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«Was hinger dranne ligt, isch gmääit» 27. September 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von Schuldgefühlen, Selbstvorwürfen und ganz viel Pech. 

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Journalistin

Die Geschichte klingt wie ein Klischee aus dem Corona-Sommer, und sie ist wahr: Ich treffe eine langjährige Bekannte, von der ich in den Ferien gehört habe, dass ihre aus Überzeugung ungeimpfte Familie an Corona erkrankt sei. Sie erzählt, wie ihre Tochter und Schwiegersohn dessen Familie in Albanien besuchten, sich vor dem Heimflug testen liessen, beide negativ waren, und sich zurück in der Schweiz mit den Eltern und der Schwester zu einem gemeinsamen Nachtessen trafen. Am nächsten Tag erhielten Tochter und Schwiegersohn ein Telefon von der Fluggesellschaft: Ein Gast auf dem Flug war an Corona erkrankt. 

Erneutes Testen, diesmal war das Resultat positiv: Die Tochter zeigte keine Symptome, der Schwiegersohn wurde schwerkrank. Intensivstation, Intubation. Er liegt immer noch im Spital. Beim gemeinsamen Nachtessen hatten die beiden den Rest der Familie angesteckt. Die Schwester blieb beschwerdefrei, meine Bekannte litt nur an leichten Grippesymptomen. Doch die Atembeschwerden ihres Mannes wurden immer schlimmer. Zurzeit ist er in einer Reha, bekommt Atemtherapie und wird, wenn nötig, zusätzlich mit Sauerstoff versorgt. Damit könnte die Geschichte zu Ende sein. Aber sie ist es nicht.  

«Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele vorwurfsvolle und hämische Kommentare wir seither zu hören bekommen», erzählt meine Bekannte. Selbst von Menschen, die ihr nahestehen: Von Verantwortungslosigkeit gegenüber der Gesellschaft, von eigener Schuld und Dummheit sei die Rede. Und dass sie jetzt die Quittung für ihr fahrlässiges Verhalten bekämen. Sie versuche längst nicht mehr, ihren – zugegebenermassen falschen – Entscheid von früher zu begründen. Jetzt sage sie nur noch: «Ich weiss, ich war blöd.» Dabei wäre sie so dankbar für ein wenig Anteilnahme und Aufmunterung: «Wir haben Schuldgefühle und Selbstvorwürfe machen wir uns selber schon genug.»

In einer fiesen Ecke meiner Seele habe ich ein klein wenig Verständnis für die Genugtuung der geimpften Umgebung. Doch wie sagt man bei uns im Bernbiet: «Was hinger dranne ligt, isch gmääit.» Was vorbei ist, ist vorbei und lässt sich nicht mehr ändern. Statt Schadenfreude wären Verständnis und Unterstützung angesagt. Meine Redaktionsfreundin schickt mir den Covid-19-Uhr-Newsletter der Republik, des digitalen Magazins für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. «Warum so impfindlich?» fragt der Beitrag vom 20. September und wirbt mit konkreten Tipps und Informationen für mehr Grosszügigkeit und Toleranz auf beiden Seiten. 

Der Beitrag beginnt mit einer Parabel: Ein Grossvater sagte einst zu seinem Enkel: «In mir findet ein Kampf zwischen zwei Wölfen statt. Einer ist schlecht, böse, habgierig. Der andere ist gut, liebevoll und grosszügig.» Der Junge dachte einen Moment nach und fragte dann: «Welcher Wolf wird gewinnen?» Der alte Mann lächelte: «Der Wolf, den du fütterst.»

Übrigens: Unter www.republik.ch kann der Covid-19-Uhr-Newsletter kostenlos abonniert werden. Es lohnt sich!


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Beitrag vom 27.09.2021

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