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Aufrüstung im Dörfli 15. November 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von Aufrüstung, Abstimmungskampf und den Tränen von Alok Sharma.  

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

Jetzt macht auch der Nachbar vis-à-vis mobil: Das grosse Plakat hängt von seinem Balkon, die geballte Faust mit ausgestrecktem Zeigefinger wirbt in roten Lettern mit der Frage «Impfzwang für alle?» für ein Nein zur «extremen und unnötigen Covid-Verschärfung» an der Urne. Worauf unsere Nachbarfreunde flugs das Plakat «Impfen statt schimpfen» bestellen. Dasjenige beim Bahnhof hing nicht lange, bevor es von Impfgegnern herunter gerissen wurde. Auch ihres wird wohl keine grosse Überlebenschance haben: Die Warnschilder vor Massenüberwachung, Diskriminierung und Dauerimpferei werden immer zahlreicher.

Im Dörfli wird aufgerüstet. Abstimmungskampf im Kleinen. Plakate hängen an Häusern, in denen kaum je politische Meinungsmache betrieben wurde. Der gutnachbarschaftliche Alltag ist davon glücklicherweise noch nicht berührt: Der Bio-Kleinbauer bringt einen köstlichen Kaninchen-Rollbraten. Der Nachbar gegenüber geht fischen und fragt, ob wir auch gern eine frische Forelle möchten. Man tauscht die üblichen Dörfli-Neuigkeiten aus und umschifft den Abstimmungssonntag. Es wissen ohnehin alle, was die anderen denken. Noch lasse ich mir die Überzeugung nicht nehmen, dass im Notfall die Dörfli-Gemeinschaft zusammenstehen würde.

Das Ausland staunt. «Widerstand gegen Corona in der Schweiz besonders heftig», titelt der Spiegel: «Die Impfgegner in der Schweiz sind so laut und omnipräsent wie sonst nirgends in Europa.» Er schreibt: «Dabei dürfen die Schweizer – ganz demokratisch – am 28. November bereits zum zweiten Mal über die im europäischen Vergleich milden Corona-Schutzmassnahmen ihres Landes abstimmen.» Darunter folgen Bilder der Freiheitstrychler. Ich höre schon die spöttischen Kommentare meiner deutschen Grossstadt-Freundin: Zum Klischee der furchtlosen Tellensöhne und -töchter kommt jetzt noch das Bild holzjochtragender Glockenspieler.

Wird die Vorlage angenommen, sind die Corona-Probleme noch längst nicht vom Tisch. Wird sie abgelehnt, geht die Welt auch nicht unter. Doch der Abstimmungskampf um die paar Änderungen des bereits im März angenommenen Covid-19-Gesetzes wird mit einer Verbissenheit geführt, als stünden tatsächlich ureidgenössische Freiheitsrechte auf dem Spiel. Ich frage mich, wie unsere auseinanderdriftende Gesellschaft mit den Herausforderungen der Zukunft umgehen wird – mit der drohenden Klimakatastrophe zum Beispiel. Die Tränen des Präsidenten des Klimagipfels Alok Sharma zum Ende der Weltklimakonferenz in Glasgow lassen mich jedenfalls nicht mehr los.


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