungeschönt ins Gesicht. Dieses Erlebnis zerstörte mein schon angeknackstes Selbstwertgefühl.

Ab sofort würde ich nur noch hoch erhobenen Hauptes gehen und mich fotografieren lassen. Es verhindert, dass man ein Doppelkinn bekommt, zudem erzeugt es eine aufrechte, schöne Haltung. Kritisch stand ich am nächsten Morgen vor dem Spiegel, zog die Schultern zurück, machte einen Schwanenhals, lächelte mich an.

Die Erkenntnis, plötzlich alt zu sein, löste bei mir zunächst eine grosse Gefühlsregung aus. «Das musste ich erst einmal verdauen», sagte ich lachend zu Hilde.

Heute, mit sechsundsiebzig Jahren, kann ich darüber schmunzeln. Hilde und ich stupsen uns an, bekommen einen Lachanfall. Gesundheit und Freundschaften sind das höchste Gut. Sie haben einen weit höheren Wert als nur Schönheit allein.

Hilde räuspert sich und erzählt: «Mir erging es ähnlich. Ein paar Tage nach meinem siebzigsten Geburtstag machte ich an einem grauen Novembertag einen Einkaufsbummel. Gut gelaunt lief ich zum Kaufhaus. Jedoch machte der Blick in den grossen Aussenspiegel neben dem Eingang meine gute Laune zunichte. Mehr noch: Er liess den Himmel einstürzen. Mir gegenüber stand eine fremde Person. Genau wie bei dir sah mich eine Greisin an. Das fahle Licht liess die Falten deutlicher erkennen. Ich wurde plötzlich unsäglich traurig.

Doch dann riss ich mich zusammen, warum sollten mich die Falten in ein Unglück stürzen und meine Hände zum Alkohol greifen lassen. Ich verbannte Depression und Krankheit in meinem Kopf, sie nimmt mir die Energie für meine noch kurze Lebenszeit, und die muss ich für Freundschaften nutzen. Danach verliess ich selbstbewusst das Kaufhaus und trank in einer gemütlichen Bar am See einen Prosecco, und mein Tag und dieser Moment konnten schöner nicht sein.

«Ja!», sagen Hilde und ich: «Das Leben geht an niemandem spurlos vorbei. ‹Du bist nicht allein›», singen wir.

Langsam drehen wir uns auf den Bauch, lassen unseren Rücken von der Sonne bescheinen. Wir sind uns einig, dass wir für das Gelingen für den Rest unseres Lebens allein verantwortlich sind. Gottlob sind es nur wenige enttäuschende Streiflichter. Wir nicken uns zustimmend zu, kommen zur Ansicht, dass man schnell alt wird, wenn man sich über das Altern zu viel Sorgen macht. Ohne Lachen und Humor bleibt man auf der Strecke. Auf ewige Jugend darf man nicht hoffen.

Wir geniessen unsere Freundschaft und versuchen, sie durch tägliches Spazierengehen, mässiges Sporttreiben, Mit-Freunden-am-See-Sitzen, lebendig zu halten. Wir trinken gerne einen Kaffee oder ein Glas Wein. Sind mit jungen Menschen zusammen, besuchen regelmässig Museen, Konzerte, Lesungen. Wir haben beide das Glück, in einem guten Umfeld zu leben; sind dankbar für das, was wir besitzen.

Erst kürzlich haben wir auf einem Sommerfest laut gesungen und ausgelassen getanzt, auch jenseits der siebzig. Es war ein vergnügter Anlass. Manchmal schleicht sich aber auch Wehmut ein, nicht mehr jung, ideenreich und voller Tatendrang zu sein. Doch ich danke dem Universum, noch nie ausser einer Erkältung krank gewesen zu sein.

Bevor wir mit etwas Mühe aufstehen, bekunden wir unsere Freundschaft mit einem «Give-me-Five», das macht man neuerdings so. Man schlägt leicht die rechte Hand auf die rechte Hand der anderen Person.

Wir ziehen unseren Bauch ein, wickeln ein grosses Tuch um unsere Hüften, begeben uns zum Strandcafé, bestellen zwei Cappuccinos. Auch im Alter sind wir noch eitel. Wir ernähren uns gesund, und doch dürfen ein Praliné und ein paar Guetzli nicht fehlen. Anschliessend geniessen wir noch ein Cornet.

An Demenz oder Altersdepression zu erkranken, schwirrt zwar ab und zu in unseren Köpfen herum. Die trüben Gedanken müssen wir dann aber ganz schnell verscheuchen. Ein lebenswertes Alter haben wir uns beide erarbeitet. Es braucht Disziplin und Freude am Leben. Immer wieder muss man die täglichen Herausforderungen annehmen. Oft braucht es mehrere Anläufe. Ausschlaggebend ist die seelische Gesundheit.

