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Zufall oder Schicksal? 5. Juni 2023

Die langjährige Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder erzählt alle zwei Wochen aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von der zweiten Pensionierung und neuen Aufgaben. 

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

Ich sitze im Zug auf dem Heimweg von Zürich nach Bern. Der letzte Arbeitstag meiner Vertretung für einen Zeitlupe-Kollegen ist zu Ende. Ich schaue aus dem Fenster und denke daran, wie ich vor etwas mehr als einem Jahr diese Strecke zu Fuss gegangen bin. Als Übergang in die Pensionierung legte ich wandernd den Weg zurück, den ich mehrere tausendmal mit dem Zug gefahren war. Mit jedem Tag entfernte ich mich weiter aus meinem Berufsleben, jeder Kilometer brachte mich meinem ungeliebten «Ruhestand» ein Stück näher. Damals konnte ich noch nicht wissen, dass dieser gar nicht so schlimm sein würde, wie ich gedacht hatte.

Trotzdem stellte ich ohne zu zögern alle fixen und ebenso alle noch unausgegorenen Pensionierungspläne zurück, als ich für eine dreimonatige Vertretung angefragt wurde. Von einem Tag auf den anderen fand ich mich wieder in meinem alten Zeitlupe-Arbeitsalltag und hatte kaum noch Zeit für anderes. Obwohl ich die Herausforderung liebte und sie auch gewollt hatte, machte ich doch eine neue Erfahrung: Dass ich gut auf Sitzungen, Zeitdruck und Redaktionsschluss verzichten kann. Dass ich nicht mehr mitplanen, mitdenken und mitgestalten muss. Mein ehemaliges Team hat sich mit neuen Ideen auch ohne mich weiterentwickelt. Ich stehe – ob ich will oder nicht – in einem anderen Lebensabschnitt.

Als kurz vor Aarau mein Sitznachbar aufsteht und sich an mir vorbeiquetscht, kommen mir noch ein paar weitere Gründe in den Sinn, warum ich mich über meine zweite Pensionierung freue: kein Weckerstellen, kein frühes Aufstehen, keine überfüllten Pendlerzüge mehr. Und überhaupt: Ab sofort kann ich wieder frei über meine Zeit verfügen und mir eigene Aufgaben und Ziele setzen. Bis Olten denke ich über diesen grossspurigen Satz nach. Mit Zielen und Aufgaben meine ich ja nicht singen, lesen oder wandern. Sondern eine sinnstiftende Tätigkeit. Ein Engagement, das mich erfüllt. Etwas, das über meine Hobbys und Alltagsbegegnungen hinausgeht. Aber was?

Ich spiele auf dem Handy herum, als eine Mail von der Uni Bern aufpoppt: Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können … Vor vier Monaten hatte ich mich für den Studiengang in Spiritual Care angemeldet: alles spannende Themen rund ums Lebensende, die mich so sehr interessieren, dass ich sie vertiefen möchte. Und jetzt bekomme ich die Zusage – ausgerechnet an meinem definitiv letzten Arbeitstag. So ein Zufall! Oder Schicksal? Als ich mich mit den vielen anderen Passagieren aus dem Zug dränge, bin ich ganz vergnügt: Irgendwie scheint sich meine Zukunft zu richten, ohne dass ich mir weiterhin den Kopf zerbrechen muss.


  • Haben Sie auch den Wunsch, nach der Pensionierung eine sinnstiftende Tätigkeit zu übernehmen? Wir würden uns freuen, wenn Sie uns davon erzählen oder die Kolumne mit anderen teilen würden. Herzlichen Dank im Voraus.
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Beitrag vom 05.06.2023

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