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Ricardo 23. Januar 2023

Mehr als zwanzig Jahre lang arbeitete Usch Vollenwyder (71) bei der Zeitlupe. Seit Januar ist sie pensioniert. Alle zwei Wochen erzählt sie aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von einer kaputten Nachttischlampe und der Suche nach einer neuen.

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

Schwungvoll schüttle ich die Bettdecke auf – und schon klirrt und scherbelt es: Mein schönes, antikes Nachttischlämpchen mit dem rosa Glasschirm liegt kaputt auf dem Boden. «Ist doch alles nur irdischer Plunder», pflegt mein Luzerner Freund in solchen Fällen zu sagen. Ich ärgere mich trotzdem. Denn nun muss ich mich schnellstmöglich nach einem neuen umsehen. Am Abend ins Bett zu gehen, ohne wohlig eingekuschelt vor dem Einschlafen noch eine halbe Stunde in einem spannenden Krimi zu lesen, kann ich mir gar nicht vorstellen.

Das Nachttischlämpchen muss zu meinen Grossmutter-Schlafzimmermöbeln passen. Ich klappere die umliegenden Brockenstuben ab – ohne Erfolg. «Versuchs doch auf Ricardo», sagt meine Nachbarin. Genau, Ricardo! Wie konnte ich diese Internet-Plattform, auf der man von Angelruten bis Zimmerpflanzen alles kaufen oder verkaufen kann, nur vergessen! Bei Ricardo habe ich sogar ein Konto, allerdings nur dank meiner Redaktionsfreundin: Vor einigen Jahren ersteigerte ich mit ihrer Hilfe für vierzig Franken einen ganzen Stall voller handgeschnitzter Kühe und Kälber für die Kleine. Geblieben ist mir von dieser einmaligen Aktion nur der Ratschlag meiner Redaktionsfreundin, nicht zu früh mitzubieten – das würde den Preis unnötig in die Höhe treiben.

Ich sitze an den PC, rufe www.ricardo.ch auf und gebe «Nachttischlampe» ein. 733 Treffer – wie soll ich da nur «mein» Lämpchen finden? «Nachttischlampe alt» ergibt zwanzig, «Nachttischlampe antik» hundertzwanzig Treffer. Der Preis schwankt zwischen drei und 850 Franken. Unter den antiken Nachttischlampen befinden sich Exquisitäten wie eine Alabaster-, eine Pendel- oder eine Quarzlampe. Ich scrolle durch die Angebote, immer auf der Suche nach dem Modell, wie ich es mir vorstelle: mit Glasschirm und Messingfuss. Schliesslich schaffen es ein halbes Dutzend in die engere Auswahl. Ich setze sie auf die Merkliste. Bei allen bleiben mir zum Mitbieten noch ein paar Tage Zeit.

Ich habe eine Favoritin: Verglichen mit dem früheren rosa Lämpchen mit dem filigranen Fuss, das bei jeder ungestümen Bewegung ins Wanken geriet, scheint sie kompakt und gedrungen. Sie hat einen weissen Milchglasschirm mit blauen Blütenblättchen am Rand und einen stabilen Messingfuss. Sie ist definitiv keine fein ziselierte Schönheit. Dafür hat sie andere Vorteile: Sie wirkt robust und ist in Thun abzuholen, ein Katzensprung! Das Angebot liegt bei 48 Franken. Fünf Minuten, bevor die Frist abläuft, erhöhe ich auf fünfzig. Niemand ander bietet mit, die Lampe gehört mir. Jetzt erst wird die Adresse des Verkäufers ersichtlich und ich schreibe ihm: «Ich bin die glückliche neue Besitzerin Ihrer Nachttischlampe. Wann passt es Ihnen, dass ich sie abhole?» Die Antwort erfolgt postwendend: «Morgen um 12.30 Uhr oder am Abend um 18 Uhr.

Die Übergabe ist unkompliziert und problemlos. Der Verkäufer steht zur vereinbarten Zeit am Strassenrand. Wir tauschen ein paar nette Worte, dann wechseln Lampe und Fünfzigernote ihre Besitzer. Zu Hause schaue ich das Lämpchen genauer an. Wem es wohl gehörte? Ob sich diese Person an ihm freute? Die kleinen blauen Blütenblätter sehen alle ein bisschen anders aus. Sie sind von Hand aufgemalt. Wer war der unbekannte Maler oder die unbekannte Malerin? War Malen eine Notwendigkeit oder ein Vergnügen? Ich werde es nie wissen. 

Manchmal streiche ich vor dem Einschlafen mit den Fingerspitzen über die blauen Blütenblätter und wünsche mir, ich würde die Menschen kennen, die das Lämpchen bemalten oder denen es einst gehörte. Ich würde ihnen sagen, wie sehr ich mich über das neue Licht auf meinem Nachttisch freue. Und dass ich dazu Sorge tragen werde.


  • Haben Sie sich auch schon auf die Suche nach einem liebgewinnen Gegenstand gemacht, der kaputt gegangen ist. Wo wurden Sie fündig? Wir freuen uns, wenn Sie uns davon erzählen. Herzlichen Dank im Voraus.
  • Hier lesen Sie weitere «Uschs Notizen»

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Beitrag vom 23.01.2023

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