«Bittere Sirup» (2) Von Nina Hurni

I ha di ab denn immer mau wider gseh. D Mama het äuä gmerkt, dass si Sache nid eifach vor mir cha verstecke, wo haut o irgendwie zum Läbe ghöre. Dass si o nid eifach cha so tue, aus chöm si niene här, aus wär si immer scho elleini uf dere Wäut gsy, und aus wär ds genau guet eso, aus chängsi sowiso aues ging am beschte elleini und nume so.

Es isch schwiriger worde mit dr Mama, vo Jahr zu Jahr, si het ging aues müesse wüsse, ging Aasprüch gha a mi, wo n i fasch nid ha chönne erfüue, het ging wöue, dass i aues richtig mache, ging zwäg usgseh, nid z spät heicho, nid trinke, nid rouche, guet ir Schuu sy. Si het nid wöue verstah, dass i angeri Plän für myni Zuekunft ha gha u vor Kunschthochschuu ha träuimt, dass i o ha wöue mitgah, we di angere am Aabe usegöh, dass i o di Erfahrige ha wöue mache, wo zur Jugend drzue ghöre. Mir hei viu gstritte, es isch haut o nie süsch öpper ume gsy, immer nume mir zwöi bi üs deheime, so het me sech aube so richtig ufenang chönne yschiesse.

Mir isches denn aube so vorcho, aus ob du, mys Grosi, ds Läbe besser begriffe hättsch aus d Eliane, myni Mueter. Wüude aues nid so äng hesch gseh, aues chly lockerer hesch gno. I ha ds o ging so gseit,«weisch bir Johanna fägts aube viu meh», «du bisch eifach so verbitteret, kes Wunder, wott di kene ha», «m liebschte würd i uszieh und zum Grosi ga.» So Züg han i ar Eliane aube gseit.

Bis si einisch het gantwortet: «Auso guet, de gang doch.»

U de bin i auso ggange. 

«Ir einte Hang ä Sigerette und ir andere es Glas Campari, i male dyni Häng, fyn und läng, di laggierte Fingernegu, es het immer so stiuvou usgseh bi dir, aber i hätt mer aube so fescht gwünscht, di mau frei z erläbe, di mau aus di söuber z gseh und nid versteut vom Ruusch. I gloub, i ha di nie nüchtern gseh. Nume mau weniger und mau meh betrunke, mau ruhiger und mau hässig.»

Zittli lang isch super gsy. Mit hei nächtelang zäme gredet und trunke und groucht, und du hesch mi i so viune Sache besser verstande aus d Mama. Hesch gwüsst, dass me nüt vom Läbe het, we m es nume ganz gradlinig läbt. Und i ha ändlech am Wuchenänd lang wäg chänne, wen i ha wöue, ha nächtelang düretanzt, bis sech dr Himu u d Ärde hei dräit und ig mit ihne. 

Aber irgendwenn hei d Problem aagfange. I bi ging zspät i Gymer cho i dere Zyt, u ging mau wider mit eme Chopf so schwär wi ne Öutanker, mir isch ufgfaue, dass es scho lang ke Tag het ggä, wo n i nid ha trunke, wüu du haut immer es Glesli hesch gno und mir hesch ygschänkt, und meischtens sy’s de no meh worde. Mir isch immer meh ufgfaue, dass du o mängisch scho am Morge, wed es de mau usem Bett hesch gschafft, bisch am Chüuschrank gstande und hesch schnöu d Fläsche la verschwinde, wen i drzue bi cho. Mängisch bisch gar nid ufgstande. U ging dräckigs Gschiir überau, ging dä Sigeretterouch ir Wonig, u mä het müesse Glück ha, we me öppis no nid vergammlets im Chüuschrank het gfunde. 

«Nei merci.» 

«Was, wosch nid?» 

«Nei grad nid, danke.» 

Aukoholikerin, ds Wort het sech i mym Chopf zämegsetzt und isch dert bblibe hange. Es isch immer schwerer worde. 

«Jo», ha n i gseit, so han i se denn aube gnennt, gits eigentlech nie ä Tag, wo du nid trinksch? Meinsch nid, du trinksch z viu?»

«Was äch.» Du hesch ä Hangbewegig gmacht, aus würd a irgend ä läschtigi Flöige oder ä Gedanke, wo de nid z fescht wosch drüber nachedänke. U du hesch dir es guets Glas ygschänkt. 

«Was wosch mi itz no cho umerzieh. Du weisch doch gar nüt. Lue, für di isch klar, du chasch i Gymer, du chasch ga studiere, du chasch usegah i churze Hose, du chasch nach em Usgang mit em einte heigah und am nächschte Wuchenänd mitemne andere. Du hesch ke Ahnig, wi ds isch, we me ds aues nid cha, nid het chönne u aber glych okes Huscheli het wöue wärde. We me ds Läbe wott liecht aagah, de muesme sech z häuffe wüsse.»