Heute nehmen wir mit über siebzig das Altern als einen normalen Prozess und nicht als Krankheit an. Alt zu werden, verbindet man leider allzu oft mit Schmerzen und Gebrechen. Wir pflegen unseren Geist und Körper wie einen blühenden Garten, an dem wir uns erfreuen, nicht ohne ihn zu giessen und zu düngen. Auch wir alten Semester brauchen noch viel Wasser und geistige Nahrung. Selbstironie und Humor helfen uns, lachend über manche Hürden zu springen. Zwei Treppen in einem Satz hinunterspringen, das lassen wir bleiben, wir benutzen den Handlauf, um nicht zu stürzen.

Das Gute am Alter, finden wir, ist ja, dass man nicht mehr von der Sammelwut befallen wird, man trennt sich schneller von unnötigem Ballast, konzentriert sich auf das Wesentliche.

Die Sache mit dem Sich-im-Spiegel-Anlächeln klappt nicht immer. Zufriedenheit mildert die Falten. Wir schauen nicht mehr so häufig in den Spiegel; wenn, dann nur aufrechtstehend mit hochgezogenen Mundwinkeln. Den Spiegel vor dem Kaufhof ignorieren wir konsequent. Mit meinen Freunden erlebe ich Augenblicke vollkommenen Glücks. Das Erlebte als nie wiederkehrend aufzusaugen. Es reiht sich als Perlenkette strahlend aneinander, sei es ein Lachen oder eine Umarmung.

Habgier und Neid sind bei mir von der Festplatte gelöscht. Heute freue ich mich über immaterielle Dinge, ich geniesse den Augenblick, habe noch viele verrückte Träume und Wünsche. Ich lasse mich vom Leben gerne überraschen.

Durch unsere gemeinsamen Reisen habe ich mit dem Schreiben und Malen begonnen. Meine literarischen Ergüsse lese ich Hilde vor, um zu prüfen, ob sie gut ankommen. Zu Beginn waren es nur Notizen und Skizzen. Wieder zu Hause, erinnert man sich an die schönen Momente, kreiert aus den gespeicherten Erlebnissen Geschichten oder Gedichte. Jeder ältere Mensch hat eine spannende Geschichte zu erzählen.

Unser Motto lautet: Man ist nie zu alt, um neu zu beginnen; sich nie fragen, darf ich oder tut man das noch in deinem Alter. Jaaaaaaa, man darf!


Nora Dubach Künstlerin/Autorin. Seit 2003 fünf Bücher mit Lyrik und Kurzgeschichten. Mitglied in vier Schriflstellervereinen, vertreten in vielen Anthologien, drei Beteiligungen bei «Zürich liest».


«Voll im Wind»

Geschichten von A wie Altersheim bis Z wie Zwetschgenschnaps

Grossvater riecht nach Schnaps und Grossmutter lacht nicht mehr. Was ist passiert? «Älterwerden ist kein Spaziergang», erzählen Betroffene – und die Jüngeren nehmen es irritiert zur Kenntnis. Ruth und Fritz haben es doch schön in der Alterswohnung, und Trudi wird im Pflegeheim rund um die Uhr verwöhnt. Was ist daran so schlimm?

Es sind dies die Übergänge und Brüche; vermehrt gilt es, Abschied zu nehmen: vom Haus, vom Partner, vom Velofahren. Das Gehen verändert sich weg von der Selbstverständlichkeit hin zur Übung und Pflicht; das Autofahren ist ohnehin ein Tabu, so will‘s die Tochter. Ist es da so abwegig, den Kopf hängen zu lassen? Sich Pillen verschreiben zu lassen oder ein Glas über den Genuss hinaus zu trinken? Ja, es ist abwegig, weil es auf Abwege führt und nicht auf einen grünen Zweig.

22 Schweizer Autorinnen und Autoren erzählen Geschichten über ältere Menschen, denen der Wind derzeit mit voller Wucht entgegenbläst. Ein Anhang mit einfachen Infos und Tipps sowie weiterführenden Adressen bietet den nötigen Windschutz.

  • «Voll im Wind – Geschichten von A wie Altersheim bis Z wie Zwetschgenschnaps», Hrsg. Blaues Kreuz Schweiz, © 2020 by Blaukreuz-Verlag Bern, ISDN 978-3-85580-549-5
  • Cover-Illustration: Tom Künzli, TOMZ Cartoon & Illustration, Bern. Lektorat: Cristina Jensen, Blaukreuz-Verlag. Satz und Gestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld. Druck: Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg
  • Das Projekt wird vom Nationalen Alkoholpräventionsfonds finanziell unterstützt. Für Begleitpersonen stehen unter www.blaueskreuz.info/gesundheit-im-alter weitere Fachinformationen zu den Themen des Buches bereit.

Beitrag vom 13.03.2022

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