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Impfen (1) 5. April 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von der Solidarität mit Jung und Alt und vom Impfen.

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin

Auf der Hunderunde begegne ich einer Nachbarin von «unter der Strasse». Mit ihren Walking-Stöcken ist sie zügig unterwegs. Trotzdem bleibt sie stehen, um ein paar Worte zu wechseln. Sie ist Pflegefachfrau und arbeitet in einem nahe gelegenen Impfzentrum. Wenig Verständnis hat sie für Impfgegner, Impfverweigererinnen und Impfzögerer: «In einer Pandemie gibt es kein Wunschkonzert», sagt sie bestimmt. Es sei eine Frage der Solidarität, dass sich jetzt möglichst viele Menschen impfen lassen: «Solidarität vor allem mit den Jungen und Solidarität mit den Alten.»

Sie deutet mit dem Walking-Stock auf uns zwei: «Für uns spielt ein Jahr keine grosse Rolle mehr. Für Jugendliche ist es eine Ewigkeit. Und für alte Menschen ist es die letzte Lebenszeit.» Sie erzählt von ihrer über neunzigjährigen Schwiegermutter, die seit über einem Jahr ihre Familie nicht mehr um sich hatte. Ich weiss vom Nachbarjungen, wie sehr er seine Clique vermisst. Ich denke, dass sie recht hat: Für uns Gesunde in der zweiten Lebenshälfte ist ein Jahr mehr oder weniger nicht so wichtig. Für junge und alte Menschen hingegen spielt die Zeit eine Rolle. Allein für sie lohnt es sich, möglichst schnell aus der Pandemie hinauszukommen.

Mich muss sie nicht überzeugen. Der Solidaritätsgedanke ist mir zwar wichtig, aber ich habe auch ganz handfeste, egoistische Motive: Ich habe genug, immer und überall zurückhaltend zu sein. Ich merke, dass ich in der letzten Zeit weniger vorsichtig und umsichtig bin. Ich möchte nicht mehr nachts mit der bangen Frage hochschrecken, ob ich jemand anderes oder mich selber angesteckt habe. Ich möchte mich wieder frei bewegen, ohne Maske in den Zug steigen, Freundinnen umarmen, spontan in einer Gartenbeiz einen Kaffee trinken oder mit meinem Mann auswärts essen gehen können. Und ja, ich möchte auch wieder reisen können.

Im Kanton Bern werden weitere Impftermine aufgeschaltet. Jetzt können sich auch die über 65-Jährigen anmelden. Über Ostern ist das Thema in meinem Bekannten- und Freundeskreis allgegenwärtig, per Telefon und SMS macht man sich gegenseitig auf die freigegebenen Termine aufmerksam. Auf dem Weg zum Hoflädeli sehe ich eine Nachbarin, die in einem Demenzheim arbeitet. Über den Gartenzaun kommen wir ins Gespräch, natürlich auch übers Impfen. Sie tönt resigniert: Über 95 Prozent der Bewohnenden seien geimpft, aber weniger als ein Drittel der Pflegenden hätten sich impfen lassen. Corona unter den Mitarbeitenden wäre ein Desaster für das Heim: «Deshalb können wir die Schutzmassnahmen wohl noch lange nicht aufheben.»


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