«Ds isch nid zum Überläbe, ds isch zum Umbringe.» I ha re ihres Glas wäggnoh, es isch plötzlech eifach so passiert. Si het d Fläsche, ä biuige Rote, gschnappet, chly zschnäu, wi imene Spiili, aber si het se irgendwie nume so haub verwütscht und d Fläsche isch a Bode gheit u dert i tuusig Schärbi vertütscht. 

«Scheisse, Scheisse, Scheisse», hesch gfluechet, und bisch abegrüppelet, aus ob de dr Wy möchtisch zämewüsche mit de Händ. I ha no gschroue «Nei», aber es isch scho z spät gsy, d Häng vou Rote und Bluet, du hesch no meh Schlämperlige vo der glah. 

«Spinnsch eigentlech», hesch mi aagfahre, u bisch id Chuchi, hesch dr Chüuschrank uftah, aber dr anger Schnaps isch äuä gd denn per Zuefau o läär gsy. 

Nach däm Aabe bin i wider uszoge bi dir. Du bisch mer richtig unheimlech gsy denn, hässig wi ne Furie, verlore ohni dyni Fläsche. Ä Zit tlang han i ds Gfüu gha, du giengsch ufmi los, mit dyne verschnittene Häng, aber plötzlech isch dWuet irgendwie wäg gsy, i ha di ufe Notfau bbracht, mitem Bös, läck, was isch das äch für nes Biud gsy. När bin i zu dir hei, ha mis Züg packt u bi dür d Nacht tschaupet. I ha ggrännet denn, i bi dürenang gsy wi vorhär säute i mym Läbe. I ha ddänkt, du heigisch das, wo mir a myre Mama het gfäut, ds Läbige, ds Luschtige, ds Liebevoue. Aber äuä het dir o viu gfäut, was myni Mama drfür het gha. I han e WG gfunde gly drufabe, u di han i ging wider troffe wi ne gueti Fründin, wo me nach emene Stritt gly verzeiht. 

I luege ds Biud aa, i gloub es isch fertig itze. Mä gsehts fasch nid, aber du lächlisch druffe, es verschmitzts, meitschihafts Lächle, wo nid zur Schwääri vo auem angere uf däm Biud passt. I lächle zrügg, hänke ds Biud a d Wang und zieh myni schwarze Beärdigungs-Chleider ab.


D Nina Hurni isch in Bärn ufgwachse und schribt Gschichte, sit si sech ma bsinne. Si studiert Germanistik und Politikwüsseschafte, schaffet imene Chlytheater und macht Schrybworkshops für Jugendlechi. Süsch schwümmt si gärn ir Aare oder bacht Brot.


«Voll im Wind»

Geschichten von A wie Altersheim bis Z wie Zwetschgenschnaps

Grossvater riecht nach Schnaps und Grossmutter lacht nicht mehr. Was ist passiert? «Älterwerden ist kein Spaziergang», erzählen Betroffene – und die Jüngeren nehmen es irritiert zur Kenntnis. Ruth und Fritz haben es doch schön in der Alterswohnung, und Trudi wird im Pflegeheim rund um die Uhr verwöhnt. Was ist daran so schlimm?

Es sind dies die Übergänge und Brüche; vermehrt gilt es, Abschied zu nehmen: vom Haus, vom Partner, vom Velofahren. Das Gehen verändert sich weg von der Selbstverständlichkeit hin zur Übung und Pflicht; das Autofahren ist ohnehin ein Tabu, so will‘s die Tochter. Ist es da so abwegig, den Kopf hängen zu lassen? Sich Pillen verschreiben zu lassen oder ein Glas über den Genuss hinaus zu trinken? Ja, es ist abwegig, weil es auf Abwege führt und nicht auf einen grünen Zweig.

22 Schweizer Autorinnen und Autoren erzählen Geschichten über ältere Menschen, denen der Wind derzeit mit voller Wucht entgegenbläst. Ein Anhang mit einfachen Infos und Tipps sowie weiterführenden Adressen bietet den nötigen Windschutz.

  • «Voll im Wind – Geschichten von A wie Altersheim bis Z wie Zwetschgenschnaps», Hrsg. Blaues Kreuz Schweiz,© 2020 by Blaukreuz-Verlag Bern, ISDN 978-3-85580-549-5
  • Cover-Illustration: Tom Künzli, TOMZ Cartoon & Illustration, Bern. Lektorat: Cristina Jensen, Blaukreuz-Verlag. Satz und Gestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld. Druck: Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg
  • Das Projekt wird vom Nationalen Alkoholpräventionsfonds finanziell unterstützt. Für Begleitpersonen stehen unter www.blaueskreuz.info/gesundheit-im-alter weitere Fachinformationen zu den Themen des Buches bereit.

Beitrag vom 06.03.2022

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