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Rebellengebiet 4. Oktober 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von einem Ausflug in die Ostschweiz, einem aufmüpfigen Landgasthof und meiner verzagten Journalistinnen-Seele.

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

Ich traue meinen Augen nicht: Ein grosses Plakat in der Gaststätte lädt nicht nur Dicke und Dünne, Blonde und Braune, Junge und Alte, Kleine und Grosse, Schwarze und Weisse, alle Auto- und Velofahrenden und sämtliche Fussgängerinnen sowie Männer, Frauen und Diverse zum Verweilen ein. Auch alle Geimpften und Ungeimpften, Getesteten und Ungetesteten, alle Gesunden und Genesenen seien herzlich willkommen. Für das Restaurant gelte nämlich die Bundesverfassung und nicht die Weisung gekaufter und erpresster Politik. Die Gaststube ist proppenvoll. Es ist Wildzeit.

Bei der Treppe zur Gartenterrasse fällt ein weiteres, kreisrundes Plakat auf. «Freie Zone» ist von weitem zu lesen. Ich trete näher. Auf der grünen Umrandung steht in allen vier Landessprachen: «Kein Covid-Zertifikat». Dazu ein Schweizerkreuz und ebenfalls viersprachig: «Widerstand Schweiz». Ich möchte davon ein Foto machen. Doch auf der Terrasse ist fast jeder Tisch besetzt und ich bin mir nicht sicher, ob ich mit meiner Berner Autonummer im Ostschweizer Rebellengebiet eher als Spionin oder als Verbündete wahrgenommen werde. Ich scheue mich vor möglichen lauten Worten. 

Unter den Bäumen sitzen Velofahrerinnen und Velofahrer, Grosseltern mit ihren Enkeln, junge Paare, Freundinnen und Familien. Man hört helles Lachen, und aus einem Lautsprecher tönt lüpfige Ländlermusik. Der Himmel ist strahlend blau, die Hügellandschaft in Sonnenlicht getaucht, die Berggipfel sind nah. Wir finden einen letzten freien Tisch unter einem alten Kastanienbaum. Der Wildteller schmeckt köstlich. Ich frage mich, warum das Wirtsehepaar nur wegen der Zertifikatspflicht diese Postkartenidylle aufs Spiel setzt: Will es seine ungeimpften Stammgäste und Handwerker nicht verärgern? Begehrt es gegen die Obrigkeit auf? Bezeugt es schiere Dummheit oder ureidgenössischen Heldenmut? Die Wirtsleute müssen ja wissen, dass sie die Schliessung ihres Lokals, finanzielle Einbussen und vielleicht sogar ihre Existenz riskieren. 

Meine neugierige Journalistinnen-Seele möchte nachhaken, doch ich wage nur eine harmlose Frage an die freundliche Bedienung: Ob in dieser Gegend denn keine Kontrollen gemacht würden? «O doch», lacht sie, die habe es bereits gegeben. «Allerdings an einem Vormittag bei schönem Wetter, als alle beim Kaffee auf der Gartenterrasse sassen.» Ich bohre nicht weiter. Beim Weggehen mache ich doch noch ein Foto von den beiden Plakaten, schnell und seltsam verschämt, und ohne einen Blick auf die anderen Gäste zu werfen. Corona treibt seltsame Blüten – auch mit mir.


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