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Impfen (2) 12. April 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von freundlichem Impfpersonal, einem Piks und von Spitzbuben.

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin

«Covid-19 Impfzentrum» steht auf den orangen Verkehrstafeln. Nicht weit von der Autobahnausfahrt sind sie bereits aufgestellt und weisen den Weg zur Tiefgarage des Kultur- und Kongresszentrums, die zu einem Impfzentrum umfunktioniert worden ist. Beim Empfangscontainer am Eingang warten ein knappes Dutzend Leute in gebührendem Abstand. Es geht zügig vorwärts, schon kann ich einen amtlichen Ausweis sowie meine Registrier- und Terminbestätigung vorweisen und werde nach Allergien und aktuellem Gesundheitszustand gefragt. Schliesslich bekomme ich eine Schnur um den Hals gelegt, daran aufgefädelte farbige Zettel geben Auskunft über Erst- oder Zweitimpfung, über Unverträglichkeiten oder Blutverdünnungsmedikamente.

Danach geht es mit dem Lift hinunter ins eigentliche Impfzentrum. Eine gut gelaunte Walliserin misst allen Eintretenden die Temperatur und weist ihnen eine Impfkabine zu. Mit Bändern ist in der Mitte des Raums eine Ruhezone abgetrennt: Wer die Impfung hinter sich hat, muss zur Sicherheit noch eine Viertelstunde sitzen bleiben. Aufmerksames Sanitätspersonal nimmt ältere Menschen am Arm und gibt geduldig Auskunft. Trotz der aussergewöhnlichen Situation – wer wurde schon je ausserhalb einer Arztpraxis geimpft? – herrscht eine entspannte Atmosphäre. Man hört Lachen und freundliche Worte.

An den Wänden in der Impfkabine hängen Weisungen und Notfallnummern, auf dem winzigen Tischchen stehen Desinfektionsmittel, Tupfer, Pflaster, ein kleiner Abfallbehälter und eine Schachtel mit Plastikhandschuhen. Einen Augenblick muss ich noch warten und mache den linken Arm frei. Dann bringt die Pflegefachfrau schon «meine» Impfung. Sie nimmt sich Zeit, bereitet mich auf den Piks vor – auch wenn in der Kabine nebenan bereits die Nächsten warten. Zuletzt gibt sie mir mein internationales Impfbüchlein zurück: Um reisen zu können, habe ich mich anno dazumal ohne einen weiteren Gedanken gegen Pocken, Gelbfieber oder Cholera impfen lassen. Warum sollte ich das ausgerechnet jetzt nicht tun?

Beim Verlassen der Tiefgarage überkommt mich ein Gefühl von Dankbarkeit: dass ich in einem Land lebe, dem die Gesundheit der Bevölkerung ein Anliegen ist. Einzig dem Zufall der Geburt habe ich dieses Privileg zu verdanken. Ich weiss nicht warum – aber plötzlich bin ich zutiefst gerührt. Ich fahre zur Hüsli-Frau mit ihrem Hoflädeli und bestelle dreissig Spitzbuben – lachende Gesichter mit Konfi-Augen und Schoggi-Haaren – und bringe sie den Mitarbeitenden ins Impfzentrum. Jetzt ist der Einsatzleiter gerührt und weiss kaum was sagen. Manchmal braucht es so wenig. Ich freue mich über seine Freude.


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