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Kleine Wunder 28. August 2023

Die langjährige Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder erzählt alle zwei Wochen aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von einem Sonntagsausflug in die nahe Bergwelt.

Usch Vollenwyder
© Jessica Prinz

Die Hitzewelle treibt mich früh aus den Federn. Mein Zottelhund leidet, kaum steht die Sonne über dem Horizont. Auch meine Lebensgeister erschlaffen bei diesen Temperaturen. Umso mehr geniesse ich die ersten Morgenstunden. Am Sonntag fahre ich auf den Gurnigel, den Passübergang vom Bernbiet ins Freiburgische auf 1600 Meter. Einst war das Gebiet Schiessübungsplatz für Panzer, heute ist es ein Naturpark. Bereits sind erste Wanderfreudige unterwegs. Sie klettern auf den Gantrisch oder die Nünenfluh, überqueren den Leiterli- oder den Morgetenpass, und Geübte nehmen den fünfstündigen Bergweg aufs Stockhorn unter die Wanderschuhe. Mir genügt der Rundweg hinauf zur Oberwirtnerenhütte.

Immer wieder zieht es mich auf den Gurnigel – an heissen Sommer-, nebligen Herbst- und schönen Wintertagen. Jedes Mal bin ich überwältigt von der Aussicht hinüber zu Eiger, Mönch und Jungfrau, hinunter ins Gürbetal, Richtung Thun und bis ins Emmental, und hinauf zur Voralpenkette direkt vor meiner Nase. Die Alpweiden ringsum sind von einzelnen Wettertannen, Gruppen von Nadelbäumen und Wäldern durchsetzt. Dazwischen weiden Kühe – je weiter weg sie sind, umso mehr sehen sie wie Spielzeugtiere aus. Vielstimmig tönt der Klang ihrer Glocken und Treicheln zu mir herauf. Die Alpenrosen sind verblüht, doch am Wegrand blühen Silberdisteln. Es ist ein Tag wie in einem Heimatfilm. 

Auf einem der Parkplätze sind Marktstände und eine Festwirtschaft aufgebaut – Bärgmärit, Bärgpredigt und Bärgchilbi stehen auf dem Programm. Die Stände und Tische sind mit Sonnenblumen und Ähren geschmückt. Frauen in Berner- und Gotthelf-Trachten und Männer in Chüejermutzen und Sennenkutten legen ihre Ware aus: kulinarische Köstlichkeiten und Handwerk aus der Region. Ich schaue ihnen einen Moment zu und denke, dass die Trachten doch nie heisser geben als an einem Tag wie heute. Ich höre Lachen und Schäkern, von der angesagten Hitze auch auf dieser Höhe lässt man sich die gute Laune nicht verderben. 

Als ich von meiner gut zweistündigen Rundwanderung zurückkomme, ist die Predigt im Gange. Ich bahne mir einen Weg an den gut besetzten Bänken entlang und erhasche einen Blick auf die junge Pfarrerin in ihrer Tracht. Gerade lädt sie Eltern, Geschwister, Gotten und Göttis mit ihren Täuflingen ein, nach vorne zu kommen. Auf dem Tischchen vor ihr brennen fünf Kerzen – ein Licht auf den Lebensweg der getauften Kleinen. Dann bittet sie die Eltern, ihre Fragen zu beantworten: «Seid ihr bereit, Euer Kind als Wunder zu betrachten, das Euch geschenkt wurde?» Nach der Taufe singt das Jodlerchörli «Sunneschyn» von Mutterliebe und Muttertreue. Die Jodelklänge begleiten mich beim Weitergehen.

Wunder sind nicht nur die Kinder. Auch der blaue Himmel, die Bergblumen, die Schmetterlinge. Der Tannenduft, das Glockengebimmel, die sanften braunen Augen der weidenden Kühe. Das Summen und Zirpen in der Luft. Die Milane – schwerelos schweben sie zwischen Himmel und Erde. Andächtig bleibe ich stehen, berührt von all dem Schönen, das mich umgibt. Ich wünsche mir, dass ich es in den Alltag mit seinen vielen Katastrophenmeldungen retten kann. 

Am nächsten Tag erhalte ich eine Postkarte von meiner Redaktionsfreundin aus früheren Jahren. Darauf ist ein Rotkehlchenpaar abgebildet, das seine Jungen versorgt. Auf der Rückseite schreibt sie: «Die Natur scheint keine Hoffnungslosigkeit zu kennen. Sie produziert immer wieder Neues. Wie können da die Menschen anders …?»


  • Schöpfen Sie in der Natur auch immer wieder neue Hoffnung? Wir würden uns freuen, wenn Sie uns davon erzählen oder die Kolumne mit anderen teilen würden. Herzlichen Dank im Voraus.
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Beitrag vom 28.08.2023

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