© Aliocha Merker

Schwangerschaft mit Folgen

Bettina Oberlis neuer Film «Wanda, mein Wunder» lässt die Welten einer reichen Zürcher Familie und einer polnischen Care-Pflegerin aufeinanderprallen. Der Film ist sehenswert, hinterlässt aber aus mehreren Gründen gemischte Gefühle.

Text: Fabian Rottmeier

Elsa traut ihren Augen nicht. Die reiche Zürcher Seniorin blickt aus dem Fenster und sieht, wie sich ihr Mann Josef aus dem Rollstuhl erhebt – und wacklig ein paar Schritte zum Seeufer schafft. Etwas, das seit seinem Schlaganfall und dessen Lähmungsfolgen nicht mehr möglich schien. Neben ihm steht seine ebenso erstaunte polnische Pflegerin Wanda. Elsa eilt zu ihrem Josef und umarmt ihn. Der scheidende Patron der Gloor Baustoffe AG sagt: «Es ist ein Wunder.» Doch er meint damit nicht seine Arme und Beine, sondern ein anderes Körperteil. Lachend fügt er hinzu: «Elsa, ich werde Vater!». Seine Frau stösst ihn erbost in den See. Denn: Als Mutter kommt nur Wanda in Frage.

Nein, «Wanda, mein Wunder», der neue Kinofilm von «Die Herbstzeitlosen»-Regisseurin Bettina Oberli, ist kein Wohlfühl-Movie. Es ist ein Film, in dem sich Komik und Tragik häufig die Szene teilen. Und weil sich das in drei Kapiteln erzählte Werk praktisch ausschliesslich im grosszügigen Anwesen der Familie Wegmeister-Gloor abspielt, wirkt alles wie ein Kammerspiel. Das Schauspiele-Ensemble ist dabei beachtlich: Marthe Keller spielt Elsa, und André Jung gibt den gesundheitlich gezeichneten Josef. Die Rolle der Tochter Sophie übernimmt die unwiderstehliche Birgit Minichmayr, flankiert von ihrem Partner Manfred, gespielt von Anatole Taubman. Ach ja, und eine hornlose Kuh hat auch eine Nebenrolle.

Zum Schauspielensemble gehören u. a. Anatole Taubman (ganz links) und Birgit Minichmayr (2. v. li.). / © Aliocha Merker

Bettina Oberli bringt dabei zwei Welten zusammen, die sich nur wegen Josefs schlechtem Gesundheitszustand berühren: da die reiche Familie an der Zürcher Goldküste (Drehort des Anwesens: Stäfa), dort die alleinerziehende polnische Mutter, die in die Schweiz reist, um sich um Josef zu kümmern. Für jeweils drei Monate am Stück gibt sie ihr Privatleben auf – und erhält dafür 9500 Franken (und ein Kellerzimmer mit zwei kleinen Kippfenstern). Mitgefühl und Respekt sind nur sehr bedingt inklusive. Einzig Josefs Junggesellensohn Gregor, der sich in Wanda verguckt hat, begegnet ihr freundlich. Josef macht sich Wandas finanzielle Situation zu Nutze und zahlt sie für eine «Pflege» unterhalb der Gürtellinie zusätzlich – das Wort «Sackgeld» erhält eine neue Bedeutung. Wanda tut es für ihre Kinder.

Und plötzlich wendet sich das Blatt

Mit der ungewollten Schwangerschaft – Josef sagt, er sei zeugungsunfähig – erhält die Geschichte eine neue Wendung. Plötzlich hat auch Wanda Macht. Eine Situation, die der Familie Wegmeister-Gloor etwas Angst macht. Den einen aus finanziellen Gründen (erbberechtigtes Kind im «Anflug!»), den anderen aus moralischen (das Ansehen ist bedroht!). Für Wandas Situation interessiert sich die Familie nicht. Bettina Oberli, die als Ko-Autorin am Drehbuch mitschrieb, deckt den Egoismus und die Scheinheiligkeit der Zürcher Bonzen schonungslos auf. Gleichzeitig sieht man eine Pflegerin, die ihre Schwangerschaft auszuspielen weiss, aber auch daran zweifelt.

Marthe Keller spielt die Ehefrau des pflegebedürftigen Josef, der seine polnische Pflegerin Wanda (Agnieszka Grochowska) schwängert. / © Aliocha Merker

Im dritten Kapitel, als die hochschwangere Wanda wieder am Zürichsee eintrifft, scheint man sich auf eine Lösung geeinigt zu haben. Doch «Wanda, mein Wunder» wartet immer wieder mit neuen Wendungen auf. Den Wandel, den die Figuren in der zweiten Filmhälfte durchmachen, ist aber nicht immer nachvollziehbar und wirkt manchmal unglaubwürdig. Auch die eigentlich gelungene Mischung aus Satire, Drama und schwarzer Komödie kommt dem Film nicht nur zugute. Dadurch ist «Wanda, mein Wunder» von allem ein wenig und schafft es nur selten, zu berühren. Unterhaltend ist das alles jedoch alleweil.

