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Der blaue Planet 10. August 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von einem pessimistischen Blick in die Zukunft und von glücklichen Hühnern. 

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Journalistin

Vor fünfzig Jahren habe er seinen ersten «grünen» Artikel unter dem Titel «Die Erde ist die Allmend aller Lebewesen» geschrieben, erzählt mir der Zürcher Historiker und Konfliktforscher Kurt R. Spillmann im Interview. Er habe dafür plädiert, dass die ausbeuterische Haltung und das egoistische Denken aufgegeben werden und die Menschheit als Kollektiv zum Verzicht bereit sein müsse: «Sonst wird dieser wunderbare blaue Planet zerstört». Kurt R. Spillmann hofft auf die Enkelgeneration: Dass sie mit neuen Ideen und Erkenntnissen die drohende Klimaveränderung doch noch abwenden könne.

So habe ich es noch nie betrachtet. Wenn ich an die Zukunft unserer Erde denke, spüre ich auch ohne Corona fast nur noch Resignation. Kurt R. Spillmann gibt mir Hoffnung und meinen Gedanken eine positive Richtung. Die Klimajugend – unsere Enkelgeneration – bricht auf. Vielleicht gelingt ihr, was wir verbockt haben. Ich denke an unsere Kleine und hoffe von ganzem Herzen, dass sie dereinst zu den Menschen gehört, welche sich «die Erde als Allmend für alle Lebewesen» zu ihrer Aufgabe machen – dem hässlichen Gegenwind aus etablierter Wirtschaft und Politik zum Trotz.

Die ganzen Sommerferien über hat sie mit Papa und Mama den Hühnerstall fertig gebaut. Natürlich mit einem grossen Gehege rundum. Ein Bauer aus dem Dorf hatte schon im Frühling eine Glucke und sieben Eier von schwedischen Blumenhühnern gebracht. Von Anfang an wurden die Küken verhätschelt und gestreichelt, jetzt endlich darf das zahme Federvieh – drei Hühner und vier Hähne – in den grosszügigen Neubau ziehen. Viel Zeit verbringt die Kleine im Hühnerhof. Beim Eingang hat sie ein Holzschild angebracht: «Hühnerhausen» steht darauf. Ihr Lieblingshuhn heisst Lille und ist ein Hahn. 

Am Sonntag machen wir mit ihr – wie immer in den Ferien – einen Ausflug. Dieses Mal besuchen wir die Dinosaurierspuren im Steinbruch von Lommiswil bei Solothurn. Zum Mittagessen in einem Restaurant gibt es Pommes Frites mit Ketchup. Auch Chicken Nuggets dürfte die Kleine haben. Doch diese will sie partout nicht: Da müsse sie an Lille, Sigurd, Hallgrim, Katla, Lobra, Blossom und Güggeli denken. Sie könne doch kein Poulet essen!

Ich erinnere mich an eine Stellvertretung als junge Lehrerin in einer Unterstufe. Viele Lektionen hatte ich zum Thema Umweltschutz vorbereitet, überzeugt, ich würde damit einen Beitrag zur Welterrettung leisten. Bis mir eine ältere Kollegin auf die Schulter klopfte. Ich solle die Theorie vergessen und stattdessen in den Kindern die Liebe zur Natur wecken und stärken: «Nur was man liebt, ist man auch bereit zu schützen.» Vielleicht muss man tatsächlich dort beginnen. 


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