© Nicola Pitaro

Ein Herz für Tiere

Das Alter birgt zwar allerlei schwierige Prüfungen – aber auch Chancen und Freuden. Manche Menschen schüren in der zweiten Lebenshälfte ihre Liebe zu den Tieren. Wie Kaninchen, Bienen, Hühner und Geissen Erfüllung ins Leben ihrer Halterinnen und Halter tragen. 

Die Geissenzüchterin

Bäuerin Elisabeth Egli (57) geht in Grüsch (GR) regelmässig mit ihren Strahlengeissen spazieren. Sie hat ihr Herz ganz und gar an die eigensinnigen Tiere verloren.

Kaum betritt Elisabeth Egli den Stall, geht das Gemecker los. Die Milchgeissen freuen sich hörbar über den Besuch der Bäuerin, und die jungen Böcke im angrenzenden Freilaufgehege machen vor Begeisterung sogar Luftsprünge. «Geissen sind spezielle Wesen», sagt Elisabeth Egli: «Sie sind eigensinnig und klug – mit ihnen lässt sich eine enge Beziehung aufbauen.»

Ihre Liebe zu Zicklein und Ziegen währt nunmehr seit 54 Jahren. Mit vier Jahren lernte die Bauerntochter bereits, diese zu melken – regelmässig ging sie mit ihren Lieblingen spazieren. Und als sie 2002 nach Grüsch, auf den Bauernbetrieb ihres zweiten Mannes Hanspeter, zog, war für die Bündnerin klar: Geissen mussten her. Sechs Jahre später entdeckte sie in der Lokalzeitung ein Inserat, in dem eine Herde Bündner Strahlengeissen angepriesen wurde: eine Rasse mit schwarzer Grundfarbe und weissen Strahlen. Elisabeth Egli übernahm den Bestand und begann mit der Zucht. «Die Strahlengeissen waren aus der Mode geraten», sagt sie: «Denn andere Rassen geben mehr Milch, sind also lukrativer.» Mittlerweile leben 19 Milchgeissen, drei Böcke und rund zwei Dutzend Jungtiere auf dem Sananggahof. Jeden Morgen punkt 6.30 Uhr schaut Elisabeth Egli zum ersten Mal nach den Tieren, und erst um 21.30 Uhr ist Lichterlöschen. Ein langer Tag verbindet Tier und Mensch.

Gegen 30 Jungtiere gehen jährlich aus der Zucht hervor. Ein Teil davon verkauft sie an andere Züchter. Ziegen, die sich nicht zur Zucht eignen, werden geschlachtet. Das Frischfleisch und die daraus produzierten Salsize und Mostbröckli liefert sie schweizweit an Stammkundinnen und -kunden. Die Milch verarbeitet sie zu Ziger. Rund 100 Stöckli fallen pro Woche an, diese gibt sie an ausgewählte Läden weiter. «Mir ist es wichtig, Fleisch und Milch der Tiere umfassend zu verwerten», sagt Elisabeth Egli. «Das bin ich den Geissen schuldig – als Zeichen des Respekts.» Die Bündner Bäuerin hat ihre Leidenschaft offensichtlich an Tochter Sina weitervererbt. Die 19-Jährige absolviert derzeit die landwirtschaftliche Ausbildung und will den Hof ihrer Eltern übernehmen. Gemeinsam planen Mutter und Tochter einen Ausbau des Ziegenstalles, er soll den Tieren zusätzlichen Platz und Freilauf gewähren. «Ich bin 57 Jahre alt. Dieser Schritt macht nur Sinn, wenn Sina meine Idee weitertragen will. Deshalb sprechen wir uns in dieser Sache genau ab», sagt Elisabeth Egli.

In ein paar Jahren will die Bündnerin kürzertreten, aber von der Arbeit mit den Geissen mag sie nicht lassen. «Dazu habe ich die Tiere zu sehr in mein Herz geschlossen», sagt Elisabeth Egli: «Hoffentlich begleiten sie mich noch sehr lange – möglichst bis zu meinem Ende.» Mehr Infos: sananggahof.ch

Geissenzüchterin Marianne Egli in Grüsch mit ihren Geissen. Sie sitzt auf der Wiese und spielt mit ihnen. Eine Geiss neigt den Kopf zu ihr herunter.
© Nicola Pitaro

Der Kaninchenfan

Franz Betschart (76) züchtet in Altdorf (UR) Kaninchen – mittlerweile hoppeln im gemieteten Stall drei Rassen. Die Chüngel schenken ihm Faszination, Freundschaften und Zufriedenheit.

Über 40 Jahre drehte sich das Leben von Franz Betschart um harte Fakten und Zahlen. Jahresbilanzen und Renditen hielten den Banker gehörig auf Trab. Während seine Berufskolleginnen und -kollegen auf dem Golfplatz Erholung davon suchten, zog es ihn in den Stall, zu seinen Kaninchen. «Bei diesen fand ich Ruhe und Entspannung», sagt der gebürtige Schwyzer rückblickend: «Denn egal, wie schief die Weltlage war und ist: Die Tiere zeigen immer dieselbe Gelassenheit. Darüber hinaus sind sie dankbar für alles, was man für sie tut. Auch das ist einzigartig.»

