© Rendez-vous Bundesplatz

Meine Stadt (2) 25. Oktober 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: vom jährlichen Ton- und Lichtspektakel an der Bundeshausfassade. 

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

Ratlos steht mein Mann vor dem Kleiderschrank. Im Internet hat er nachgeschaut, was der Dresscode «Smart Casual» bedeutet, ist auf «Sakko» und «Chino» gestossen und stellt fest, dass weder das eine noch das andere zu seiner Garderobe gehört. Ich bin längst parat – dunkle Hose, helle Bluse, dunkler Blazer – während er unter Jeans, Hemden und Pullovern immer noch nach etwas Passendem sucht. Aus seiner einzigen Anzugshose ist er hinausgerundet und der Kittel hat einen Fleck, der sich selbst in der chemischen Reinigung nicht mehr wegzaubern lässt. Ich dränge zum Aufbruch auch ohne perfekten Kleiderstil.

Ich bin – mit Begleitung – zur Premiere von Rendez-vous Bundesplatz eingeladen. Vor einem Jahr hatten wir in der Zeitlupe Brigitte Roux vorgestellt, Initiantin und Veranstalterin des Ton- und Lichtspektakels, das seit zehn Jahren jeweils die Bundeshausfassade und über eine halbe Million Bernerinnen und Berner und viele Auswärtige verzaubert. «Planet Hope» hiess die Show und war dem Thema Nachhaltigkeit gewidmet. Doch nach nur einer Woche war Schluss: Trotz aufwändiger Corona-Schutzmassnahmen wurde «Planet Hope» wegen steigender Infektionszahlen nach nur einer Woche abgebrochen.

Ein Jahr später nimmt «Planet Hope Comeback» einen zweiten Anlauf und eine neue Premiere im Hotel Bellevue steht an. Brigitte Roux dankt der Stadt Bern und namhaften Sponsoren, die das Lichtspektakel überhaupt ermöglichen. Ein kurzer Videoclip führt ins Thema ein: ETH-Klimaforscher Reto Knutti und Glaziologe Felix Keller stehen auf dem Morteratschgletscher. Noch vor dreissig Jahren sei der Gletscher an dieser Stelle hundert Meter höher gewesen, sagen sie im Gespräch. Als «Swiss Ice Fiddler» zückt Felix Keller auf dem Eis seine Geige. Mit Musik will er die Zuhörenden erreichen: «Die Sorge um unseren Planeten muss zu einem weltweiten Trend werden.»

Dann stehen wir alle auf dem Bundesplatz. Rundum erlöschen die Lichter, Musik setzt ein, über die Bundeshausfassade ergiesst sich ein Vorhang aus grünen Lianen, farbige Vögel ziehen ihn auf die Seite. Die Arche «Planet Hope» ist parat für ihre Reise durch Raum und Zeit. Bedrückend die Bilder von rostigen Fässern, die auf den Meeresboden sinken. Berückend schön der Wal und die Fischschwärme, die durch das Wasser gleiten. «What a wonderful world» ertönt – Hühnerhautmusik. Smart Casual, Sakko oder Chino haben jede Bedeutung verloren. Es bleibt das Gespür für die Schönheit und Verletzlichkeit der Erde. Und die grosse Sorge um sie.

rendezvousbundesplatz.ch


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