© filmcoopi

Flucht in die Lüge

Der Schweizer Dokumentarfilmer Rolando Colla geht in «W. – Was von der Lüge bleibt» einer tragischen Lebenslegende auf den Grund.

Von Marc Bodmer

Das Buch «Bruchstücke», die autobiographische Überlebensgeschichte eines Knaben in den Konzentrationslagern der Nazis, erscheint 1995 und wird als wichtiges Dokument der Holocaust-Geschichte gefeiert. Es richtet den Blick auf das Schicksal der Kinder während des Zweiten Weltkriegs, ein bis dato kaum dokumentierter Aspekt der Greueltaten.

Doch Recherchen eines Journalisten, der den Autor Bruno Wilkomirski interviewen sollte, zeigen, dass dieser gar nie in Polen war, geschweige denn in einem KZ. Anfangs will man der Entlarvung keinen Glauben schenken. Doch als der Text publiziert wird, ist die globale Empörung gross. In der Folge zieht sich Wilkomirksi aus dem öffentlichen Leben zurück und schweigt.

Filmszene aus «W. – Was von der Lüge bleibt»
© filmcoopi

Weder Täter noch Opfer

Im Dokumentarfilm «W. – Was von der Lüge bleibt» geht es nicht um die Demontage eines Hochstaplers. Den Schweizer Dokumentarfilmer Rolando Colla interessiert vielmehr den Menschen hinter der Lebenslegende und dessen Beweggründe. Colla sucht keinen Täter, aber auch kein Opfer. Sorgfältig rekonstruiert er die Geschichte hinter der Geschichte. In Interviews mit verschiedenen Beteiligten setzt der Filmemacher ein fragiles Portrait von Wilkomirski zusammen, der erstmals zugibt, dass «Bruchstücke» keine Autobiografie sei.

Schwarzweissbild: Baracke in einem KZ, Mutter und Kind stehen in der Tür.
© Thomas Ott

Wo das Dokumentarische versagt und die Fiktion einfliesst, dort hilft der Schweizer Künstler Thomas Ott aus, bekannt für seine düsteren Bilder, die er aus schwarz-beschichteten Kartonplatten schabt. Otts präzise und emotional beeindruckende, wenn nicht gar bedrückende Arbeit animiert perfekt die (fiktiven) Erinnerungen aus der Pseudobiografie und verleiht dem Film eine ungeahnte Dimension.

Spezialvorführungen in Anwesenheit des Regisseurs

Zum Start des Films werden in Zürich, St. Gallen, Winterthur und Schaffhausen Spezialvorführungen stattfinden. Mit dabei der Regisseur und weitere Gäste:


Zürich: Mo, 9. November, 12.15h, Kino Arthouse Le Paris
LunchKino Special mit Rolando Colla und Journalist Daniel Ganzfried
St. Gallen: Do, 12. November, 18.00h, Kinok
Begleitete Premiere mit Rolando Colla und Historiker Stefan Mächler
Winterthur: Fr, 13. November, 20.15h, Kino Cameo
Begleitete Vorführung mit Rolando Colla
Schaffhausen: So, 15. November, 11.15h, Kino Kiwi Scala

«W. – Was von der Lüge bleibt», Dokumentarfilm von Rolando Colla mit Illustrationen von Thomas Ott, Film Cooperative, im Kino

Beitrag vom 07.11.2020
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