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Dvořák, Habeck und Scholz 29. August 2022

Mehr als zwanzig Jahre lang arbeitete Usch Vollenwyder (70) bei der Zeitlupe. Seit Januar ist sie pensioniert. Jede Woche erzählt sie aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von himmlischer Musik und kleinkrämerischem Alltag.  

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

Ich bin für die Zeitlupe in Hamburg, um einen Artikel über eine Musikreise vorzubereiten. Ich bin gern allein und in meinem Rhythmus unterwegs, und es macht mir nichts aus, als Single unter lauter Paaren, Familien und Gruppen aufzufallen. Alle wichtigen Sehenswürdigkeiten habe ich erkundet. Höhepunkt aber war ohne Zweifel das Dvořák-Violinkonzert in der Elbphilharmonie. Der Glasbau auf dem roten Backsteinsockel – einem ehemaligen Lagerhaus an der Elbe – ist zum neuen Wahrzeichen der Stadt geworden. Hamburg ist stolz auf das vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron entworfene Meisterwerk, auch wenn die geplanten Kosten sage und schreibe um das Elffache überzogen wurden. 

Über zweitausend Zuhörerinnen und Zuhörer finden im grossen Konzertsaal Platz. Terrassenförmig ziehen sich die Zuschauerränge rund um die Bühne in die Höhe, von überall her hat man das Orchester im Auge und die Musik im Ohr. Es ist mucksmäuschenstill, als der Dirigent den Stab hebt und das Orchester einsetzt. Schon nach wenigen Takten übernimmt der Violinist Augustin Hadelich – in schwarzem Anzug mit hochgeschlossenem Kragen – die Melodie. Seine Musik erfüllt den Saal, er verschmilzt mit Orchester und Publikum. Nach dem Konzert google ich seinen Namen: 1984 in Italien geboren, beginnt er mit fünf Jahren mit dem Geigenspiel, mit fünfzehn wird er bei einem Brand schwer verletzt. Sein Genie überlebt, Oberkörper, Hände und Gesicht blieben gezeichnet. 

Auf der Aussichtsplattform der Elbphilharmonie trinke ich einen Schlummertrunk. Ich schaue über die Dächer der Stadt, die Elbe, die beleuchteten Schiffe. Die Musik klingt in mir nach und ich denke, welch grosses Geschenk sie doch ist. Menschen lassen sich von ihr berühren – die einen von Jodelklängen oder Chansons, andere von Blues und Jazz, wieder andere von Volksliedern oder Opernmelodien. Von Musik erfüllte Menschen machen die Welt zu einem besseren Ort, denke ich, als ich im Hotelzimmer aus dem schwarzen Kleid und den geschlossenen Schuhen schlüpfe. 

Ich putze die Zähne und schalte den Fernseher ein. Die Schlagzeile des Tages: Bundeskanzler Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Robert Habeck fliegen mit ihrem Gefolge nach Kanada, und – man stelle sich das vor – ohne Maske! Nachrichtenfüllend wird darüber berichtet, als wäre es ein Thema von nationaler Bedeutung und grösster Tragweite! Denn in Deutschland herrscht im öffentlichen Verkehr immer noch eine Maskenpflicht, und wo käme man denn hin, wenn sich zwar Kreti und Pleti, nicht aber seine höchsten Vertreter daran halten müssen! Der Beitrag strotzt vor Kleingeist, Intoleranz und Empörung. Neben den maskenlosen Scholz und Habeck scheint es kein wichtigeres Thema zu geben. 

Eine Stunde zuvor noch habe ich dank der Musik einen Hauch vom Himmel gespürt. Ein Knopfdruck genügt, und ich bin zurück in der Erdenschwere. 


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Beitrag vom 29.08.2022

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