Franz Betschart mit einem Kaninchen auf dem Schoss. Zeitlupe.
© Monique Wittwer

Chüngelizüchter – dieses Wort hatte einen schalen Beiklang unter Bankern, als der dreifache Familienvater vor über 30 Jahren sein erstes Kaninchen kaufte. Damit verbanden die Menschen Kleingeist und Bünzlitum. «Doch das war mir egal», sagt Franz Betschart. «Heute beneiden mich viele um mein Hobby», sagt er. «Es beschert mir noch immer Faszination – ein wichtiger Wert für ein erfülltes Leben.» Durchschnittlich zwei Stunden verbringt er jeden Tag mit den Vierbeinern. Rund 100 Junghasen bringen seine rund 20 Zibben jährlich zur Welt. Ein Teil davon verkauft er, den anderen verwertet er in der Küche oder gibt das Fleisch an andere weiter. «Wer züchtet, der schlachtet», sagt er. «Diese Formel ist so alt wie die Kaninchenhaltung.»

Franz Betschart wuchs auf einem Bauernhof auf und kam schon früh mit Chüngeln und Tieren aller Art in Kontakt. «Ich hätte mir gerne Geissen oder Schafe angeschafft», sagt er: «Doch dazu fehlte mir das Land. Also kam ich auf die Hasen zurück.» Einst hielt er die Tiere rund ums Wohnhaus, vor sechs Jahren konnte er am Rand von Altdorf einen stillgelegten Stall mieten. Nach der Pensionierung forcierte er die Zucht. Mittlerweile leben drei Rassen in seinen Stallungen: die Lohs mit ihren schwarzen Rücken und den hellen Bäuchen, die stattlichen Holländer mit ihren markanten Zeichnungen und Zwergwidder mit Lampiohren.

Bis acht Mal im Jahr präsentiert der 76-Jährige seine Kaninchen an Ausstellungen – und das mit grossem Erfolg, wie die vielen Preise in seinem Stall dokumentieren. «Darin bin ich ehrgeizig», sagt Franz Betschart: «Ich will möglichst schöne, rassetypische Kaninchen hervorbringen», sagt er. Dafür tauscht er sich regelmässig mit anderen Züchtern aus, daraus seien viele Freundschaften entstanden. «Mit der Hasenzucht wird man zwar nicht reich», sagt er. Selbst ein Champion bringt nicht mehr ein als 50 bis 100 Franken. «Aber die damit verbundenen Erlebnisse sind unbezahlbar. Sie sind Gold wert.»


Der Bibi-Ätti

Schon als Kind träumte Fritz Brönnimann (75) davon, Zwerghühner zu halten. Doch erst 60 Jahre später erfüllte sich sein Wunsch. Nun stolzieren bis 100 Tiere um das ehemalige Bauernhaus in Mühlethurnen (BE). Sie sehen aus wie gut gelaunte Federbällchen. 

Noël (8) nennt seinen Grossvater liebevoll Bibi-Ätti: Er begleitet diesen durch die Gehege, in denen Bassettli, Araucana, Ückeler Bartzwerge und Lachshühner leben. Mittlerweile besitzt Noël selber zwei Zwerghühner: Huhn Rosalie und Güggel Joggeli. Manchmal setzt er die beiden auf den Lenker seines Velos, radelt damit zum nahen Restaurant und erzählt den Gästen aus dem Leben seiner gefiederten Freunde. «All das hat mir Bibi-Ätti beigebracht», sagt er. «Bald werde ich zu züchten beginnen, so wie er.»

Hühnerzüchter Fritz Brönnimann mit einem Zwerghuhn. Er sieht es liebevoll an. Zeitlupe.
© Pia Neuenschwander

Viele Menschen empfinden Hühner als eklig, Bibi-Ätti Fritz Brönnimann aber ist von ihnen begeistert. Bereits seine Eltern hielten auf ihrem Bauernhof Legehennen, doch diese gefielen dem Buben nicht. Er hätte sie noch so gerne mit hübschen Zwerghühnern ausgetauscht. «Doch mein Vater wollte davon nichts wissen, also blieb der Wunsch unerfüllt.» In späteren Jahren fehlte ihm die Zeit, den Traum selber anzupacken. Dazu kam es erst nach der Pensionierung. Heute stolzieren bis zu 100 hübsch frisierte Federbällchen ums Haus. In einem Gehege leben unter anderem sechsjährige Seniorinnen. Ist ein junger Hahn unartig oder zu impulsiv, sperrt ihn der ehemalige Strassenmeister zu den alten Damen. «Diese bringen ihm Anstand und angemessenes Verhalten bei.»