Es ist kompliziert …

Im Zentrum steht das Thema Familie, eine nicht selten komplizierte Angelegenheit. Alle tragen eine Last (und Geheimnisse) mit sich herum, sei es ein unerfüllter Kinderwunsch, die Sehnsucht nach einer Partnerin oder nach besseren Zeiten, in denen man sich geliebt fühlte. Denn dieser Tage klingt Josefs Liebesbekenntnis (im krassen Gegensatz zur Netflix-Doku «My Love») an Elsa so: «Du bist die Mutter meiner Kinder!» Verständlich, dass sie sich unter diesen Umständen scheiden lassen will. Absichten gibt es in «Wanda, mein Wunder» viele. Das Leben spielt dann meistens doch anders.

«Wanda, mein Wunder», jetzt im Kino oder als Stream zu sehen. Infos zu den Spielorten und Film-Miete: https://www.wandameinwunder.ch/

Wanda, mein Wunder Filmvorschau von Zodiac Pictures auf Vimeo.

© Aliocha Merker

Das sagt Bettina Oberli über ihren Film

Über das Filmmotiv «Familie»
«Familie ist ein Motiv, das ich in meinen Filmen immer wieder aufgreife: Was hat es mit diesem seltsamen Mikrokosmos auf sich, dieser genetisch zufällig zusammengewürfelten Familienbande, in der man sich geborgen fühlt oder eben auch eingeengt? Die Familie bietet ein sehr weites erzählerisches Feld, und alle können sich irgendwo hineinfühlen, weil alle eine Familie haben. Die Wegmeister-Gloors werden hart geprüft, es entstehen tiefe Risse und es kommen unangenehme Tatsachen auf den Tisch. Alle Mitglieder sind gezwungen, sich ehrlich zu begegnen. Das ist befreiend, manchmal lustig, aber teilweise auch sehr schmerzhaft. Die Familie bricht beinahe auseinander – dennoch ist es für mich ein Film über das Näherkommen.»

Weshalb Sie das Thema Care-Migration aufgreift
«In der Schweiz boomt der Markt für ambulante Pflege. Agenturen werben mit Werbetexten wie «… günstig, fürsorglich, warmherzig und rund um die Uhr für Sie da!», wenn sie Pflegehilfen aus Osteuropa vermitteln, die betagte Menschen zu Hause statt im Heim betreuen. Frauen aus Polen oder Ungarn, oft überqualifiziert, pendeln monateweise zwischen ihren eigenen Familien und Schweizer Haushalten hin und her. Mich hat interessiert, was passiert, wenn eine völlig fremde Person so tief in eine Familienstruktur hineinsieht, und sich dadurch eine unvermeidbare Intimität aufbaut. Man spricht bei diesem Modell gerne von einer Win-Win-Situation: Die pflegebedürftigen Angehörigen müssen nicht ins Heim, die Familie spart Geld, und die Pflegerinnen verdienen hier viel mehr als in ihrer Heimat. Aber das ist eine zu einseitige Sicht. Wir blenden aus, dass diese Frauen ein Privatleben haben, eine eigene Familie, einen Alltag, den sie aufgeben müssen, und dass zu Hause das Geld dennoch knapp bleibt. Der Gewinn ist also sehr einseitig verteilt. Was muss passieren, damit man sich wirklich auf Augenhöhe begegnet und ein fairer Handel zustande kommt? Dieser Frage sind wir in Wanda, mein Wunder nachgegangen.»

Weshalb Sie die Geschichte auch aus der Perspektive der Familie Wegmeister-Gloor erzählt
«‹Wanda, mein Wunder› ist ein Ensemblefilm, es geht um Eltern und Kinder und was man sich in der Familie alles antun kann. Nicht nur die Pflegerin Wanda will mit Respekt und Würde behandelt werden – auch jedes Familienmitglied sehnt sich danach. Wanda ist die zentrale Figur, sie löst als Katalysator all die Entwicklungen und Veränderungen der anderen Charaktere aus, und diese sind genauso interessant: Eine vermögende Familie holt sich eine billige Pflegekraft für das Familienoberhaupt, doch jeder in der Familie beansprucht ihre Hilfe auch zu seinem eigenen Nutzen. Diese Geschichte mit allen daraus folgenden Konsequenzen zu erzählen, ermöglicht verschiedene Perspektiven und überraschende Wendungen. Denn am Ende hat Wanda der Familie ja tatsächlich geholfen – aber viel weitergehend, als sie sich das vorgestellt hatten. Und auch ihr Verhältnis zur eigenen Familie in Polen hat von den Ereignissen profitiert.»

Quelle: Filmcoopi AG

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