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Tierweihnacht 23. Dezember 2022

Mehr als zwanzig Jahre lang arbeitete Usch Vollenwyder (71) bei der Zeitlupe. Seit Januar ist sie pensioniert. Jede Woche erzählt sie aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von Weihnachtsspaghetti und adventlichen Kauknochen.

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

Ein junger Bauer aus dem Dorf hat auf einem Stück Land Weihnachtsbäume angepflanzt: Rottannen, Nordmanntannen, Weisstannen. Seit Anfang Dezember wartet die Kleine darauf, dass wir uns einen Baum aussuchen gehen. Ihrer Meinung nach muss es ein möglichst hoher sein, mit ausladenden Ästen und dichten Nadeln. Sie läuft zwischen den Bäumen hin und her, findet einen schöner als den anderen. Ich wehre ab, versuche, ihr einen kleineren schmackhaft zu machen. Plötzlich wird sie ganz still. Unter einer mächtigen Tanne zieht sie ein knorziges kleines Bäumlein hervor, das bereits abgesägt ist. Es muss der Wipfel eines anderen Baumes sein.

«Den will ich», sagt sie bestimmt. Ich weiss, dass ihre Eltern den Weihnachtsbaum bereits gekauft haben und kann mir nicht vorstellen, was sie damit anfangen will. «Für die Hühner», erklärt sie. Die müssten auch einen Baum haben. Gerade jetzt, wo sie wegen der Vogelgrippe nicht mehr ins Freie dürften: «Für die Spitze bastle ich einen Stern. Und die Äste behänge ich mit Lametta». Mit Lametta? Über meine Fantasielosigkeit schüttelt sie den Kopf. Gekochte Spaghetti sähen doch aus wie Lametta. Wir einigen uns auf einen Kompromiss: Sie bekommt ihren Hühnertannenbaum und ich einen Baum meiner Wahl.

Sie schultert ihr Weihnachtsbäumchen. Auf dem Heimweg erzählt sie von den letztjährigen missratenen Weihnachtsgüezi, die sie aus Haferflocken und verschiedenen Körnern für die Hühner gebacken hatte. So steinhart seien sie gewesen, dass sie sie ganz fest mit dem Schuhabsatz habe zerbröseln müssen. Bei dieser so ganz und gar unweihnachtlichen Vorstellung muss ich lachen. Deshalb also die Spaghetti-Lametta.

Letztes Jahr hatte sie auch 24 kleine Adventssäcklein für Hund und Katze genäht. In jedes hatte sie zwei Leckerlis gesteckt und sie mit einem farbigen Bändel zusammengeschnürt. Für den diesjährigen Tier-Adventskalender brauchte sie grössere Tüten, ihre Mama musste helfen. Für drei Tiere – in der Zwischenzeit ist ein kleiner Hund dazugekommen – waren die selbstgebastelten Säcklein zu klein. Natürlich bekommen Hunde und Katze auch ein Weihnachtsgeschenk: Zwei Kauknochen und ein Katzenstengel liegen bereits verpackt und geschmückt unter dem Tannenbaum. Wenn am Heiligen Abend schliesslich die Kerzen angezündet werden, finden auch alle Vierbeiner ihren Platz in der Stube.

Es geht wohl in kein Hühnerhirn und in keinen Hundeschädel, warum plötzlich Spaghetti an den Bäumen hängen oder die doppelte Ration Leckerlis verteilt wird. Doch für die Kleine ist es noch selbstverständlich, dass Weihnachten auch für die Vierbeiner und das Federvieh kommt. Erzählt nicht die Weihnachtsgeschichte von Ochs und Esel an der Krippe? Und von den Hirten, die mit ihren Schafen das Neugeborene begrüssen?

Ich wünsche Ihnen friedvolle Weihnachts- und Neujahrstage. Und freue mich, im Neuen Jahr – dann noch alle zwei Wochen – weiterhin für Sie schreiben zu dürfen.


  • Legen Sie Ihren Haustieren auch eine Kleinigkeit unter den Weihnachtsbaum? Wir würden uns freuen, wenn Sie uns davon erzählen würden. Oder teilen Sie die Kolumne doch mit anderen. Herzlichen Dank im Voraus.
  • Hier lesen Sie weitere «Uschs Notizen»

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Beitrag vom 23.12.2022

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