Andere Züchter müssen viel Zeit und Aufwand investieren, damit ihre Tiere an Ausstellungen Lob und Lorbeeren erringen. Fritz Brönnimann erreichte das in kürzester Zeit. Bereits das erste Gelege brachte eine Championne hervor. «Hühnerfreunde aus dem Welschland boten mir für die Prachthenne 300 Franken – natürlich winkte ich ab.» Lachshühner und Ückeler Bartzwerge gelten als besonders zutraulich und sind auch bei Hobbyfans begehrt. «Ich könnte weit mehr Tiere verkaufen, als meine kleine Zucht hervorbringt», sagt der Berner. Geschlachtet hat er bislang kein einziges davon: «Ich esse doch meine Tiere nicht, wo denken Sie hin.»

Der Aufwand, um an Ausstellungen zu überzeugen, ist gross. Die Tiere werden gebadet, schamponiert, geföhnt. Die Nägel und der Schnabel werden gefettet und allenfalls in Form gebracht, einzelne Federn gezupft. Mit Tieren fühlt sich Fritz Brönnimann besonders eng verbunden – und längst nicht nur mit Hühnern. Mit dem Fuchs, der vor seinem Haus seine Runden dreht, hat er sogar einen Pakt geschlossen. Er gibt ihm dann und wann Futter – und fordert im Gegenzug, dass er seine Zwerghühner in Ruhe lässt. «Bislang hat sich der Fuchs an die Regeln gehalten», sagt er. Ein Glück für Mensch und Tier.


Der Bienenfreund

Die Sorge um die Natur treibt Ernst Leuenberger (76) schon von jeher um. In seinem Garten in Safenwil leben acht Bienenvölker. Sie bescheren dem Hobbyimker jährlich 5 bis 10 Kilo Honig und bestäuben gleichzeitig die umliegenden Pflanzen.

Ernst Leuenberger war Förster, er kümmerte sich rund 40 Jahre um den Wald und dessen Bewohner. Immer stand es für den Aargauer fest: Er wollte sich auch nach der Pensionierung für Flora und Fauna einsetzen. Darum engagiert er sich im Naturschutz. Auch die hölzernen Bienenkästen, die rund um sein Einfamilienhaus in Safenwil stehen, zeugen von seiner Sorge um die Umwelt. Darin leben aktuell acht Bienenvölker. Diese bescherten dem Naturfreund vor zwei Jahren volle 30 Kilo Honig und bestäuben gleichzeitig die umliegenden Pflanzen. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt. Auch Wildbienen bietet Ernst Leuenberger an jeder Ecke Nistmöglichkeiten an.

Hobby-Imker Ernst Leuenberger mit einer Pfeife, deren Rauch die Bienen beruhigen soll.
© Sonja Ruckstuhl

Kaum steigt das Thermometer über 12 Grad Celsius, beginnt es im Garten des Aargauers zu summen und brummen. Dann fliegen die Bienen aus, um Pollen und Nektar herbeizuflügeln. Rund 30 Kilo Pollen brauchen sie pro Jahr, um ihr Volk gesund über den Winter zu bringen. «Doch die intensive Nutzung des Landes, der Einsatz von Giften setzten den Tieren zu», bilanziert der 76-Jährige. «Damit blockieren wir einen wichtigen Mechanismus der Natur. Denn ohne Bienen und andere Insekten werden Pflanzen erst gar nicht bestäubt, zudem fallen sie als Futterquelle anderer Tiere aus: Die Artenvielfalt nimmt ab.»

Deshalb hat er in seinen Garten zuhauf Wildstauden gepflanzt, so finden seine Bienen in nächster Umgebung Nahrung. «Sie können zwar bis zu einem Kilometer fliegen, um Pollen einzusammeln», sagt der Experte: «Doch lange Distanzen sind riskant. Fällt die Temperatur unerwartet unter 12 Grad, schaffen sie den Rückweg nicht mehr und sterben.» Das ist im Frühling öfter der Fall.

Sein erstes Bienenvolk übernahm Ernst Leuenberger vor 50 Jahren. Nach der Pensionierung hat er sein Hobby ausgebaut. «Mich fasziniert die soziale Struktur des Schwarmes, die Klugheit der Tiere», sagt er: «Es sind rundum intelligente Tiere – nur so konnte die Art über Millionen von Jahren überleben.» Seine Aufgabe besteht hauptsächlich darin, über seine Völker zu wachen und diese tagtäglich zu kontrollieren – damit er Krankheiten oder Risikofaktoren frühzeitig erkennt.

Auf einen Schutzanzug verzichtet Ernst Leuenberger, macht er sich auf Erkundungstour. «Darunter schwitze ich stark, und das bewirkt, dass mich mehr Tiere stechen.» Lieber bewaffnet er sich mit einer Pfeife. Deren Rauch soll die Tiere beruhigen, doch auch diese Methode funktioniert nur bedingt. «Pro Tag werde ich gut und gerne ein halbes Dutzend Mal gestochen», sagt er. Doch daran hat sich Ernst Leuenberger schon längst gewöhnt. «Wespenstiche sind weit schlimmer.»

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