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Rettender Ritter – mit 82 Jahren

Im Schweizer Kinofilm «Prinzessin» sucht ein 82-jähriger Ex-Alkoholiker seine drogensüchtige Nichte in der Ukraine auf. Das Drama ist gut gespielt – und bleibt trotzdem distanziert.

Text: Fabian Rottmeier

Fabian Rottmeier, Zeitlupe Redaktor
© Jessica Prinz

Das Kino mag Geschichten von Menschen, die im Alter geläutert sind – und noch eine letzte grosse Tat vollbringen möchten. Auch dem Zürcher Regisseur Peter Luisi schwebte wohl etwas Ähnliches vor. Er selbst sagt über seinen neuen Film «Prinzessin», er habe dabei einen alten Mann zeigen wollen, «von dem niemand mehr etwas erwartet – weder seine Mitmenschen noch er selbst – und der eben doch noch etwas Entscheidendes zum Leben beitragen kann». Auch das Drehbuch hat der 47-Jährige verfasst – wie zuletzt bei seiner erfolgreichen Komödie «Flitzer» mit Beat Schlatter in der Hauptrolle (sehen Sie sich hier unser Video-Interview mit dem Schauspieler an).

«Prinzessin» dreht sich um die Beziehung von Josef und seiner Nichte Nina. Die erste Hälfte des Films spielt sich vor 35 Jahren ab, die zweite im Heute. Josef ist da 82 Jahre alt geworden, wohnt in einem deutschen Pflegezentrum und hat seit diesen 35 Jahren keinen Kontakt mehr zu Nina – ungewollt. Nach einem von Josef verschuldeten Unfall, bei dem Nina vier Jahre alt war und sich eine Gehirnerschütterung zuzog, durfte er sie nicht mehr sehen. Er war wieder einmal sturzbetrunken gewesen, wie eigentlich fast dauernd mit 47 Jahren. Trotzdem hatte ihm seine Halbschwester Karin immer öfters erlaubt, mit Nina zu spielen, als die beiden notgedrungen Josefs Nachbarn wurden und in die zweite Wohnung des Elternhauses einzogen.

Ein Glas Orangensaft für den Alkoholiker

Die kleine Nina fand zwar, ihr Onkel stinke, freundete sich aber dennoch mit ihm an, weil er sich auf ihre Kinderfantasien einliess. Er durfte beim Spielen etwa der Ritter sein, der sie als Prinzessin vor einem bösen Drachen bewahren sollte. Josef und Nina halfen sich in ihrer Lage gegenseitig. Sie tat ihm gut, und er ihr. Zuzuschauen, wie sich die beiden annähern, bei einem von Nina spendierten Glas Orangensaft beispielsweise, gehört zu den Stärken des Films.

Die Filmvorschau zu «Prinzessin»

Trailer «Prinzessin» von Peter Luisi from cineworx gmbh on Vimeo.

Dass man sich am Ende Abspann trotzdem irgendwie vom Film distanziert hat, liegt am zweiten Teil des Dramas, in dem einiges unerzählt bleibt oder wenig plausibel wirkt. In diesem erfährt der 82-jährige Josef an der Beerdigung seiner Halbschwester, dass die erwachsen gewordene Nina seit Jahren drogensüchtig ist. Sie habe sich als Teenager die falschen Freunde ausgesucht. Die letzte Nachricht der 39-jährigen Nina kam aus einem ukrainischen Gefängnis, nachdem sie beim Drogendealen erwischt worden ist. Josef erinnert sich, wie er ihr damals beim Abschied versprochen hatte, immer für sie da zu sein, so lange er lebe. Nina war seine Muse, die ihm schliesslich nach dem erzwungenen Wegzug in seine deutsche Heimat die Kraft gab, vom Alkohol loszukommen – und ihm damit das Leben rettete. Die Mission des geläuterten Josefs ist klar: Nina aus dem Gefängnis zu holen – trotz horrender Kaution. Ganz zu schweigen davon, dass sich das Gefängnis im ukrainischen Separatistengebiet befindet. Er fliegt trotzdem hin. Josef will Ninas rettender Ritter sein, diesmal im richtigen Leben.

Überzeugendes Schauspiel-Ensemble

Die Hauptrollen sind toll besetzt. Sowohl die junge als auch die erwachsene Nina (Johanna Bantzer resp. Lia Hahne) sowie der drogensüchtige und der pensionierte Josef (Fabian Krüger resp. Matthias Habich) spielen überzeugend, im Falle der kleinen Nina gar verblüffend. Trotzdem lässt einen vor allem der zweite Teil der Geschichte überraschend kalt. Und dies, obwohl der Film in sich stimmig und gut gemacht ist. Die Figuren gehen einem trotzdem nicht sonderlich nahe. Vielleicht liegt es auch daran, dass viele Situationen in der Geschichte etwas gar unproblematisch aufgehen. Peter Luisi scheint bemüht zu sein, seinen Film nicht zu schwer werden zu lassen. Doch damit büsst dieser an Glaubwürdigkeit ein. Und das Ende driftet etwas im Kitsch ab. Oder sollte «Prinzessin» am Ende doch bloss ein «modernes Märchen» sein, wie es im Pressetext steht?

«Prinzessin», 101 Minuten, jetzt im Kino.



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Beitrag vom 29.01.2022

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