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Vogelkunde für Unerschrockene

Zwischen Trauerarbeit und Tier-Doku: Helen Macdonalds Bestseller «H wie Habicht» gibt es nun auch als Kinofilm mit Claire Foy in der Hauptrolle. Der eigentliche Star ist aber der Habicht.

Text: Claudia Senn

Das beste Mittel, um den Vogel zu beruhigen, sei Mord, gibt ihr der Züchter mit auf den Weg. «Lassen Sie ihn so oft wie möglich töten.» Nein, es ist definitiv kein Kuscheltier, das Helen sich da ins Haus holt. Ihre Mutter hatte sie erst auf ein pflegeleichteres Tier runterhandeln wollen, einen Merlin etwa, auch Zwergfalke genannt. Doch Helen will keinen «Damenvogel», sondern den «Psychopathen» unter den Raubvögeln: einen Habicht, genauer gesagt, ein Habichtweibchen – wild, nervös, unberechenbar und extrem schwer zu zähmen. Helen nennt ihren Habicht Mabel, was soviel bedeutet wie «die Liebenswürdige».

Helen ist Naturwissenschaftlerin. Sie unterrichtet in Cambridge und steht am Anfang einer vielversprechenden akademischen Karriere. Soeben hat sie ein Angebot für eine Post-Doc-Stelle am Max-Planck-Institut in Berlin bekommen. Da erfährt sie per Telefon, dass ihr Vater überraschend an einem Herzinfarkt verstorben ist. Die Trauer stürzt Helen in eine tiefe Krise, die sich schliesslich zu einer Depression auswächst. Sie zieht sich von Familie und Freunden zurück, vernachlässigt ihren Job, die Wohnung versinkt zunehmend im Chaos. Nur das Vertrauen von Mabel zu gewinnen, scheint für sie noch wichtig zu sein. 

«H is for Hawk» beruht auf dem gleichnamigen Memoir der britischen Historikerin, Autorin, Lyrikerin und Illustratorin Helen Macdonald. Als der autobiographische Roman im Jahr 2014 erschien, avancierte er rasch zum internationalen Bestseller, da er gleich zwei boomende Genres miteinander verschmolz: Trostbuch und Naturbeobachtung. Trauernde kamen bei Macdonald ebenso auf ihre Kosten wie Hobby-Ornithologen. Naheliegend also, das Oeuvre auch zu verfilmen. Bloss: Wie bringt man einen leicht erregbaren Raubvogel mit sehr scharfem Schnabel und noch schärferen Krallen dazu, vor der Kamera wunschgemäss zu agieren?

Alles richtete sich nach dem Habicht

Die Hauptdarstellerin Claire Foy, die man auch als junge Queen Elisabeth aus «The Crown» kennt, musste erst einmal einen Intensivkurs in Habicht-Kunde absolvieren. Ihr Spiel ist atemberaubend. Wie sie zusammenzuckt, als das kapriziöse Tier anfangs auf ihrem Arm nur panisch herumflattert. Wie sie ausflippt vor Erleichterung, als Mabel nach tagelangem Hungerstreik endlich einen Steakbrocken hinunterwürgt. Wie sie dem Vogel mit kindlicher Freude die Wohnung zeigt, die bald nur noch nach Habichtscheisse und verrottendem Fleisch stinken wird: «Guck mal, hier ist der Wasserkocher, und das ist der Toaster. Ich wette, sowas hast du noch nie gesehen.» Die Annäherung an die wilde Kreatur spielt sie so intensiv, dass man kurz – aber wirklich nur ganz kurz! – in Versuchung gerät, selbst in die Falknerei einzusteigen. 

Kinofilm "H is for Hawk"
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Der eigentliche Star des Films ist aber natürlich nicht Foy, sondern der Habicht selbst. Genauer gesagt waren es zwei Habichtweibchen, die sich vor der Kamera abwechselten. Jede Aufnahme habe sich nach dem natürlichen Rhythmus der Tiere gerichtet, versichert die Regisseurin Philippa Lowthorpe («Call the Midwife»). Gedreht wurde ausschliesslich im Spätherbst und Winter, danach setzt die Mauser ein, und die Vögel brauchen ihre Ruhe. Die ganze Crew war verpflichtet, dasselbe «Gefieder» zu tragen – dunkelgrüne oder schwarze Kleidung. Bei Aussendrehs musste sie sich zudem in Zelte zurückziehen und sowenig Lärm wie möglich veranstalten. «Immer wenn sich ein Habicht am Set befand, war ein Gefühl von Ehrfurcht und Respekt im gesamten Team zu spüren», sagt Lowthorpe.

Helen Macdonald hat das Projekt eng begleitet und sogar einige persönliche Gegenstände für den Set beigesteuert. Trotzdem werden ihre Fans vermutlich leise enttäuscht sein, denn die Komplexität des Buches kann der Film nicht ganz einlösen. Dafür darf man hier eines der faszinierendsten Tiere überhaupt von ganz nahem kennenlernen und über seine Schönheit staunen. Soll man nicht vielleicht doch in die Falknerei einsteigen? Man könnte ja erst mal mit einem Merlin anfangen. 

Kinofilm "H is for Hawk"
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Jetzt im Kino: «H is for Hawk» von Pilippa Lowthorpe. Mit Claire Foy und Brendan Gleesan als Helens Vater Alisdair Macdonald. Das Buch «H wie Habicht» ist im Hanser-Verlag erschienen (ca. Fr. 26.-)

Beitrag vom 03.08.2026

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