Ameisen füttern Von Dorothe Zürcher

«Herr Müller! Schon wieder ist die Fensterbank voller Ameisen!» Margaritha, die Raumpflegerin, stemmt die Arme in die Hüften. «Wir haben Ihnen doch gesagt, dass Sie Ihr Marmeladebrot nicht dorthin legen sollten!»

Sepp brummt etwas vor sich hin. Margaritha meint, der Schnaps habe ihm das Gehirn weggespült, so wie allen anderen in der geschlossenen Pflegeabteilung. Er schaut zu, wie sie das Brot in den Abfall wirft und es mit dem Putzwagen aus dem Zimmer rollt. Hoffentlich vergisst sie bei der vielen Arbeit, zurückzukehren und seine Fensterbank mit Gift einzupudern. Erst als die Tür ins Schloss fällt, stemmt er sich aus dem Sessel und tapst Schritt für Schritt zur Fensterbank. Mit dem Gleichgewicht ist es so eine Sache. Er stützt sich an der Wand ab, erreicht endlich das Fenster. Einzelne Ameisen drehen verwirrt ihre Runden an der Stelle, wo das Brot gelegen hat.

«Morn git’s wider Fueter», sagt Sepp zu den Tierchen. Wenn er Glück hat, werden ihn die Pfleger nach dem Frühstück nicht durchsuchen, und dann kann er ein weiteres Marmeladebrot hierherlegen.

Er mag es, die Tierchen zu betrachten, wie sie geschäftig auf der Fensterbank hin und her eilen, bei jeder Begegnung schnell innehalten, sich mit den Fühlern abtasten, als würden sie sich begrüssen, und dann weitereilen. Eine grosse Familie. Stundenlang kann er dasitzen und sie beobachten. Was die sich alles zu erzählen haben!

«Muesch nümm lang warte», sagt er zu einer Ameise, die unterdessen die Fensterbank hinunterkrabbelt. Sie würde das den anderen Tierchen, ihren Schwestern, mitteilen.

Sepps Geschwister sind schon alle tot, die Frau auch.

Nur die Tochter kommt ab und zu vorbei.

«Herr Müller? Gömmer e chly use?» Bernhard, der Pfleger, ist lautlos in sein Zimmer getreten. Sein Gefängniswärter! Wenn die Tochter zu Besuch kommt, unterhalten sich die beiden über ihn, als befinde er sich nicht im Zimmer.

«Wot nöd», antwortet Sepp. Da krabbeln noch einige Ameisen, denen er lieber zureden will.

«So schöns Wätter hüt.» Bernhard hält schon Sepps Jackett in der Hand. Gekonnt fädelt er Sepps Arme in die Ärmel. Bernhard arbeitet präzise und schnell. In letzter Zeit kommen nur noch Pfleger vorbei: Sepp kneift gerne die Pflegerinnen in den Hintern. Er weiss, dass sie das nicht mögen. Aber so zeigen sie einmal eine Reaktion, blicken ihn empört an – und nicht durch ihn hindurch.

Bernhard hält ihm den Arm hin. Sepp weigert sich, eine Gehhilfe zu benutzen.

«Bin kän Chrüppel», sagt er laut.

«Jo, jo», antwortet Bernhard. «D Windle wächsled mer nochetäne.»

Schritt für Schritt gehen sie vorwärts. Bernhard ist wenigstens keiner, der ihn mit sich zieht. Der Gang ist unendlich lang. Behutsam setzt Sepp Fuss vor Fuss. Er vermutet, dass die Pfleger einen Knopf haben, mit dem sie täglich den Lift verschieben, um ihn zu verwirren. Heutige Technologie eben. Wie oft hatte er im Gang den Lift gesucht! Ausserhalb seines Zimmers begleitet ihn nun stets jemand – wie im Gefängnis.

Im Innenhof will sich Sepp nicht zu den depperten Insassen setzen. Bernhard lässt ihn stehen und eilt davon. Als er noch gesoffen hatte wie ein Loch, fiel Sepp immer mal wieder hin und verletzte sich. Das ist nun besser.

Hier sind leider fast keine Ameisen zu sehen. Sepp tappt zur Mauer und an ihr entlang, um einen geheimen Ausgang zu finden. Eine alte Gewohnheit.

