«Die sprechende Kastanie» Von Franz Hohler

Ein alter Mann lebte ganz allein in einem kleinen Haus. Er hiess Pietro, und seine Frau war schon lange tot. Kinder hatte er keine, und seine gleichaltrigen Freunde waren fast alle gestorben. Am liebsten sprach er von früher, aber niemand hörte ihm zu. Die meisten Leute sassen lieber vor dem Fernseher und schauten sich Kriege, Überschwemmungen und Vulkanausbrüche an. Aber ob der neue Pfarrer damals ins Dorf gekommen war, bevor der Schäfer Oreste gestorben war, oder erst danach, interessierte niemanden.

Einmal im Herbst hatte Pietro Kastanien gesammelt und wollte sie auf dem Kaminfeuer rösten. Bevor er sie in die Röstpfanne legte, schnitt er eine um die andere auf. «Bitte!» rief da eine Kastanie, die er in die Hand nahm, «schneid mich nicht auf, ich kann sprechen!» Verwundert liess Pietro sein Messer sinken und legte die Kastanie vor sich auf den Tisch. «Du kannst sprechen?» «Ja», sagte die Kastanie, «und ich weiss auch viele Geschichten von früher.»

«So, so», sagte der alte Mann, «dann weisst du vielleicht, dass der Hirtenhund des dicken Oreste einmal in den Bach gefallen ist.» «Sicher», sagte die Kastanie, «Oreste fuchtelte mit den Händen und sprang fast selbst in den Bach.» «Aber was ich mich schon lange gefragt habe», sagte Pietro, «warum ist er eigentlich in den Bach gefallen?» «Er war hinter der Katze von Tante Amadea her, die hatte aus seinem Trog gefressen.» «Richtig!» rief Pietro und musste lachen, «wie konnte ich das vergessen, diese Katze war doch das frechste Vieh im ganzen Dorf!»

«Ja», kicherte die Kastanie, «bei Orestes Leichenmahl hat sie dem Pfarrer die Forelle vom Teller gefressen!» «Ach ja», sagte Pietro, «aber sag mal, war das der alte oder der neue Pfarrer?» «Aber Pietro», antwortete die Kastanie, «der alte natürlich, der neue kam doch erst nachher ins Dorf.» «Eben», sagte Pietro, «eben, ich hab’s ja gewusst. Der neue Pfarrer kam erst nachher.»

Dann fragte er die Kastanie noch bis tief in die Nacht hinein nach Geschichten, die im Dorf passiert waren, und sie konnte ihm alle ganz genau erzählen und wusste auch manches, an das er sich nicht mehr erinnerte. Als ihn die Nachbarin, die ihm immer die Milch brachte, am nächsten Morgen fand, hatte er den Kopf auf den Tisch gelegt, sein Ohr ganz nah an einer Kastanie, und er sah sehr zufrieden aus.


Aus Franz Hohlers «Das grosse Buch», Hanser Verlag, 2009, hanser.de


«Voll im Wind»

Geschichten von A wie Altersheim bis Z wie Zwetschgenschnaps

Grossvater riecht nach Schnaps und Grossmutter lacht nicht mehr. Was ist passiert? «Älterwerden ist kein Spaziergang», erzählen Betroffene – und die Jüngeren nehmen es irritiert zur Kenntnis. Ruth und Fritz haben es doch schön in der Alterswohnung, und Trudi wird im Pflegeheim rund um die Uhr verwöhnt. Was ist daran so schlimm?

Es sind dies die Übergänge und Brüche; vermehrt gilt es, Abschied zu nehmen: vom Haus, vom Partner, vom Velofahren. Das Gehen verändert sich weg von der Selbstverständlichkeit hin zur Übung und Pflicht; das Autofahren ist ohnehin ein Tabu, so will‘s die Tochter. Ist es da so abwegig, den Kopf hängen zu lassen? Sich Pillen verschreiben zu lassen oder ein Glas über den Genuss hinaus zu trinken? Ja, es ist abwegig, weil es auf Abwege führt und nicht auf einen grünen Zweig.

22 Schweizer Autorinnen und Autoren erzählen Geschichten über ältere Menschen, denen der Wind derzeit mit voller Wucht entgegenbläst. Ein Anhang mit einfachen Infos und Tipps sowie weiterführenden Adressen bietet den nötigen Windschutz.

  • «Voll im Wind – Geschichten von A wie Altersheim bis Z wie Zwetschgenschnaps», Hrsg. Blaues Kreuz Schweiz, © 2020 by Blaukreuz-Verlag Bern, ISDN 978-3-85580-549-5
  • Cover-Illustration: Tom Künzli, TOMZ Cartoon & Illustration, Bern. Lektorat: Cristina Jensen, Blaukreuz-Verlag. Satz und Gestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld. Druck: Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg
  • Das Projekt wird vom Nationalen Alkoholpräventionsfonds finanziell unterstützt. Für Begleitpersonen stehen unter www.blaueskreuz.info/gesundheit-im-alter weitere Fachinformationen zu den Themen des Buches bereit.

Beitrag vom 23.01.2022

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