Die schönste Erinnerung Von Franz Hohler

«Und was ist denn, Frau Ehrenzeller, Ihre schönste Erinnerung?», fragte der Stadtpräsident die Hundertjährige mit jovialem Lächeln, nachdem sie sich mit Hilfe des Altersheimleiters im frisch geschenkten Lehnstuhl niedergelassen hatte.

«Wie bitte?», fragte die Jubilarin mit leicht vorgerecktem Kopf.
«Ihre schönste Erinnerung?» wiederholte der Stadtpräsident mit angehobener Stimme.
«Sie meinen …?» fragte Frau Ehrenzeller nochmals, indem sie ihre Hand an die Ohrmuschel hielt.
«Welches Ihre schönste Erinnerung ist!» schrien der Stadtpräsident und der Altersheimleiter fast gleichzeitig.

«Ach», sagte die alte Frau und lachte, «meine schönsten Erinnerungen sind eigentlich sexueller Natur
«Oh», sagte der Stadtpräsident und nickte, «warum auch nicht? Also dann, Frau –»
«Insbesondere», fuhr die Hundertjährige fort, «denke ich mit Genuss an die Zeit zurück, in der ich zwei Freunde gleichzeitig hatte.»
«Na», hüstelte der Stadtpräsident, «da kommen ja schöne Dinge aus, Frau –»

«Wir hatten», sagte die Gefeierte und lehnte sich mit halb geschlossenen Augen in den Sessel zurück, «wunderbare Dreier zusammen, zum Beispiel nahm mich der eine von hinten, während ich den anderen – »
«Frau Ehrenzeller, wir bringen Ihnen jetzt die Geburtstagstorte!», rief der Altersheimleiter beschwörend.
«Wissen Sie, das Gefühl, mit beiden Händen zuzugreifen und links und rechts neben sich einen Mann stöhnen zu hören, das möchte ich in meinem Leben keinesfalls missen. Oder habt ihr so etwas nie ausprobiert, ihr zwei Lausbuben?», fragte sie die beiden Hauptgratulanten fröhlich.

Aber als nun gross und sahnig eine Geburtstagstorte mit hundert Kerzen von zwei gertenschlanken jungen Zivilschützern auf einem Servierboy hereingeschoben wurde, hatten der Stadtpräsident und der Altersheimleiter bereits die Flucht ergriffen.


Aus Franz Hohlers «Die Karawane am Boden des Milchkrugs», Luchterhand Verlag, 2003


«Voll im Wind»

Geschichten von A wie Altersheim bis Z wie Zwetschgenschnaps

Grossvater riecht nach Schnaps und Grossmutter lacht nicht mehr. Was ist passiert? «Älterwerden ist kein Spaziergang», erzählen Betroffene – und die Jüngeren nehmen es irritiert zur Kenntnis. Ruth und Fritz haben es doch schön in der Alterswohnung, und Trudi wird im Pflegeheim rund um die Uhr verwöhnt. Was ist daran so schlimm?

Es sind dies die Übergänge und Brüche; vermehrt gilt es, Abschied zu nehmen: vom Haus, vom Partner, vom Velofahren. Das Gehen verändert sich weg von der Selbstverständlichkeit hin zur Übung und Pflicht; das Autofahren ist ohnehin ein Tabu, so will‘s die Tochter. Ist es da so abwegig, den Kopf hängen zu lassen? Sich Pillen verschreiben zu lassen oder ein Glas über den Genuss hinaus zu trinken? Ja, es ist abwegig, weil es auf Abwege führt und nicht auf einen grünen Zweig.

22 Schweizer Autorinnen und Autoren erzählen Geschichten über ältere Menschen, denen der Wind derzeit mit voller Wucht entgegenbläst. Ein Anhang mit einfachen Infos und Tipps sowie weiterführenden Adressen bietet den nötigen Windschutz.

  • «Voll im Wind – Geschichten von A wie Altersheim bis Z wie Zwetschgenschnaps», Hrsg. Blaues Kreuz Schweiz, © 2020 by Blaukreuz-Verlag Bern, ISDN 978-3-85580-549-5
  • Cover-Illustration: Tom Künzli, TOMZ Cartoon & Illustration, Bern. Lektorat: Cristina Jensen, Blaukreuz-Verlag. Satz und Gestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld. Druck: Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg
  • Das Projekt wird vom Nationalen Alkoholpräventionsfonds finanziell unterstützt. Für Begleitpersonen stehen unter www.blaueskreuz.info/gesundheit-im-alter weitere Fachinformationen zu den Themen des Buches bereit.

Schwerpunkt «Liebe ist…»

Zwei rote Herzen, handgemalt

Diesen Sommer steht in der Zeitlupe die Liebe im Zentrum: Welches sind Traumpaare im Garten, wie diskutieren Jung und Alt über die Liebe, wohin führt der Liebesweg und was genau ist eine Surrogatpartnerschaft? Das und vieles mehr finden Sie auf zeitlupe.ch/liebe-ist

Beitrag vom 26.06.2022

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