Früher büxte er manchmal aus dem Pflegeheim aus, um etwas Richtiges zu trinken. Er wollte sehen, was in den Beizen läuft. Endlich wieder fliessend sprechen und die Welt farbig wahrnehmen in dieser Öde, in der alles fad und lustlos schmeckt.

«Ihre Leber verträgt keinen Tropfen Alkohol mehr», hatte ihm der Arzt das letzte Mal erklärt. Er wurde in die geschlossene Abteilung verlegt und war zum wiederholten Mal auf Entzug. Nicht einmal sich zu Tode saufen liessen sie ihn!

Weisse Mäuse, nein, weisse Mäuse sah er noch nie. Aber Tausende von Ameisen krabbelten unter seiner Haut. Die Tochter erzählte ihm, die Pflege habe seine Hände eingebunden, damit er sich nicht wund kratze. Dreimal am Tag muss er nun Pillen schlucken: doppelt so viele wie früher. Aber erst seit er die Ameisen auf dem Fensterbrett füttert, wandern sie nicht mehr unter seiner Haut herum.

Die Mauer im Innenhof zieht sich in die Länge. Irgendeinmal kommt Sepp wieder beim Eingang an. Dort wartet er darauf, dass ein Pfleger ihn abholen kommt.

Den geheimen Ausgang hat er nicht gefunden. Nicht so schlimm. Ausbüxen würde er nicht mehr. Die Welt mochte beim Saufen farbiger sein. Aber jetzt muss er die Ameisen füttern.


Dorothe Zürcher, *1973, ist verheiratet und lebt in Zürich. Sie unterrichtet an der Oberstufe sowie an der Fachhochschule Luzern – und schreibt. Alle sieben Jahre nimmt sie sich eine Auszeit und bereist mit ihrem Mann die Welt. Dorothe Zürcher ist Mitglied bei Autoren und Autorinnen der Schweiz (AdS) und Mitbegründerin des Vereins Schweizer Phantastikautor*innen (VSPA). www.die-aus-zuerich.ch/dz


«Voll im Wind»

Geschichten von A wie Altersheim bis Z wie Zwetschgenschnaps

Grossvater riecht nach Schnaps und Grossmutter lacht nicht mehr. Was ist passiert? «Älterwerden ist kein Spaziergang», erzählen Betroffene – und die Jüngeren nehmen es irritiert zur Kenntnis. Ruth und Fritz haben es doch schön in der Alterswohnung, und Trudi wird im Pflegeheim rund um die Uhr verwöhnt. Was ist daran so schlimm?

Es sind dies die Übergänge und Brüche; vermehrt gilt es, Abschied zu nehmen: vom Haus, vom Partner, vom Velofahren. Das Gehen verändert sich weg von der Selbstverständlichkeit hin zur Übung und Pflicht; das Autofahren ist ohnehin ein Tabu, so will‘s die Tochter. Ist es da so abwegig, den Kopf hängen zu lassen? Sich Pillen verschreiben zu lassen oder ein Glas über den Genuss hinaus zu trinken? Ja, es ist abwegig, weil es auf Abwege führt und nicht auf einen grünen Zweig.

22 Schweizer Autorinnen und Autoren erzählen Geschichten über ältere Menschen, denen der Wind derzeit mit voller Wucht entgegenbläst. Ein Anhang mit einfachen Infos und Tipps sowie weiterführenden Adressen bietet den nötigen Windschutz.

  • «Voll im Wind – Geschichten von A wie Altersheim bis Z wie Zwetschgenschnaps», Hrsg. Blaues Kreuz Schweiz, © 2020 by Blaukreuz-Verlag Bern, ISDN 978-3-85580-549-5
  • Cover-Illustration: Tom Künzli, TOMZ Cartoon & Illustration, Bern. Lektorat: Cristina Jensen, Blaukreuz-Verlag. Satz und Gestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld. Druck: Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg
  • Das Projekt wird vom Nationalen Alkoholpräventionsfonds finanziell unterstützt. Für Begleitpersonen stehen unter www.blaueskreuz.info/gesundheit-im-alter weitere Fachinformationen zu den Themen des Buches bereit.

Beitrag vom 08.05.2022

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